Steffen Schmidt
27.08.2010

Doch lieber Grün als Gelb?

Nicht nur in der Frage »Ein Betrieb – ein Tarifvertrag« sind sich die Gewerkschaften uneins. Auch das alte Märchen, Umweltschutz koste Arbeitsplätze, hat die Arbeitnehmervertreter lange entzweit. Noch vor fünf Jahren setzten sich die Vorsitzenden der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di und der IG Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) in einem gemeinsamen Papier für das Weiterlaufen der Kernkraftwerke und die Zurücknahme von Klimaschutzmaßnahmen ein.

Doch die Zeiten ändern sich auch bei den Gewerkschaften. Die IG BCE hat einen anderen Vorsitzenden, der sich nicht mehr so zwanglos auf Unterschriftenlisten von Energiekonzernen verewigen lässt wie sein Vorgänger, und beide stark in der Energiewirtschaft engagierte Gewerkschaften haben beim jüngsten DGB-Bundeskongress einen Beschluss mitgetragen, der sich zu Atomausstieg und Klimaschutz bekennt. Da darf man hoffen, dass Betriebsrätetagungen, auf denen man sich von Konzernvorständen die Energiepolitik erklären lässt, bald Geschichte sind. Noch ist dergleichen bei der IG BCE nichts Ungewöhnliches.

Metall- und Bau-Gewerkschaft sind da schon einen Schritt weiter. Sie haben sich mit Umweltverbänden zusammengetan, um von Politik und Wirtschaft mehr Investitionen in den Klimaschutz zu verlangen. Die Gründe sind recht einfach: Immer mehr Unternehmen verdienen gutes Geld mit Windkraft- und Solaranlagen, mit der energetischen Sanierung von Häusern. Gleichzeitig sind in diesem Bereich tausende neuer Arbeitsplätze entstanden, die bei dem energiepolitischen Schlingerkurs der Bundesregierung in Gefahr geraten.

Diese Erkenntnis ist inzwischen selbst bei der konzernfreundlichen IG BCE angekommen. Ihr Vorsitzender Michael Vassiliadis kritisierte in einem Interview die beschleunigte Absenkung der Solarförderung und ging auf vorsichtige Distanz zur Atomwirtschaft. Schaut man sich die Arbeitskräftezahlen in den einzelnen Branchen der Energiewirtschaft an, begreift man die Wende der Funktionäre. Schon 2008 beschäftigte allein die Windenergie doppelt so viele Menschen wie Braun- und Steinkohle zusammen. Da war dann eine Unterschrift für den Appell von RWE, E.on & Co. doch nicht mehr opportun.

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