04.09.2010

Karstadt darf den Neuanfang wagen

Gute Nachricht für 25 000 Beschäftigte: Amtsgericht Essen stimmt dem Insolvenzplan und der Übernahme durch den Investor Berggruen zu

Der Weg für eine Rettung der insolventen Warenhauskette Karstadt ist endgültig frei. Nach langem Ringen kann Investor Berggruen den Warenhauskonzern übernehmen.

Essen (dpa/ND). Es war eine erlösende Nachricht für die rund 25 000 Karstadt-Beschäftigten: Der Kaufvertrag mit Investor Nicolas Berggruen kann in Kraft treten, weil der deutsch-amerikanische Finanzier nach monatelangem Ringen nun die Zugeständnisse bei den Mieten bekommt, die er zur Bedingung für seinen Einstieg gemacht hatte. Karstadt-Vermieter Highstreet erhielt von seinen Gläubigern bereits am Donnerstag grünes Licht für eine Einigung. Bis zum Freitagmorgen fehlten aber immer noch einige Unterschriften. Am Vormittag war dann alles unter Dach und Fach, und wenige Stunden später nahm das Essener Amtsgericht den Insolvenzplan an.

Berggruen, die stellvertretende ver.di-Vorsitzende Margret Mönig-Raane, Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg und Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) verkündeten die Karstadt-Rettung in einer Filiale am Berliner Kurfürstendamm. »Karstadt wird jetzt, glaube ich, ein sehr aufregendes Leben haben«, sagte Berggruen. »Ich bin irrsinnig glücklich, dass ich dabei bin.« Gewerkschafterin Mönig-Raane sprach von »großer Erleichterung«. Görg dankte den Mitarbeitern, Kunden und Lieferanten für ihre Unterstützung während der Insolvenz. Die Ministerin sprach von einem »Tag der Freunde«. Die Bundesregierung hatte den Ruf nach Staatshilfen immer zurückgewiesen.

Nach Angaben des Gerichts besteht nun noch eine 14-tägige Beschwerdefrist, in der mögliche Verfahrensfehler beanstandet werden können. Am 1. Oktober soll dann Berggruen die Schlüsselgewalt für die Karstadt Warenhaus GmbH erhalten.

Die Warenhauskette erhält mit seinem Einstieg anders als das frühere Schwesterunternehmen Quelle eine neue Chance. Dem Versandhändler blieb vor fast einem Jahr nach gescheiterten Rettungsversuchen nur die Schließung. Investor Berggruen hatte den Kaufvertrag bereits Anfang Juni unter Vorbehalt unterschrieben, nachdem er als Sieger aus einem Bieterverfahren hervorgegangen war. Die Einigung mit dem Vermieter Highstreet zog sich jedoch über Monate hin. Der 49-jährige Milliardär, Sohn des legendären Kunstsammlers Heinz Berggruen, will die rund 25 000 Arbeitsplätze und alle 120 Filialen erhalten sowie 70 Millionen Euro eigenes Kapital investieren. Dabei profitiert Berggruen vom »Sanierungsbeitrag« der Beschäftigten in Höhe von 150 Millionen Euro, verteilt auf drei Jahre, zum Beispiel durch Abstriche bei Sonderzahlungen. Karstadt soll jünger und modischer werden. Berggruen, der selbst keine Erfahrung im Einzelhandelsbereich hat, plant eine Zusammenarbeit mit dem kalifornischen Designer Max Azria. Das Sortiment soll stärker auf Trendartikel in den Bereichen Mode, Wohnen, Kosmetik und Schmuck zugeschnitten werden. Investiert werden soll auch in die »Modernisierung des Ambientes« der Warenhäuser. »Und zwar nicht nur in Leuchtturmprojekte wie früher«, betonte der amtierende Karstadt-Chef Thomas Fox.

Auch mit dem Einstieg von Berggruen steht Karstadt nach Einschätzung einiger Branchenkenner eine schwierige Zukunft bevor. Das Kaufhaus-Konzept für Innenstädte gilt ihnen als überholt, für die gesamte Warenhaus-Branche rechnen Experten in den kommenden Jahren allenfalls mit einer Stagnation. Entscheidend dürften daher Berggruens Maßnahmen zur Neuausrichtung der Kette sein. Sollten diese nicht greifen, halten Beobachter längerfristig eine Zerschlagung von Karstadt und die Verschmelzung der profitablen Häuser mit der Warenhaus-Tochter Kaufhof des Handelskonzerns Metro für noch nicht ganz ausgeschlossen.

Im Karstadt-Stammhaus in Wismar, wo das Unternehmen im Jahr 1908 vom Kaufmann Rudolph Karstadt gegründet worden war, herrschte am Freitag Erleichterung: »Wir haben lange gehofft und gebangt. Nun sind wir einfach froh und erleichtert, dass es weitergeht«, sagte Betriebsratschefin Viola Hopp. Bürgermeister Thomas Beyer betonte: »Das Karstadt-Warenhaus ist aus unserer Altstadt nicht wegzudenken.«