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Von Silvia Ottow 04.09.2010 / Wirtschaft

Spielverderber mit gesundem Zweifel

Buch entlarvt Intrigen von Politik und Industrie gegen den Pharmakritiker Peter Sawicki

Dafür, dass der Mann sich mit den meisten Akteuren im Gesundheitsbetrieb anlegte, hat er sich erstaunlich lange im Amt gehalten: Peter Sawicki hat in dieser Woche seinen Chefposten im Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG) auf Druck verschiedener Lobbyisten räumen müssen. Heute erscheint das Buch einer Fachjournalistin, das die Hintergründe beleuchtet.
Cornelia Yzer, Ex-Staatssekretärin, Hauptgeschäftsf
Cornelia Yzer, Ex-Staatssekretärin, Hauptgeschäftsführerin des Verbandes forschender Arzneimittelhersteller und Cheflobbyistin der Pharmaindustrie, hatte von Anfang an Probleme mit Peter Sawicki. Sie wird mit den Worten zitiert, er sei ein Hardliner, mit dem man nicht kooperieren könne. Fotos: dpa/IQWIG

Was ist das IQWIG? Die Frage würde vermutlich so manchen Mitspieler von »Wer wird Millionär« zum Aufgeben bewegen – dabei ist dieses Institut mit dem komplizierten Namen eine ganz und gar patientenfreundliche Einrichtung und kranken Menschen besonders ans Herz zu legen. 2004 gegründet, hat es die Aufgabe, Medikamente und Therapien auf ihre Wirksamkeit und ihren Nutzen zu untersuchen. Man könnte meinen, dieses täten hierzulande schon Hersteller, Krankenkassen und Zulassungsbehörden – aber weit gefehlt.

IQWIG-Chef Peter Sawicki verlor vor einigen Tagen seinen Job, man könnte auch sagen, er wurde abgesägt. Als er seine Arbeit antritt, ist es sein erklärtes Ziel, die evidenzbasierte Medizin zu etablieren, das heißt Methoden und Arzneimittel auf ihren wissenschaftlich nachgewiesenen Nutzen zu überpüfen. Die Hersteller empfinden dies als Bedrohung, Krankenhäuser spitzen die Ohren. Auch die Wirtschaftsminister der Länder – unter ihnen der spätere Gesundheitsminister Philipp Rösler – argwöhnen Unheil für die Standorte der Pharmaindustrie, wenn sich durchsetzt, dass neue, teure Medikamente ohne Zusatznutzen nicht mehr zu Lasten der gesetzlichen Krankenkassen verordnet werden.

Sechs Jahre dauert es, ehe öffentliche Demontage und Intrigen auf höchster Ebene (auch das Kanzleramt wird erwähnt) einen integren Wissenschaftler zu Fall bringen. ARD-Journalistin Ursel Sieber macht den Fall zum Gegenstand ihres Buches »Gesunder Zweifel«, das heute in die Läden kommt und durchaus im Regal neben den Gegenwartskrimis stehen könnte. Sie schildert darin nicht nur einen unwürdigen politischen Deal zum Nutzen einer Industrie, sondern auch zahlreiche Details über ungenügend geprüfte Medikamente. So manchem Diabetiker oder Krebspatienten dürften sich die Nackenhaare sträuben, wenn er liest, wie schlecht sein viel gepriesenes Medikament geprüft ist und wie er mit dem Preis übers Ohr gehauen wird.

Beispiel Kunstinsuline: In einer Kampagne bewirbt die Industrie diese Arzneien für Diabetespatienten, suggeriert ihnen und den Ärzten, dass sie eine bessere Lebensqualität ermöglichten, weil zwischen Spritzen und Essen kein Zeitabstand mehr eingehalten werden müsse. Dabei ist längst bekannt, dass dies auch bei Humaninsulinen nicht nötig ist. Lantus, ein Kunstinsulin der Firma Sanofi-Aventis, wurde vor zehn Jahren eingeführt. Es macht einen Jahresumsatz von 130 Millionen Euro und ist um ein Mehrfaches teuerer als die biotechnologisch hergestellten Humaninsuline. Sein angeblicher Vorteil lässt sich kaum belegen, es unterliegt sogar dem Verdacht, Krebs zu erzeugen – wird aber tausendfach verordnet. Dem Hersteller gelang es, Ärzte und Fachgesellschaften auf seine Seite zu ziehen. Die instrumentalisierten die Patienten und die Krankenkassen beugten sich deren Druck, obwohl das IQWIG auch den Fachausschuss der Kassen von den Zweifeln überzeugt hatte.

Das Diabetesmittel ist nur ein Beispiel von vielen. Ursel Siebers Recherchen erstrecken sich auf Blutdrucksenker, Stammzelltransplantationen bei Leukämie, Arzneien gegen Brustkrebs oder Therapien beim Prostatakarzinom, deren Nutzen wissenschaftlich ungenügend nachgewiesen ist. »Nutzt nichts, schadet aber nicht, kostet viel«, sagt Sawicki. Doch leider gibt es auch Fälle, in denen man aufgrund der Studienlage Schäden für die Patienten befürchten muss. Auch hier hält die Industrie ihre Untersuchungen unter Verschluss und findet schnell Verbündete dafür, am Stuhl des Profitminimierers und Spielverderbers Sawicki zu sägen. Das sind die Krankenhäuser, denen es gestattet ist, neue Therapien ohne große wissenschaftliche Prüfung zu übernehmen, aber auch die Krankenkassen, die um jeden Patienten kämpfen und möglichst anbieten möchten, was der begehrt.

Als es nicht gelingt, sich des unbequemen und zuweilen auch undiplomatischen IQWIG-Chefs auf direktem Wege durch öffentliche Beschädigung zu entledigen, werden Unregelmäßigkeiten bei seinen Dienstfahrten entdeckt, ein durchschaubares Manöver, wenn man jemanden loswerden will. Auch hier klappt es. Dank Ursel Sieber sind einige Protagonisten dieses Dramas aus Politik und Wirtschaft sowie ihre Methoden nun offengelegt. Auch wenn vieles davon nicht neu ist, schockieren Ausmaß und Dichte des Filzes im Gesundheitsbetrieb dennoch immer wieder. Der Titel des Buches sollte Programm sein für jeden Arzt, aber auch jeden Patienten, dem ein neues Medikament oder eine neue Behandlungsmethode ans Herz gelegt werden.

Der Erfolg bei der Absetzung des kritischen IQWIG-Chefs hat die Initiatoren inzwischen fast ein wenig übermütig gemacht. So heißt es in einer Pressemitteilung des Bundesverbandes der Pharmazeutischen Industrie e.V (BPI), mit dem neuen IQWIG-Chef, Prof. Jürgen Windeler, ergebe sich die Möglichkeit, den ideologischen Ballast der letzten Jahre über Bord zu werfen. Das IQWIG müsse nun die Chance ergreifen, in einen Dialog mit den Herstellern zu treten. Bedenklich hätte allerdings Windelers Behauptung gestimmt, in Deutschland gebe es zu viele Arzneimittel. Der Sieber-Krimi könnte also seine Fortsetzung finden.

Ursel Sieber: Gesunder Zweifel, Berlin Verlag, 220 S., 17,95 €.

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24.05.2012 | Katja Eichholz, David König und Olaf Präger

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