Von Guido Sprügel
23.08.2010

Zu viel Leistungsdruck für die junge Seele

Ärzte: Rund jedes vierte Kind in Deutschland hat psychische oder psychosomatische Beschwerden

Aktuelle Studien belegen, dass immer mehr Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren an Hyperaktivität, Aggressivität, Depressionen oder psychosomatischen Beschwerden leiden. Professor Michael Schulte-Markwort vom Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) in Hamburg hält zunehmenden Leistungsdruck für eine Hauptursache.

Es sind erschreckende Zahlen. Beinahe jedes vierte Kind leidet in Deutschland unter psychischen Problemen und dadurch verursachte körperliche Beschwerden wie Bauch- und Kopfschmerzen. »Vor allem psychosomatische Beschwerden haben in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Das können wir auch in der alltäglichen Praxis beobachten«, beschreibt Professor Michael Schulte-Markwort, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychosomatik am Universitätsklinikum Eppendorf, gegenüber ND die Situation. Zusammen mit anderen UKE-Ärzten hat er aktuelle Studien der Weltgesundheitsbehörde und des Berliner Robert-Koch-Instituts ausgewertet. Rund 20 Prozent aller Kinder und Jugendlichen unter 18 Jahren leiden demnach unter psychischen Problemen, die von Hyperaktivität, Aggressivität bis hin zu klinischen Krankheiten reichen. Weitere fünf Prozent, so die Auswertung, leiden unter psychosomatischen Beschwerden wie Bauch-, Rücken- und Kopfschmerzen.

Für diese Erkrankungen gibt es keine medizinisch-organische Erklärung, sie werden von psychischen Problemen hervorgerufen. »Diese rühren wohl vor allem von einem gestiegenen Leistungsdruck auf Kinder und Jugendliche her, der oftmals durch das Elternhaus erzeugt wird«, so Schulte-Markwort. Die Eltern wollen den bestmöglichen Schulabschluss für ihre Zöglinge erreichen und haben aus diesem Grund oft überzogene Leistungserwartungen. Aber auch die Verkürzung der Gymnasialzeit und der damit verbundene erhöhte Lernstoff haben wohl zu einer Zunahme geführt. »Hinzu kommt, dass interfamiliäre Konflikte stetig zunehmen. Sie verunsichern und verängstigen Kinder, die dann zu Auffälligkeiten neigen«, ergänzt Schulte-Markwort. Er fordert auch ein Umdenken im Umgang mit Schulkindern. Bei diesen solle nicht einseitig nur auf mehr und bessere Leistungen geachtet werden. Der Forscher kritisiert, dass sich in Deutschland beinahe ein ganzer Industriezweig rund um die Förderung von Kindern etabliert habe.

Während Störungen wie etwa Depressionen, Hyperaktivität oder Störungen des Sozialverhaltens deutlich häufiger bei Kindern aus Familien mit geringem Einkommen und weniger Bildung auftreten, sind die Zahlen im Bereich der psychosomatischen Störungen nicht so eindeutig. Über langanhaltende Bauch- und Kopfschmerzen klagen Kinder und Jugendliche quer durch alle sozialen Schichten zunehmend häufiger.

Die Forscher stellen aber auch einen veränderten Umgang mit psychischen Erkrankungen fest. »Während vor 20 Jahren viele Kinder nach dem Motto ›Das wird schon wieder‹ nach Hause geschickt wurden, wird heute genauer hingeguckt«, sagt Schulte-Markwort. So könne einem größeren Prozentsatz professionell geholfen werden.

Den Trend zur Zunahme psychischer Erkrankungen bestätigt auch eine Erhebung des Statistischen Bundesamtes, die in der vergangenen Woche veröffentlicht wurde. Danach schnellten die Ausgaben

für psychische Erkrankungen in Deutschland zwischen 2002 und 2008 um knapp 20 Prozent in die Höhe. Die Techniker Krankenkasse (TK) kommt zu ähnlichen Ergebnissen. Der »Neuen Osnabrücker Zeitung« teilte eine TK-Sprecherin mit, der Verbrauch von Antidepressiva sei in den letzten zehn Jahren um 113 Prozent gestiegen.

Glücklich stimmen die aktuellen Zahlen nicht gerade. Trotz mehr ausgegebener Antidepressiva.

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