Sprungmarken: Inhalt, Navigation.
Schnellsuche

Erweiterte Suche

Von René Heilig 03.09.2010 / Ausland

Oberst Klein und das System Krieg

Das Bombardement im Kundus-Fluss, Merkels Lüge und der Korpsgeist in der Bundeswehr

Wer in den Krieg zieht, der will töten. Deutschland tötet in Afghanistan. In der Nacht vom 3. zum 4. September 2009 befahl Bundeswehroberst Georg Klein im afghanischen Kundus den Luftangriff auf zwei entführte Tanklaster, die sich in einer Furt des Kundus-Flusses festgefahren hatten. Wie viele Menschen er umgebracht hat, lässt sich nicht genau feststellen. Es waren vermutlich über 140, die meisten unschuldige Zivilisten.
Der Tatort am Morgen nach dem Überfall. Die Bomben, die US-
Der Tatort am Morgen nach dem Überfall. Die Bomben, die US-Piloten auf Befehl des Bundeswehr-Kommandeurs abgeworfen haben, lösten ein Inferno aus.

»Die lückenlose Aufklärung ist für mich und die ganze Bundesregierung ein Gebot der Selbstverständlichkeit«, sagte die Bundeskanzlerin vier Tage nach dem grausamen Geschehen. Die Bundeswehr, so versprach sie weiter vor dem deutschen Parlament, werde »mit allen zur Verfügung stehenden Kräften genau dazu beitragen«. Angela Merkel, Regierungschefin und Vorsitzende der Christlich-Demokratischen Union, hat ihr Wort gegeben. Und es gebrochen.

Inzwischen kennen wir den Taxwert eines afghanischen Lebens: 5000 Dollar. Der Preis ist so niedrig wie noch nie. Die Bundesregierung hat die Anwälte der Hinterbliebenen erst ins Leere laufen lassen, dann diffamiert und schließlich eigenmächtig, ohne den Beschluss eines ordentlichen Gerichts anzustreben, begonnen, Schweigegeld an die Angehörigen der Opfer auszuzahlen. Ohne Schuldanerkenntnis, wird betont.

Und was ist mit dem Täter? Er bleibt unbehelligt, kein offizieller Makel haftet an der Uniform, geschweige an der Ehre des Obersten Georg Klein. Im Gegenteil. Manche seiner Kameraden verklären ihn zu einem Helden. Damit muss er selbst klarkommen. Er ist Christ, wie Angela Merkel.

Offenbar kann er es. Er ist, wie Offiziere aus seinem Umfeld sagen, fast schon wieder der Alte. Und die Bundeswehr? Die ist irgendwie neu. Nicht nur, was ihre Ausrüstung und ihre Einsatzprinzipien betrifft. Die Soldaten sind anders, Töten geht ihnen freier von der Hand. Das sollte insbesondere jene ängstigen, die sie als Parlamentarier beauftragen, in die Welt hinaus zu gehen. Zu wenige fordern – trotz der Nacht von Kundus – den unverzüglichen Rückzug der Truppen.

Das mit dem Töten ist nicht so neu für die »Armee der Einheit«, die die Bundeswehr seit 20 Jahren sein will. Zu schnell wird vergessen, dass deutsche Tornado-Jagdbomber – ohne UN-Mandat – über 200 HARM-Raketen auf jugoslawische Stellungen abgeschossen haben. Das war 1999 unter einer rot-grünen Regierung. Damals wurde noch Krieg auf Abstand geführt. In Afghanistan ist Töten unmittelbarer. Und dennoch juristisch folgenlos.

Natürlich leiteten deutsche Staatsanwaltschaften Ermittlungsverfahren gegen Oberst Klein ein. Das ist Routine, wenn das Umbringen von Menschen öffentlich wird. Man reichte den Fall wie eine heiße Kartoffel von Potsdam nach Dresden weiter, die dortigen Staatsanwälte bemühten die Bundesanwaltschaft. Die stellte am 16. April alle strafrechtlichen Ermittlungen ein. Nach Auffassung der Juristen verstieß Kleins Handeln nicht gegen das Völkerrecht oder das allgemeine Strafrecht. Soldaten könnten wegen der Tötung von Zivilisten nicht strafrechtlich verfolgt werden, solange dies im Rahmen »völkerrechtlich zulässiger Kampfhandlungen« geschehe.

Ein Freibrief für Uniformierte, das Völkerrecht wird zur Farce degradiert. Oberst i.G. Klein wird nur nicht Brigadegeneral, dabei wäre der Mann von der 13. Panzergrenadierdivision in Leipzig »dran«. Stattdessen prüfte man, ob man dem Oberst im Generalstab ein Disziplinarverfahren »anhängen« muss. Man wollte der antikriegsgestimmten Öffentlichkeit zeigen, wie ernst die Bundeswehr den Vorfall nimmt. Doch diese PR-Aktion sorgte für Empörung in der Truppe, Kameraden schäumten vor Wut, der Bundeswehrverband sandte Solidaritätsadressen aus. »Respekt« habe man vor dem Kameraden. Die Truppe signalisierte, dass sie sich politisch im Stich gelassen fühlt. Das ist das schwerste Geschütz, das eine treue Armee gegen ihre eigene Regierung auffahren kann. Mitglieder des – noch immer eingesetzten – Bundestag-Untersuchungsausschusses, der eigentlich Licht in das grausame Geschehen bringen sollte, lebten ihre Menschlichkeit nur noch an der Seite Kleins aus. Dessen Opfer wurden lästige Nebensache. Auch der Verteidigungsminister, Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), der höchst ungeschickt auf den Bombenangriff reagierte, nachdem er diese politische Last von seinem verantwortlichen – und wegen fortgesetzter durchschaubarer Lügen gefeuerten – Vorgänger Franz-Josef Jung (CDU) übernehmen musste, betonte, er lasse Klein »nicht fallen«.

Wie das Disziplinarverfahren ausgehen sollte, war damit klar. Mitte August teilte das Heeresführungskommando in Koblenz mit: »Gegenstand der disziplinaren Prüfung war, ob Oberst i.G. Klein mit seinem Handeln in Rahmen der VN mandatierten ISAF-Mission gegen die zum Ereigniszeitpunkt gültigen nationalen wie internationalen Einsatzregeln verstoßen hat. Diese Vorermittlungen gemäß der Wehrdisziplinarordnung sind nunmehr abgeschlossen: Anhaltspunkte für ein Dienstvergehen haben sich nicht ergeben.«

Das ist schon deshalb eine Lüge, weil Klein bewusst Regeln der Afghanistan-Schutztruppe ISAF für einen solchen Angriff ignoriert hat. Nicht die Friedensbewegung oder Journalisten haben das festgestellt, sondern ISAF-Vorgesetzte, die NATO und selbst deutsche Feldjäger kamen zu dem Ergebnis: Klein hätte den Angriff nie befehlen dürfen. Doch: Was sind Wahrheiten, wenn sie dem Korpsgeist nicht passen? Lästig. Also zu bekämpfen.

So wie die sogenannten Aufständischen in Afghanistan. Dass ISAF und auch Spezialkräfte der Bundeswehr am Hindukusch systematisch töten, bestätigte jüngst ein deutscher NATO-General. Egon Ramms ist Befehlshaber des Joint Force Command und damit faktisch NATO-Vorgesetzter des US-Afghanistan-Generals Petraeus. »Der Tötungsbefehl ist nur ein Teil des Gesamtspektrums«, sagt er einem Radiokollegen und erklärt dieses Killen von Taliban-Führern auf fast menschliche Weise. »Wenn ein solcher Mann mehrfach wieder freigesetzt worden ist und weiter Soldaten umbringt oder umbringen lässt ..., dann sind wir irgendwo an einer Stelle, wo man sagen muss: Das System hat versagt.«

Es ist das System Krieg, das Töten zum Ziel hat.

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

3 Kommentare zu diesem Artikel

Kommentar schreiben (Login erforderlich)
  • Maximiliand., 03. Sep 2010 17:24

    Kritik!!

    fadenscheiniger Informationen aus mysteriösen quellen die sie meiner Meinung nach sogar, ob bewusst oder unbewusst, noch falsch interpretieren.
    Letztendlich bin ich zutiefst enttäuscht und nur noch angewidert. Ich werde deshalb auch meine Konsequenz ziehen und mein Abo schnellstmöglich kündigen.

    • Permalink

  • Maximiliand., 03. Sep 2010 17:23

    Kritik!!

    Als ich heute Morgen die Zeitung aufschlug und die Doppelseite mit diesem Bericht las überkam mich ein Gefühl der Wut und Abscheu. Nicht gegenüber des Oberst Klein oder der Bundeswehr. Nein gegenüber der Redaktion des ND. Nachdem ich die Artikel sorgfältig gelesen hatte kochte eine unvorstellbare Wut in mir. Entschuldigen sie bitte meine Worte aber wie kann man als Zeitung nur solch einen vollkommen schwachsinnigen Müll veröffentlichen? Diese Artikel sind eine Beleidigung und ein Hohn für alle Soldaten die am Einsatz in Afghanistan teilnehmen oder teilgenommen haben.
    Hat sich auch nur einer der Schreiberlinge einmal etwas genauer mit der Lage auseinandergesetzt und nicht nur die Meldungen anderer Medien kopiert und aufgepeppt? In diesem Artikel fallen Worte wie Tatort, Massaker, Blutbad oder es werden Redewendungen wie „Die Opfer eines Deutschen Offiziers[…]“. Täter werden zu Opfern verklärt! Hat sich auch nur einer mal Gedanken darüber gemacht was diese vermeidlich Undschuldigen an diesem Tag an diesem Ort zu suchen hatten. Der reine Menschenverstand gebietet es, sich von einem Tanklaster der in einer Kiesenregion unbewacht und von Kampfflugzeugen umschwirrt in der Landschaft steht, fernzuhalten. Und diesen Menschenverstand möchte ich keinem Afghanen absprechen. Aus persönlicher Erfahrung weis ich, dass ein Afghane durchaus genau weiß was in seinem Lande vorgeht und auch sehr genau weiß wie sich die „Ausländer“ verhalten, auch wenn er oft den unwissenden spielt. Dieser Artikel zeigt mir wie wenig Einfühlungsvermögen so mancher Journalist besitzt und das für einige Meinungsmache um jeden Preis im Vordergrund steht. Sie verurteilen Oberst Klein, offensichtlich ohne sich wirklich intensiv mit der damaligen Situation auseinandergesetzt zu haben. Auch lässt es darauf schließe, dass keiner der an diesem Artikel mitgewirkt hat jemals der Bundeswehr angehört hat, oder sogar selbst an einem Einsatz teilgenommen hat. Und trotzdem erlauben sie sich ein Urteil aufgrund

    • Permalink

  • odilo, 03. Sep 2010 12:26

    Was bedeutet Krieg?

    Von Anfang an hat die Bundesregierung uns erzählt, dass es sich beim "Afghanistaneinsatz" um ein absolut durch alle möglichen abgesicherten Mandate notwendigen Einsatz unserer Verteidigungsarmee handelt. Jedem normal denkenden Menschen musste doch von Beginn an klar sein, welche Einfussnahme die Interessen der USA, zumal an der personellen Nichtbeteiligung am Irak-Krieg einiges "auszubessern war", haben.
    Der "Versprecher" des ehemaligen Bundespräsidenten, ezüglich wirtschaftlicher Interessen, lädt zun Nachdenken ein.
    Wir haben dort nichts zu suchen: Das ist meine Meinung.
    Aber eines muss ich auch sagen, und das gehört auch dazu:
    Für den Oberst Klein ist dort Krieg. Er hat gehandelt, wie jeder Soldat handeln muss im Krieg. Und den gibt es dort.

    • Permalink

Sprungmarken: Seitenanfang, Navigation.

Ihre Meinung zu diesem Artikel

»Handygate« und Funkzellenabfragen

Innerhalb von vier Jahren hat die Berliner Polizei massenhaft Mobilfunkdaten von Handynutzern in Berlin ausgespäht. Autobrandstifter sollten so ermittelt werden - erfolglos. Dennoch sei diese Ermittlungsmethode üblich und rechtmäßig, heißt es offiziell. Bereits vor knapp einem Jahr ermittelte die Dresdener Staatsanwaltschaft per »Handygate« gegen Nazi-Protestierer im Rahmen von »Dresden Nazifrei«.

Alle Dossiers

Facebook
Twitter

Zum Shop

Umfrage

Leserpreis 2012

Auszeichnung beim »Fest der Linken«
nd-Probeabo

Jetzt »nd« testen

Hier Ihre kostenlose Leseprobe bestellen.
Sprungmarken: Seitenanfang, Navigation.
Sprungmarken: Seitenanfang, Navigation.

Werbung:

Werbung:

Sprungmarken: Seitenanfang.