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Von Ralf Hutter 17.08.2010 / Nord-Süd

Stadtgärten sprießen in der Krise

Urbane Gartenprojekte gewinnen in Nord und Süd an Bedeutung für die Ernährungssicherung

In der Wirtschaftskrise gewinnt die in Stadtgärten auf der ganzen Welt betriebene Subsistenzwirtschaft für viele Menschen an Bedeutung. Die Technische Universität Berlin widmete dem Thema unlängst ein Handbuch.
Robert Shaw (l.) und Marco Clausen initiierten 2009 die Prinzess
Robert Shaw (l.) und Marco Clausen initiierten 2009 die Prinzessinnengärten in Berlin-Kreuzberg.

Die Weltbank warnt vor einer erneuten Ernährungskrise. Der Grund für die Besorgnis: Weitere Länder könnten dem Beispiel Russlands folgen, das seit dem 15. August wegen hitze- und brandbedingten Ernteausfällen den Weizen-Export einstellte und dies nach jetzigem Stand bis zum Jahresende beibehalten wird. Und da nicht nur Russland von Ernteausfällen betroffen ist, fürchtet die Weltbank ein Krisenszenario wie 2008, als es in vielen Ländern des Südens zu Hungeraufständen wegen Preiserhöhungen bei Grundnahrungsmitteln kam, als sich nacheinander die Weltmarktpreise von Reis, Mais und anderem Getreide jeweils innerhalb von rund einem halben Jahr verdoppelt oder verdreifacht hatten.

Globaler Wettlauf um Ackerland

Um die Ernährung ihrer Bevölkerung zu sichern, gehen immer mehr Länder dazu über, sich in Afrika, Asien, Lateinamerika oder Osteuropa Land zu sichern, was als Phänomen des Landgrabbings (Landnahme) seit rund zwei Jahren für Schlagzeilen und Unruhe sorgt.

Während der globale unternehmerische Wettlauf um Ackerland – das vor allem wegen des Klimawandels weltweit knapper wird – sozialen Sprengstoff bedeutet, gibt es in vielen Städten der Welt einen leichten Gegentrend, nämlich eine ganze Vielfalt an Initiativen, die verschieden gelagerte gemeinnützige urbane Gartenprojekte verfolgen. Die Berliner Soziologin und Gartenpraktikerin Elisabeth Meyer-Renschhausen forscht seit den 1990ern zu dem Thema. Sie spricht, zumindest für Deutschland, von einer »neuen Subsistenz-Bewegung«.

Einen Überblick darüber verschafften sich seit dem letzten Wintersemester auch Studierende an der Technischen Universität (TU) Berlin in einem Forschungsprojekt, dessen Fokus auf Berlin und den USA lag. Die Ergebnisse liegen nun unter dem Titel »Es sprießt was in der Stadt – Urbane Landwirtschaft als Beitrag zur nachhaltigen Stadtentwicklung« in drei Bänden vor: Ein Konzept namens »Regionalisierung im Obst- und Gemüsebau für Berlin-Brandenburg«, eine Studie zum Potenzial von Dachgärten in Berlin und ein 200 Seiten umfassendes Handbuch mit einem Überblick über die verschiedenen Formen von städtischem Gärtnern. Letzteres gibt einen tollen Einstieg in das Thema ab, denn die einzelnen Kapitel sind verständlich aufgebaut und enthalten viele Fotos sowie Verweise zum Weiterlesen.

Präsentiert wurden die Forschungsergebnisse Mitte Juli im Berlin-Kreuzberger Projekt »Prinzessinnengärten«. Der gar nicht so kleine Stadtgarten macht seit letztem Sommer Furore. Einerseits führt er innovative Anbaumethoden vor – so werden etwa Kartoffeln vertikal in Säcken angebaut, Gemüse in Brotkisten und Kräuter in alten Getränketüten – andererseits wird auch die Nachbarschaft quer durch Alter und Herkunft zusammengebracht. Der Garten ist täglich für die Allgemeinheit offen, es kann spontan gegärtnert und (kostenpflichtig) geerntet werden, sogar ein Café wird betrieben.

Einer der beiden Projektgründer ist Robert Shaw. Er hatte bei zwei Aufenthalten in Kuba die wachsende Bedeutung von urbanen Gartenprojekten nach dem Zusammenbruch des Rats gegenseitiger Wirtschaftshilfe mitbekommen. Mit Stadtgärten versucht die kubanische Regierung, die Engpässe bei der Lebensmittelversorgung zu mildern. Die gewachsene Bedeutung für die Ernährung der Bevölkerung sei offensichtlich, so Shaw gegenüber ND.

Anders als in den meisten Industrieländern, wo bei städtischen Gartenprojekten eher Integration, Bildung, Ökologie und Steigerung der Lebensqualität im Vordergrund stehen, geht es in den USA wie in Kuba primär um den Aspekt der Verbesserung der Ernährungssituation. Da es in den USA keine absichernde Wohnungspolitik gebe – weder sozialen Wohnungsbau, noch Miethöhenbegrenzungen oder Flächennutzungspläne – und die Sozialhilfe nicht länger als fünf Jahre gezahlt werde, sei der Zwang zur Subsistenzwirtschaft stark, berichtet Meyer-Renschhausen, die vor einigen Jahren ein Buch zu den New Yorker Stadtgärten veröffentlichte.

»Krisenphänomen« Stadtgärten

In dem TU-Handbuch werden nicht nur konkrete Projekte vorgestellt (vor allem aus den USA), sondern es finden sich auch Hinweise zur globalen Dimension. Demnach werden in Hanoi (Vietnam) und Shanghai (China) jeweils zwischen 50 und 100 Prozent des konsumierten Schweine- und Geflügelfleisches und Gemüses sowie der Eier und Milch in »städtischen und stadtnahen Gebieten« erzeugt.

Shaw kennt die Shanghaier Situation. Dort habe eben eine gewisse Tradition der Selbstversorgung nie abgebrochen. Hingegen sei das neuerliche Erstarken der urbanen Gärtnerbewegung, wie schon in den 90ern in Kuba, ein »Krisenphänomen«, aktuell etwa in England und Detroit (USA), vor Jahren in Buenos Aires. In diese Reihe kann auch ein im Handbuch beschriebenes Schulgarten-Projekt in El Salvador gestellt werden. Dort hatte ein zwölfjähriger Bürgerkrieg und ein schwerer Hurrikan die Ernährungssituation drastisch verschlechtert.

Meyer-Renschhausen findet Gartenprojekte auch in Deutschland wichtig, vor allem für Langzeiterwerbslose und Flüchtlinge. Doch zumindest in Berlin werden sie, wie die »Prinzessinnengärten«, auf kommunalem Land vorwiegend nur zur Zwischennutzung akzeptiert. Das Urteil der Soziologin über das kommunale Personal der Hauptstadt ist knapp: »Die Stadt- oder Grünplaner haben von Sozialem keine Ahnung.«

Informationen zu den TU-Forschungsergebnissen finden sich unter www.urbane-landwirtschaft.net

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