28.08.2010

»Das war erst der Vorgeschmack«

Stuttgart-21-Gegner Matthias von Herrmann lässt sich nicht entmutigen und setzt auf Zeit

ND: Das Loch in der Bahnhofswand wächst und wächst. Was ist das für ein Gefühl, wenn man seit Monaten alles versucht hat, um genau das zu verhindern?
von Herrmann: Ein sehr schlechtes Gefühl. Gleichzeitig wächst aber auf die Art erneut der Widerstandswille, das Projekt jetzt endgültig zu beenden.

Warum wächst mit dem trostlosen Anblick der Widerstandswille?
Entweder verfällt man in Resignation oder man sagt: Jetzt erst recht.

Wieso: Jetzt erst recht? Ist mit dem Abriss nicht alles verloren?
Mit dem Abriss ist nicht alles verloren. Das Projekt kann noch lange gestoppt werden. Noch stehen zwei Drittel des Nordflügels, und es gibt noch einen dreimal so langen Südflügel, und dann gibt es auch noch den Park. Also wenn die Politik so weitermachen will, bekommt sie nicht nur drei Wochen Widerstand, sondern monatelangen Widerstand, begleitet von massiven Polizeieinsätzen. Und die Zeit ist auf unserer Seite: Die Landtagswahlen rücken immer näher.

CDU-Generalsekretär Thomas Strobl sagt, die Projektgegner nähmen mit ihren Straßenblockaden die Bevölkerung »in Geiselhaft«. Angeblich würden Flaschen und Eier fliegen, Rettungskräfte bedrängt, der Berufsverkehr lahmgelegt. Haben Sie keine Angst, mit der Radikalisierung des Widerstands dem Protest zu schaden?
Das ist in der Tat ein schmaler Grat, den wir da beschreiten: zwischen Unverständnis für Verkehrsblockaden und der Notwendigkeit, der Politik die Macht des Widerstands vorzuführen. Dabei ist wichtig, dass wir die Akzeptanz in der Bevölkerung nicht verlieren, und dass wir es schaffen, dass sich noch mehr Menschen unserem Widerstand anschließen.

Bisher sieht es nicht so aus, als ließe sich irgendjemand abschrecken. Zur Großkundgebung am Freitagabend erwarteten Sie 50 000 Teilnehmer. Dazu kommen jeden Tag neue Veröffentlichungen etwa über explodierende Kosten und selbst Wolfgang Schuster bekennt, er habe viel Ärger mit dem Projekt. Warum lässt er das es nicht einfach fallen?
Ich denke, er hat sich da total verrannt in dieses vermeintliche Zukunftsprojekt. Gleiches gilt für Grube, Mappus, Drexler und Ramsauer. Das ist eine Art Beamtenmikado: Wer sich zuerst bewegt, wer den ersten Schritt macht, um das Projekt abzusagen, verliert sein Gesicht. Zumindest nach Meinung dieser Politiker.

Und, sehen Sie das auch so, dass sie damit ihr Gesicht verlieren?
Nein. Sie würden ihrer Aufgabe als Politiker gerecht, wenn sie dem Wunsch des Volkes entsprächen und Stuttgart 21 beenden würden, und den Widerstand ernst nehmen würden, anstatt ihn dauernd zu diffamieren und kriminalisieren.

Stimmt es, dass der Baggerführer gestern gekündigt hat?
Am Mittwoch, als die Abrissarbeiten begannen, gab es die Info, dass der Baggerführer den Job nicht machen will, und deshalb der Chef den Bagger selbst fahren musste. Aber das ist ein reines Gerücht. Tatsächlich gibt es aber seit gestern Abend sieben Uhr einen vorläufigen Abrissstopp, weil das Gebäude zu den Gleisen hin massiv einsturzgefährdet ist und Reisende fahrlässig gefährdet werden.

Ihr habt das Bahnhofsdach besetzt, den Bauzaun geöffnet, Robin Wood ist aufs Rathaus gestiegen. Was kommt als nächstes?
Wir haben noch viele Ideen für kreative Aktionen des zivilen Ungehorsams. Die Besetzung des Nordflügels und des Dachs, die Öffnung des Bauzauns: Das war erst der Vorgeschmack. Es gibt noch viele andere Orte in der Stadt, die symbolträchtig sind für den Widerstand gegen Stuttgart 21. Wichtig ist, dass dieser Widerstand gewaltfrei bleibt. Das war von Anfang an unser oberstes Ziel, und das bleibt es auch.

Fragen: Gesine Kulcke