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Von Sarah Liebigt 18.08.2010 / Berlin / Brandenburg

Zwölf Azubis auf ein Schnitzel

DGB Jugend Berlin-Brandenburg präsentierte Ausbildungsreport 2010

Ungewissheit im dritten Lehrjahr: Übernahme oder Hartz IV?
Ungewissheit im dritten Lehrjahr: Übernahme oder Hartz IV?

Daniela und Anne hatten Abitur und ein abgebrochenes Studium hinter sich, als sie eine Ausbildung zur Köchin beziehungsweise zur Landschaftsgärtnerin aufnahmen. Ihr Alter bei Beginn der Lehre lag daher über dem betreffenden Schnitt von 19 Jahren.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) Berlin-Brandenburg stellte am Dienstag seinen Ausbildungsreport 2010 vor und liefert unter anderem Erklärungen dafür, weshalb das Durchschnittsalter bei Beginn einer Ausbildung so hoch ist. War beispielsweise für die Ausbildung zur Bankkauffrau lange Zeit ein Realschulabschluss ausreichend, verlangen die Ausbildungsbetriebe heute nicht selten Abitur, weiß Christin Richter, Vorsitzende des Berufsbildungsausschusses beim DGB. Zudem fordern nicht wenige Betriebe von ihren Azubis bereits Berufserfahrung aus drei- bis sechsmonatigen Praktika, so Richter.

Als Resultat des Reports erneuerte der DGB erneuerte seine Forderungen nach einer Mindestausbildungsvergütung von 500 Euro monatlich sowie der Übernahme der Lehrlinge.

In der Debatte um den Ausbildungsmarkt halten sich hartnäckig zwei gegensätzliche Auffassungen: Dem dramatischen Hinweis auf drohenden Fachkräftemangel und unbesetzte Ausbildungsplätze steht die Bemängelung von zu wenig Lehrstellen gegenüber. Der Vorwurf, heutige Ausbildungsanwärter könnten nicht mehr ordentlich rechnen, lesen und schreiben, ergänzt diese Diskussion. Es gelte, die »Diskrepanz zwischen Fachkräftebedarf und dem Unwillen, in die junge Generation zu investieren, abzuschaffen«, sagte die DGB-Landesvorsitzende Doro Zinke am Dienstag.

Bundesweit standen im Jahr 2009 36 335 Bewerber/innen 29 382 Ausbildungsstellen gegenüber, so der DGB. Dem muss hinzugefügt werden, dass als »unversorgt« nur die Jugendlichen gelten, die nicht gerade Fördermaßnahmen, Praktika oder ein Berufsgrundbildungsjahr absolvieren – häufig, um die Wartezeit auf eine Ausbildungsstelle zu überbrücken. Rechnet man jedoch diese Gruppe hinzu, verdoppelt sich die Zahl der Jugendlichen ohne Lehrstelle in Berlin und Brandenburg. Zu den immer wieder beklagten unbesetzten Lehrstellen gibt es laut DGB keine offiziellen Zahlen. Die Berliner Industrie- und Handelskammer weigere sich, die unbesetzten Stellen zu benennen, so Doro Zinke.

Wer das Glück hat, einen Ausbildungsplatz im gewünschten Beruf zu bekommen, kann sich oft nur mittelfristig freuen. Laut Ausbildungsreport muss jeder dritte Lehrling Überstunden leisten, jeder vierte Azubi ausbildungsfremde Tätigkeiten miterledigen. Ein Drittel der Auszubildenden bewertet seine Ausbildung als unzureichend.

Daniela, die heute Anfang 20 ist, lernt in einem renommierten Berliner Gastronomiebetrieb. Überstunden sind an der Tagesordnung, bis zu 70 Stunden in sechs Tagen arbeiten sie und die anderen Azubis. Es sei gang und gäbe, dass sie auch an freien Tagen spontan zur Arbeit aufgefordert werde. Netto bekommt Daniela 300 Euro im Monat – selbstverständlich sei, dass sie Ausbildungsmaterial wie Lehrbücher, Messer für 500 Euro und Sicherheitsschuhe selbst finanziere. Ausbildungsmaterialien hat rein rechtlich jedoch der Betrieb zu stellen. Was die junge Frau berichtet, ist keine Ausnahme. Doch die wenigsten Lehrlinge wissen um ihre Rechte und Ansprüche.

Neben der klassischen dualen Ausbildung in Betrieb und Schule gibt es Freie Träger, die eine rein schulische Berufsausbildung anbieten. Wer hier Koch lernt, darf sich mitunter mit zwölf anderen Lehrlingen ein Schnitzel teilen, um das Braten zu lernen. Dies sei natürlich nicht die Regel, so Doro Zinke. Solche Lernbedingungen und der vorwiegend theoretische Charakter dieser Ausbildung sind jedoch Grund dafür, dass Lehrlinge mit schulischer Ausbildung zweite Wahl sind. Die Freien Träger verdienen Geld, bieten vorwiegend keine Vermittlung nach Abschluss der Ausbildung an und produzierten arbeitsmarktuntaugliche Lehrlinge, ergänzt Christin Richter.

Anne hat ihre Ausbildung in diesem Jahr abgeschlossen und ist von ihrem Chef übernommen worden. Ihre Übernahme stand bereits im 2. Lehrjahr in Aussicht, berichtet die 25-Jährige. Der Großteil der Azubis im 3. Lehrjahr steht jedoch einer ungewissen Zukunft gegenüber. Nur rund 26 Prozent der Berliner Befragten gaben an, ihre Übernahme im Ausbildungsbetrieb stehe bereits fest. Rund 49 Prozent hingegen antworteten auf die Frage mit »weiß nicht«.

»Es klumpt sich«, beschreibt Zinke den Zusammenhang von Überstunden, ungewisser Übernahme und niedrigem Lehrgeld. Betriebe, die von ihren Azubis regelmäßig Überstunden verlangen, seien auch diejenigen, die weniger als 500 Euro pro Monat zahlten. Lehrlinge sind hier häufig Vollzeitkraft, nicht junge Menschen, die ausgebildet werden sollen.

Ausbildungsreport 2010

Für den Report wurden 2189 Jugendliche in Berlin und Brandenburg befragt, mehrheitlich Jugendliche im 1. und 2. Ausbildungsjahr.

  • 30,7 Prozent müssen regelmäßig Überstunden machen.
  • 65,3 Prozent erhalten weniger als 500 Euro im Monat.
  • 28,6 Prozent sehen eine Berufsperspektive in ihrem Ausbildungsbetrieb.

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24.05.2012 | Katja Eichholz, David König und Olaf Präger

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