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Von Martin Koch 28.08.2010 / Natur & Wissenschaft

Pilz programmiert Ameisen um

Wissenschaftler ergründen die evolutionären Wurzeln des Parasitismus

Vieles, was die Natur in ihrer langen Geschichte hervorgebracht hat, ist nichts für zarte Gemüter. Man denke nur an die Gottesanbeterin, eine Fangschrecke, die während der Paarung das Männchen oft bei lebendigem Leib verspeist. Oder an den König der Tiere, den Löwen: Wenn ein solcher ein neues Rudel übernimmt, tötet er häufig alle Jungen seines Vorgängers.

Schon in früheren Zeiten war das unaufhörliche Fressen und Gefressenwerden in der Natur für Menschen Anlass genug, an der Existenz Gottes zu zweifeln. Dies tat auch Charles Darwin, der sich am 22. Mai 1860 in einem Brief an den amerikanischen Botaniker Asa Gray gleichsam dafür entschuldigte, dass er im Gegensatz zu anderen Menschen nicht fähig sei, überall in der Natur deutliche »Beweise für Zweckbestimmung und Güte« zu erkennen. Es gebe schlicht zuviel Elend auf der Welt, fuhr Darwin fort: »Ich kann mich nicht dazu überreden, dass ein gütiger und allmächtiger Gott mit Absicht die Schlupfwespen erschaffen haben würde mit dem ausdrücklichen Auftrag, sich im Körper lebender Raupen zu ernähren.«

Die von Darwin angeführten Schlupfwespen gehören zu den sogenannten parasitoiden Insekten, deren Larven unter anderem in Schmetterlingsraupen heranwachsen. Zu diesem Zweck wird die Raupe betäubt und in eine selbstgegrabene Höhle verschleppt. Anschließend legt die Schlupfwespe ihre Eier in der Beute ab. Sind die Jungen geschlüpft, fressen sie die Raupe von innen auf. Die lebenswichtigen Organe des Wirts werden dabei zunächst geschont, um diesen möglichst lange als lebendige Nahrungsquelle zu erhalten.

Das Wort »Parasit«, das aus dem Griechischen stammt (para = neben; sitos = gemästet), bezeichnete ursprünglich einen Vorkoster bei Opferfesten, der dadurch ohne Leistung zu einer Speise kam. In der Biologie versteht man unter Parasitismus im engeren Sinn den Nahrungserwerb zu Lasten eines Wirtsorganismus, der dabei mehr oder weniger geschädigt oder schlimmstenfalls getötet wird.

In der Natur ist Parasitismus weit verbreitet. Biologen gehen davon aus, dass mehr als die Hälfte aller Tierarten Parasiten sind, von denen manche den Übergang von der eigenständigen zur schmarotzenden Lebensweise gleich mehrfach vollzogen haben. Allein über die evolutionären Wurzeln dieses Phänomens herrscht noch weitgehend Unklarheit. Denn abgesehen von Einschlüssen im Baltischen Bernstein, die auf einen frühen Parasitismus etwa bei Langbeinfliegen oder Zuckmücken hindeuten, sind die fossilen Belege spärlich.

Nun jedoch haben drei Forscher – Torsten Wappler von der Universität Bonn, David Hughes von der Harvard University sowie Conrad Labandeira von der Washingtoner Smithsonian Institution – deutliche Hinweise darauf gefunden, dass eine höchst bizarre Form des Parasitismus schon vor rund 50 Millionen Jahren existierte. An einem fossilen Blatt aus der Grube Messel bei Darmstadt finden sich nämlich hantelförmige Bissspuren, die Ameisen der Art »Camponotus leonardi« auch heute hinterlassen, wenn sie im asiatischen Regenwald von einem Pilz namens »Orphyocordyceps unilateralis« infiziert werden.

Dieser programmiert die Ameisen gewissermaßen um zu willenlosen Robotern und zwingt sie damit, gänzlich seinem eigenen Wohlergehen zu dienen. Wie das genau funktioniert, hat Hughes vor etwa einem Jahr in einer Aufsehen erregenden Studie beschrieben (»American Naturalist«, doi: 10.1086/603640). Danach verlassen die von dem Pilz befallenen Ameisen ihr Nest in den Baumwipfeln und bewegen sich wie von fremder Hand gesteuert in die Tiefe. Etwa 25 Zentimeter über dem Boden machen sie Halt und suchen sich ein Blatt an der Nordseite des Baumes. Dort verbeißen sich die inzwischen halb zerfressenen Tiere in eine der großen Blattadern und sterben schließlich. Für den Pilz ist das ganze Geschehen insofern von Vorteil, als er sich in der gleichmäßig feuchtwarmen Luft knapp über dem Erdboden optimal entwickeln kann. Zuletzt sprießt aus dem Kopf der toten Ameisen ein stielförmiger Fruchtkörper, der Millionen von Pilzsporen freisetzt. Also, wie gesagt, nichts für zarte Gemüter.

Setzte Hughes die toten Ameisen indes zurück in die Baumwipfel, wo Temperatur und Luftfeuchtigkeit stärker schwanken, stellte Orphyocordyceps unilateralis sein Wachstum ein. »Damit haben wir das erste Mal fossile Anzeichen für eine parasitische Beziehung gefunden, die mit einer Verhaltensänderung einher geht«, schreiben die Forscher im Fachblatt »Biology Letters« (doi: 10.1098/rsbl.2010. 0521). Außerdem liefert die Studie einen weiteren Beleg für die These, dass im Zeitalter des Eozäns in Mitteleuropa ähnliche klimatische Bedingungen herrschten wie in tropischen Regenwäldern heute.

So verbreitet das Phänomen des Parasitismus in der Natur auch sein mag. Es ist, wie abschließend zu erwähnen bleibt, gänzlich unbrauchbar für die Deutung sozialer Vorgänge. Unsere eigene Geschichte sollte hier als Mahnung genügen: Im Dritten Reich rechtfertigten die Nazis die Ausgrenzung und Verfolgung der Juden unter anderem mit dem perfiden Argument, diese seien »Parasiten am gesunden deutschen Volkskörper«.

Gleichwohl wird der Begriff Parasit, dessen gängigstes deutsches Synonym »Schmarotzer« lautet (von mittelhochdeutsch smorotzer = Bettler), noch heute zur Bezeichnung von Personen verwendet, die aus verschiedenen Gründen staatliche Sozialleistungen beziehen. Wer solche Menschen »Sozialschmarotzer« nennt, bedient nicht nur fragwürdige Vorurteile, sondern befördert auch die schleichende Biologisierung der Gesellschaft. Dass namentlich der frühere US-Präsident George W. Bush nach dem 11. September 2001 Terroristen zu Parasiten stempelte, die es folglich auszurotten gelte, muss bei dessen Geisteshaltung wiederum nicht verwundern.

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