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Von Hans-Gerd Öfinger 03.09.2010 / Inland

Ist die rote Insel reif für eine rote Bürgermeisterin?

Helgoland wählt am Sonntag ein neues Inseloberhaupt – auch eine LINKE-Kandidatin kämpft um den Posten

Seit 2001 stellt DIE LINKE mit Kerstin Kassner die Landrätin auf Deutschlands größter Insel Rügen. Jetzt macht sich die Partei Hoffnungen auf einen Sieg ihrer Kandidatin Felicitas Weck bei der Bürgermeisterwahl auf der einzigen deutschen Hochseelinsel Helgoland. Urnengang ist am Sonntag.
Die LINKE-Bürgermeisterkandidatin Felicitas Weck
Die LINKE-Bürgermeisterkandidatin Felicitas Weck

Die 1280 wahlberechtigten Helgoländer haben die Wahl zwischen drei Bewerbern. Der mit einer Helgoländerin verheiratete Unternehmer, Unternehmensberater und Sozialdemokrat Jörg Singer wird von den meisten örtlichen Parteien und Rathausfraktionen unterstützt und ist der Favorit des etablierten, bürgerlichen Helgoland. Die Helgoländer LINKE setzt mit ihrer Kandidatin Felicitas Weck auf Sieg über Singer und den Einzelbewerber Hermann Ulrich Voßhal.

Zwar dämpfte der Regen den Zustrom bei dem als Auftakt des Wahlkampfendspurts gedachten und mit dem Thüringer Fraktionschef Bodo Ramelow und Ex-Parteichef Lothar Bisky hochkarätig besuchten Sommerfests der Helgoländer LINKEN am letzten Wochenende. »Was würde besser zu einem roten Felsen passen als eine rote Kandidatin?«, hatte Ramelow den Helgoländern ein Votum für Felicitas Weck empfohlen, die er als »ausgezeichnete Kommunalpolitikerin« schätzt. Der Regen beim Sommerfest tat dem Engagement der Kandidatin keinen Abbruch. In der Schlussphase wirbt sie unermüdlich mit Hausbesuchen und Einzelgesprächen um jede Stimme.

Lange vor ihren Mitbewerbern hatte sich die 56-jährige Felicitias Weck für die Kandidatur entschieden. Auf die Insel, die sie zuvor nur einmal in ihrer Kindheit besucht hatte, war sie in ihrer Funktion als kommunalpolitische Referentin der Bundestagsfraktion der LINKEN aufmerksam geworden. 2008 hatte die Helgoländer Linkspartei bei der Kommunalwahl aus dem Stand 16,1 Prozent und damit zwei Sitze im Rathaus erobert. Dieses scheinbar überraschende Ergebnis kam nicht von ungefähr. Denn viele Bürger murrten hinter vorgehaltener Hand und wählten links. Es war ein Aufschrei gegen einen ohnmächtigen Eindruck von Stillstand, Filz, Verkrustung und Stagnation im Rathaus und ein Votum für Offenheit und ein beherztes Anpacken der Probleme, analysieren Beobachter.

Als kommunalpolitische »Neulinge« suchten und fanden die frisch gewählten Gemeindevertreter Gerwin Bastrup und Uwe Menke im fernen Berliner Bundestag Hilfestellung. Zweimal kam Felicitas Weck auf die Insel und führte in Kommunal- und Haushaltsrecht ein. 2009 reifte bei Bastrup und Menke die Einsicht, dass Verkrustungen, Stillstand und Geheimniskrämerei in der Verwaltung nur aufgebrochen werden könnten, wenn bei der Bürgermeisterwahl eine starke Persönlichkeit von außen antritt, die mit keinem auf der Insel verwandt oder verschwägert ist. Nach drei Wochen Bedenkzeit sagte Felicitas Weck zu und arbeitete sich rasch in die Probleme vor Ort ein.

Für viele Touristen ist die kleine Nordseeinsel ein zollfreies Einkaufsparadies ohne Tabak-, Branntwein- und Mehrwertsteuer. Andere schätzen an Helgoland vor allem das Reizklima mit einer ständig frischen Brise, Gezeiten und Natur. Besuchern springt sofort ins Auge, dass es hier keine Autos gibt, sondern nur wenige Elektromobile für den Gepäcktransport. Eltern können ihre Kinder unbesorgt auf der Straße spielen lassen. »Frauen können bei Nacht ohne Angst mit Bargeld in der Tasche durch den Ort spazieren«, beschreibt Gerda Münch den Unterschied zum Festland. Die Kreissprecherin der Helgoländer LINKEN war vor 38 Jahren als Saisonkraft auf die Insel gekommen und hat hier eine Familie gegründet.

Doch hinter der maritimen Traumkulisse mit ihren roten Felsen und den großzügigen Sandstränden und Robbenkolonien auf der kleinen Nachbarinsel Düne verbergen sich massive Probleme ihrer Einwohner. Die Insel lebt überwiegend vom Tourismus im Sommerhalbjahr. Einige Monate lang heuern Saisonkräfte vom Festland an. In langen Wintermonaten bleiben viele Gaststätten und Läden geschlossen und zahlreiche Helgoländer ohne Erwerbsgrundlage. Gut ein Drittel der Insulaner ist dann auf Hartz IV angewiesen, weil für das Arbeitslosengeld I ein paar Monate fehlen. Weil die Mieten hoch sind, müssen manche von der Grundsicherung noch ein paar Euro für die Wohnung abzwacken. Die meisten Waren des täglichen Bedarfs sind etwas teurer als auf dem Festland.

Die meisten Helgoländer lieben ihre Insel und wollen bleiben. Ein Arztbesuch kann indes sehr teuer werden. Wer vom Hausarzt zum Facharzt überwiesen wird, muss auf eigene Kosten per Schiff oder Flugzeug auf das Festland reisen und für eine Übernachtung aufkommen, weil die Fahrpläne auf die Tagesbesucher vom Festland zugeschnitten sind. »Wir sind nicht an den für die Bürger erschwinglichen öffentlichen Personennahverkehr angeschlossen«, beklagt Gerwin Bastrup.

Eine gymnasiale Oberstufe kennt Helgoland nicht. Heranwachsende, die das Abitur machen wollen, stehen nach der 10. Klasse vor der Qual der Wahl. »Die Jugend haut ab«, so Uwe Menke. Manche Eltern, die sich die Unterbringung ihrer Kinder in einem Internat nicht leisten können, ziehen gleich mit, suchen sich anderswo Arbeit und kehren so der Insel für immer den Rücken. Die Einwohnerzahl sinkt.

Seit ihrer Nominierung befasst sich Felicitas Weck mit den aktuellen Problemen der Gemeinde und entwickelt Ideen und Lösungsansätze. So stört sie, dass der Energieriese E.on Hanse jüngst für 23 Millionen Euro ein 53 Kilometer langes Seekabel vom Festland auf die Insel verlegen ließ und jetzt natürlich dort auch seinen Strom verkaufen will. Dieser Druck könnte den Ausbau sanfter Energien hemmen. Dabei könnte die Insel mit modernen Anlagen genügend Strom aus Sonne, Wind und Gezeitenkraft herstellen, um vom Festland unabhängig zu sein, ist sie überzeugt.

Felicitas Weck weiß aber auch, dass die tollsten Pläne ohne eine gut funktionierende Verwaltung nichts nutzen. Daher legt sie Wert auf Teamgeist und Motivation der Verwaltungsmitarbeiter, um das in allen steckende Potenzial zu mobilisieren und ihnen eigene Spielräume zu geben.

Ins Internet stellt sie regelmäßig aktuell Texte ein. Eine solche Transparenz schwebt ihr auch für die offizielle Website der Gemeinde Helgoland vor, sollte sie am Sonntag tatsächlich zur Bürgermeisterin gewählt werden: »Damit die Bürger nachvollziehen können, was die Verwaltung macht.« Bis dahin will sie »wie eine Löwin« um jede Stimme kämpfen.

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