Die Rodungen des Waldes von Chimki unmittelbar vor Moskau werden eingestellt. Man wolle zunächst in neuen Hearings die Meinung der Öffentlichkeit und Wissenschaft einholen, erklärte Russlands Präsident Dmitri Medwedjew. Für Umweltschützer kommt die Anweisung des Präsidenten einer Sensation gleich. Die Tageszeitung »Moskowskij Komsomolez« spricht gar von Russlands »grüner August-Revolution«. Umweltverbände begrüßten die Entscheidung. »Einfach super«, sagte die Sprecherin der Waldschützer von Chimki, Jewgenija Tschirikowa. Kritische Stimmen befürchten jedoch, die Entscheidung komme zu spät – mit der Schneise im Bauabschnitt hätten die Bauträger schon Anfang August Fakten geschaffen.
Der 2003 gefasste Plan zum Bau einer Autobahn von Moskau nach St. Petersburg, der die Trassenführung durch den Wald vor Chimki vorsieht, wurde 2006 vom Gouverneur des Gebietes Moskau gebilligt. 2009 schaffte Premierminister Wladimir Putin mit einer Umwidmung des Waldes zum Nutzgebiet die rechtliche Grundlage. Im März 2010 lehnte das Oberste Gericht Russlands eine Klage Tschirikowas ab. Den für diesen Sommer geplanten Rodungen schien nichts mehr entgegenzustehen.
Doch man hatte die Rechnung ohne die Aktivisten der »Bewegung zum Schutz des Waldes von Chimki« und ihrer energischen Sprecherin gemacht. Was anderswo in Russland wohl widerspruchslos hingenommen worden wäre, wollten sich die Umweltschützer um die Wirtschaftswissenschaftlerin und Ingenieurin Tschirikowa nicht bieten lassen. Mit allen juristischen und politischen Mitteln kämpften sie gegen den geplanten Bau. Und als dann im Juli die Bagger in den Wald von Chimki anrückten, machten sich auch die Umweltschützer auf den Weg und errichteten ein Widerstandscamp. Man kämpfte nicht nur um den Wald von Chimki, sondern sah die Rodungen dort vielmehr als Auftakt zu einem groß angelegten Kahlschlag für einen 450 Kilometer langen, 10 Milliarden Euro teuren Autobahnring um die Hauptstadt an, dem 100 Quadratkilometer von Moskaus grüner Lunge geopfert werden sollen.
Für den 22. August hatten die lokalen Umweltschützer gemeinsam mit der Umweltstiftung WWF und der »Solidarnost«-Bewegung zu einer Protestkundgebung auf dem Moskauer Puschkin-Platz aufgerufen; mehrere tausend Besucher kamen. Zwar verhinderten die Moskauer Behörden, dass Musiker ihre Ausrüstung auf den Platz bringen konnten. Trotzdem war der Auftritt von Russlands Rock-Ikone Jurij Schewtschuk auch ohne Mikrofon ein Ereignis. Drei Tage später sang U2-Frontmann Bono bei einem Auftritt der irischen Rockband vor 60 000 Menschen in Moskau gemeinsam mit Schewtschuk Bob Dylans »Knocking on Heaven's Door«. In einem Gespräch mit Jewgenija Tschirikowa und Jurij Schewtschuk erklärte sich Bono solidarisch mit den Waldschützern und bedauerte, dieses Problem nicht in seinem Gespräch mit Präsident Medwedjew angesprochen zu haben. Selbst die Regierungspartei »Einiges Russland« appellierte zuletzt an den Präsidenten, die Bauarbeiten unterbrechen zu lassen
Inzwischen hat sich auch Premierminister Putin aus dem fernen Chabarowsk zu Wort gemeldet: Der Bau der Autobahn zwischen Moskau und St. Petersburg selbst stehe nicht zur Disposition. Putin versicherte aber, die Anweisung des Präsidenten umzusetzen und Konsultationen über eine Änderung der Trassenführung in die Wege zu leiten.
guten morgen,
und danke für den text! schade nur, dass sie die aktive rolle der russischen ANTIFA in diesem fall nicht beleuchtet haben. wer hat denn da alles in wald und vorort "mit allen politischen mitteln gekämpft"?
herzliche grüße!
Aktuelle Ausgabe: 25.05.2012
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