Von Felix Werdermann
20.08.2010

Atomkraftgegner kündigen Protest-Herbst an

Großdemonstration in Berlin am 18. September / Greenpeace-Aktion vor Leipziger Strombörse

Während die Regierung über längere Laufzeiten von Atomkraftwerken diskutiert, kündigen Umweltschützer einen »heißen Herbst« an.

Mit einer Großdemo am 18. September in Berlin möchten AKW-Gegner ein »starkes Signal für einen echten Atomausstieg« senden, sagte Thorben Becker vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) am Donnerstag in Berlin. Gerechnet wird mit zehntausenden Teilnehmern. Am Ende der Demonstration wollen die Umweltschützer das Regierungsviertel mit einer knapp drei Kilometer langen Menschenkette umzingeln. Damit genug Atomkraftgegner zusammenkommen, sind bereits zwei Sonderzüge aus dem Süden und Westen Deutschlands sowie 30 Sonderbusse angemeldet.

Die Bundesregierung will im Herbst ein Energiekonzept vorlegen, in dem auch der Weiterbetrieb der Atomkraftwerke geregelt werden soll. Dass diese Frage erst jetzt entschieden wird, liegt an der nordrhein-westfälischen Landtagswahl in diesem Frühjahr. Längere AKW-Laufzeiten wider den Willen der Bevölkerung hätten Union und FDP wichtige Stimmen kosten können.

Die Stimmung in der Bevölkerung hat sich aber nicht geändert. Atomkraftgegner sind daher hoffnungsvoll: »Wir rechnen damit, dass die gesellschaftliche Mehrheit auch die Bundesregierung zum Einlenken bringt«, sagt Jochen Stay von der Organisation Ausgestrahlt.

Der »heiße Herbst« soll in Protesten gegen den Atommülltransport ins niedersächsische Gorleben gipfeln. Die Bürgerinitiative (BI) Lüchow-Dannenberg rechnet mit 20 000 Teilnehmern bei einer Kundgebung, auf der man »mit Kind und Kegel« demonstrieren wolle. »Das wird die größte Anti-Atom-Manifestation in der Geschichte des Wendlands«, prophezeit die BI-Vorsitzende Kerstin Rudek. Die Endlagerproblematik werde »bei dem Geschacher um verlängerte Laufzeiten gern unter den Tisch gekehrt«. Diese sei aber »kein regionales Problem«.

Los gehen die Anti-Atom-Proteste schon an diesem Samstag. Das Netzwerk Campact organisiert Aktionen in 40 Städten unter dem Motto »Mal richtig abschalten«. Am 3. September werden in mehreren Städten Atommüllfässer bemalt, die danach in Berlin ein großes Mahnmal bilden sollen.

Ende September soll gegen die Inbetriebnahme des geplanten Endlagers Schacht Konrad protestiert werden, bevor wenige Zeit später zwei Demonstrationen im Süden Deutschlands auf dem Programm stehen: Am 6. Oktober soll in Stuttgart der baden-württembergische Landtag umzingelt werden, drei Tage später wird in Bayerns Landeshauptstadt München demonstriert. Die beiden unionsregierten Länder gehören zu den Hauptbefürwortern einer Laufzeitverlängerung. Umweltschützer kritisieren, dass die Atomenergie in diesen Ländern einen überproportional großen Anteil am Strommix hat, der Müll aber in den Norden Deutschlands gekarrt wird.

Die Chancen, viele Menschen auf die Straßen zu bringen, stehen gut. Schon im Herbst 2009 demonstrierten kurz vor der Bundestagswahl 50 000 Atomkraftgegner in Berlin. In diesem Frühjahr gab es dann die zahlenmäßig größten Anti-Atom-Proteste in der Geschichte Deutschlands: 120 000 Umweltschützer bildeten eine Menschenkette zwischen den Atomkraftwerken Brunsbüttel und Krümmel.

Greenpeace-Aktivisten protestierten am Donnerstagnachmittag vor der Leipziger Strombörse gegen die Atompläne der Regierung. Der Umweltverband forderte anlässlich eines Besuchs von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) an der Strombörse, die Atomkonzerne mit einer Brennelementesteuer an den Folgekosten der Atomenergie zu beteiligen. »Sollte Merkel die Brennelementesteuer fallenlassen, wäre das ein einzigartiger Kniefall der Bundeskanzlerin vor der Atomindustrie«, sagte Greenpeace-Atomexperte Tobias Münchmeyer.

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