20.08.2010

Der Handel ist hart umkämpft

Sparmaßnahmen treffen in erster Linie das Personal

Erika Ritter ist seit 2006 Fachbereichsleiterin Handel im ver.di
Erika Ritter ist seit 2006 Fachbereichsleiterin Handel im ver.di-Landesbezirk Berlin-Brandenburg. Über Schlecker und die Entwicklungen im Einzelhandel sprach mit ihr Jörg Meyer.

ND: Warum will Schlecker keine Überstunden mehr bezahlen?
Ritter: Dass Schlecker an allen Ecken und Enden Personalkosten sparen will, ist nichts Neues. Das machen die seit vielen Jahren. Für die Kolleginnen bedeutet die Einrichtung von Stundenkonten, dass sie irgendwann, wenn sie mal Glück haben, die Überstunden abbummeln dürfen. Dadurch entsteht Schlecker kein monetärer Aufwand. Ich habe aber den Verdacht, dass es vor allem darum geht, die Beschäftigten Überstunden machen zu lassen, aber gleichzeitig darauf zu setzen, dass die Stunden »in Vergessenheit« geraten.

Das Problem ist: Die Filialen sind mit einem so knappen Personalbudget ausgestattet, dass es im Grunde genommen unmöglich ist, sie mit dem angestellten Personal zu besetzen. Das heißt, die Überstunden gehören zum System. Dazu kommt, dass die Leute auf die Ableistung und Bezahlung angewiesen sind, denn sie arbeiten sehr oft auf Teilzeitbasis, wovon sie nicht wirklich leben können. Mit einem 20-Stundenvertrag haben sie im Höchstfall knapp 1100 Euro brutto im Monat.

Was heißt es für Teilzeitkräfte, wenn Überstunden nicht mehr ausgezahlt werden bzw. die Konten eingerichtet werden? Aufstocken?
Kann passieren, aber das können wir derzeit noch nicht verifizieren. Wir wollen gerade ein Projekt für Aufstocker lostreten. Das erste Ziel ist jedoch, denjenigen, die eh schon zu wenig haben, dabei zu helfen, sich zumindest die Knete zum Überleben zu beschaffen. Für mich ist klar, dass eine Familie von 1000 oder 1100 Euro brutto nicht wirklich leben kann.

Ihr beobachtet dieses Phänomen auch bei anderen Einzelhandelskonzernen schon länger?
Aber ja. Bei den einen geht es um die Überstundenbezahlung, bei den anderen generell um die Bezahlung. Wir haben ja leider einen Trend zur Tarifflucht in den letzten Jahren gehabt. Wir müssten beobachten, dass früher tarifgebundene Unternehmen aus der Tarifbindung ausgeschert sind oder dass sie Neugründungen gemacht haben, die nicht tarifgebunden sind.

Wie Schlecker XL...
Beispielsweise, aber immerhin haben wir da die Tarifbindung seit gut zwei Monaten durchgesetzt. Dazu kommen Unternehmen, die noch nie tarifgebunden waren und es bis heute nicht sind, wie KiK oder Takko. Dieser Trend hat leider in den letzten Jahren zugenommen, obwohl wir für einige Unternehmen wie Schlecker XL oder Netto die Tarifbindung durchsetzen konnten. Bezogen auf die Beschäftigten im Einzelhandel gibt es zweierlei Entwicklungen: die einen, die immer mehr arbeiten – beispielsweise die Filialleiter – und die anderen, die im Grunde genommen so wenig Stunden kriegen, dass sie davon nicht leben können.

Ist Schlecker Vorreiter bei dieser Überstundenregelung?
Schlecker ist nicht Vorreiter, sondern einer von vielen. Um es einzubetten: Wir haben seit Jahren rückläufige oder stagnierende Kaufkraft und damit Umsätze. Trotzdem wollen Unternehmen im Einzelhandel wachsen, heißt, mehr Umsatz machen. Der zu verteilende Kuchen wird also immer härter umkämpft. Und da spart man gern bei den Personalkosten. Fazit: Entweder man drückt die Leute in Verträge mit niedriger Stundenzahl oder man drückt die Löhne und Gehälter direkt, begeht also Tarifflucht. Gegen solche Strategien hilft sich zu organisieren, gegenseitig zu unterstützen und so besser zu schützen.

Ihr wollt jetzt erst mal Informationen sammeln, wozu?
Betroffene können sich melden. Wir wollen sie bei ihren Ansprüchen unterstützen. Bei den Schleckers sind wir gut aufgestellt, haben aktive Betriebsräte, die in die Filialen gehen. Die stärken ihren Leuten wirklich sehr den Rücken.

Ver.di Fachbereich Handel in Berlin: Tel. 030 / 88 66 55 55