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Von Tobias Riegel 07.09.2010 / Feuilleton

Aufstand der Angsthasen

Die geistige Provinz hat die Integrationsdebatte geentert

Was haben die Wilmersdorfer Witwe, der Bayerische Bauernlümmel und der Plauener Prolet gemeinsam? Sie alle kennen »den Muslim« einzig als Cover-Rüpel der »Bild«-Zeitung oder Animateur in Antalya. Dennoch zwingen jene Couch-Kreuzritter, die statistisch einmal im Monat ein Kopftuch von Weitem sehen, dem Land momentan eine mit Macht hochkochende Debatte auf, in deren Zusammenhang das Wort »Integration« fast wie »heilige Inquisition« klingt.

Mit der ehrlichen Wut der Rechtschaffenen, denen jahrzehntelang von hinterhältigen Gutmenschen der Mund geknebelt wurde, lassen sie seit einigen Wochen einem angestauten Strom von Schlechtmenschentum ungehemmt, hysterisch und durchaus genießerisch freien Lauf. Dabei verstopfen sie mit beachtlichem Fleiß, als ginge es um nichts geringeres als Wien vor den Türken zu retten, sämtliche Internetforen. Auch das ND ist hier nicht vor in ihrer Schlichtheit gruseligen Online-Kommentaren gefeit.

Auf ihrer Sündenbock-Suche stilisieren sich die geistigen Provinzler sowohl zu Opfern als auch zu Experten. Zu Opfern etwa einer durch drastisch geschilderte Einzelfälle hochgejubelten »Migrantengewalt«. Die existiert zwar, findet aber vor allem szene-intern statt. Sie trifft also in erster Linie andere jugendliche Migranten und eben nicht die wegen der letzten Springer-Schlagzeile schlotternde Rentnerin. Die Weisheit, dass Fremdes scheinbar umso Furcht einflößender ist, je weiter entfernt es sich befindet, wird vom deutschen Spießer momentan eindrucksvoll bestätigt.

Experten sind die aufständischen Angsthasen wiederum für eine »der muslimischen« überlegene Kultur. Wobei das Expertentum sich in diesem Ranking der Rassen vor allem in lässiger Ausblendung von bedauerlichen Ausrutschern »unserer« Kultur wie Kolonialismus, Holocaust, Welt-, Vietnam-, Irak- und Afghanistankrieg manifestiert. Im Mittelalter verharren schließlich die anderen. Ein uns alle mästender westlicher Wirtschaftsimperialismus wird dabei ebenso still ignoriert wie sozialer Ungerechtigkeit und jahrzehntelanger Zurückweisung geschuldete Symptome kulturell erklärt werden.

Wenn nun erleichtert festgestellt wird, dass »die Mehrheit« der Deutschen »die Thesen« des berüchtigten Bundesbankers ablehne, so fragt man sich, welcher dieser Thesen denn die knappe Minderheit zustimmt? Der mit dem »Juden-Gen« oder der mit den »am Fliesband produzierten Kopftuchmädchen«? Wahrscheinlicher jedoch ist, dass diese Frage den meisten jener »Sarraziner« und Kirsten-Heisig-Fans schon viel zu konkret ist – sie finden einfach gut, dass hier »endlich« mal jemand was »gegen Ausländer« sagt. Und das, verdammt noch mal, wird ja wohl noch erlaubt sein!

Was ist der Kanake auch so borniert und weigert sich, glücklicher Christ zu werden, in einer Gesellschaft, die ihn erst herlockt und dann über 40 Jahre lang alles tut, damit er nicht an ihr teilhaben kann? Warum nur kann er sich nicht ordentlich und im Stillen vorbereiten auf den großen Moment, in dem der deutsche Dompteur über Nacht die Peitsche beiseite legt und den Integrations-Reifen zum Durchhopsen zückt?

Was kann schon so schlimm daran sein, immer wieder aufs Neue zu erfahren, dass der kluge Mohammed in einem bestens eingespielten Automatismus auf die Ghetto-Hauptschule abgeschoben wird, während der tumbe Felix studieren darf? Daran, einerseits dem Deutschen keinen Arbeitsplatz »wegschnappen« zu dürfen, andererseits aber Sozialleistungen nur »erschlichen« haben zu können? Daran, zu erleben, dass für Jugendzentren oder die Ausstattung der Schulen – der einzig vielversprechenden Keimzellen echter Integration in den »Problemkiezen« – kein Geld da ist, für Wachschutz, Polizei und am besten geschlossene Kinderheime aber sehr wohl?

Dass verkürzte Jugendstrafverfahren schon das höchste Maß an Aufmerksamkeit ist, das den Gastarbeitern entgegengebracht wird, sollte für diese ja wohl zu verkraften sein. Ebenso, dass der, der einst als Senator den Berliner Schulen noch den letzten Cent entwendet hat, nun von Bildung palavern darf. Er soll sich jetzt mal nicht so haben, der Osmane. Schließlich hat er lange Jahre bewiesen, wie gut er im Nehmen ist.

Die Hardcore-Islamisten in Deutschland jedenfalls werden zu Allah für zwei, drei, viele Sarrazin-Heisig-Pamphlete beten. Kaum eine Schrift der letzten Jahrzehnte wird ihnen ähnlichen Zulauf beschert haben.

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