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Von Bernhard Clasen 08.09.2010 / Außer Parlamentarisches

Eichenlaub statt Autolawine

Umweltschützer kämpfen seit Jahren gegen die Abholzung des letzen Grüns rund um Moskau

Im Sommer eskalierte der Konflikt um einen der letzten verbliebenen Wälder in der Nähe Moskaus. Er soll für eine Autobahn abgeholzt werden. Bis Oktober sind die Rodungen unterbrochen. Wie es weitergeht, entscheidet sich in den nächsten Tagen. Voraussichtlich Ende September wird zwei jungen Moskauern der Prozess gemacht.
Auch Antifas unterstützen die Proteste. Sie fordern die Fre
Auch Antifas unterstützen die Proteste. Sie fordern die Freilassung zweier Aktivisten.

Dass es ausgerechnet die Umweltbewegung schaffen würde, so viele Menschen auf die Straße zu bringen, hätte niemand in Russland erwartet. Doch am 22. August strömten mehrere Tausend auf den Moskauer Puschkin-Platz, um für den Wald der Moskauer Vorstadt Chimki zu demonstrieren. Vier Tage später verkündete Präsident Dmitri Medwedjew überraschend einen vorläufigen Stopp der Rodungen. Mehr als eine Atempause ist das nicht.

Begonnen hatten die Auseinandersetzungen um den Eichenwald, der wichtiger Teil des sogenannten »grünen Ringes um Moskau« ist, 2006, als die Behörden eine Autobahn mitten hindurch genehmigten. Das Projekt wäre zügig durchgewunken worden, wären da nicht einige kritische Bürger der Kleinstadt Chimki, die auf die finanziellellen Interessen hinwiesen. Land in unmittelbarer Nähe des Moskauer Flughafens Scheremetjewo ist ein Leckerbissen für Investoren. So soll nicht nur die Autobahn gebaut werden, sondern auch »Infrastruktureinrichtungen« wie Tankstellen und Einkaufszentren um sie herum entstehen. Wenn die Straße nach St. Petersburg unbedingt gebaut werden müsse, erklärten die Umweltschützer, sollte eine andere Trassenführung, die die Umwelt weniger belastet, gewählt werden.

Brutale Einschüchterung

Die Verteidigung des Waldes ist lebensgefährlich. Das hat sich in den vergangenen Jahren mehrfach gezeigt. So werden lokale Journalisten bedroht, zusammengeschlagen oder umgebracht. Seit der Sprecher der Bürgerinitiative von Chimki Michail Beketow im November 2008 von Unbekannten brutal überfallen wurde, kann der Journalist keine zusammenhängenden Sätze mehr sprechen. Bei dem Überfall hatte er eine schwere Gehirnerschütterung erlitten, zudem musste ihm ein Unterschenkel amputiert werden. Der Chefredakteur einer Lokalzeitung hatte regelmäßig über Korruption und Unstimmigkeiten rund um den Bau der Autobahn berichtet. »Wenn ich ihn im Krankenhaus besuche«, berichtet die heutige Sprecherin der Waldschützer von Chimki, Jewgenija Tschirikowa gegenüber ND, achte ich immer darauf, dass unter den Besuchern keine Männer sind. Michail hat seit dem Überfall panische Angst vor fremden Männern.« Viele seiner Kollegen haben ähnliche Erfahrungen gemacht. Der Journalist und Umweltschützer Sergej Protasanow kam nicht mit dem Leben davon. Er starb im April 2009 nach einem Überfall in Chimki.

Doch die Umweltschützer von Chimki ließen sich nicht einschüchtern. Immer wieder organisierten sie Mahnwachen, führten Camps im bedrohten Wald durch, sammelten Unterschriften, kämpften in den Gerichten gegen die Rodungen. Es gelang ihnen, ganz unterschiedliche, teilweise miteinander konkurrierende Milieus in den Widerstand einzubinden. Die liberale »Jabloko«-Partei arbeitet genauso selbstverständlich mit den Umweltschützern zusammen wie Greenpeace, Autonome, Antifaschisten, die »Linke Front« und Rock-Stars wie Jurij Schewtschuk von der Band DDT. Auf einem Parteitag der französischen Grünen prangerte Sprecherin Tschirikowa im August vor 2000 Menschen den französischen VINCI-Konzern als Hauptinvestor der Autobahn von Moskau nach St. Petersburg an.

Als im Juli die Rodungen begannen, waren die Umweltschützer sofort zur Stelle, behinderten mit einem Widerstandscamp die Arbeiten an der Trasse. Sie wurden von maskierten Wachtrupps der Rodungsgesellschaft zusammengeschlagen. Die Polizei nahm die Waldschützer fest. Für die Schläger interessierte sie sich nicht. Nach einer Demonstration wurden die Repressalien noch einmal verschärft. Mehrere hundert Jugendliche, größtenteils vermummt, hatten am 28. Juli vor der Stadtverwaltung von Chimki demonstriert und das Gebäude mit Steinen beworfen. Alexej Gaskarow und Maxim Solowow, zwei bekannte Moskauer Antifaschisten, sitzen seit diesem Tag wegen angeblicher Rädelsführerschaft in Untersuchungshaft. Ihnen drohen sieben Jahre Haft. Die beiden bestreiten die Vorwürfe. Voraussichtlich Ende September soll die Hauptverhandlung beginnen. Auch Jewgenija Tschirikowa wurde nach der Demonstration vorübergehend verhaftet, obwohl sich die 32-Jährige zum Zeitpunkt der Demonstration gar nicht in der Stadt, sondern an der Rodungsstelle aufgehalten hatte.

Sensibilisiert durch den wochenlangen Smog solidarisierten sich immer mehr Menschen mit den Aktivisten. Sergej Udalzow, Sprecher der »Linken Front«, erklärt gegenüber ND den Erfolg der Waldschützer von Chimki vor allem mit deren erfolgreicher Bündnisarbeit. »Der Wald von Chimki geht uns alle an«, sagt Olga Mirjasowa von der Soligruppe für Gaskarow und Solowow gegenüber ND. »Wenn die Eichen von Chimki einmal gerodet sind, werden auch die für den geplanten neuen Autobahnring avisierten Rodungen durchgezogen. Was bleibt dann noch übrig, wenn auf jeder Straßenseite drei Kilometer Wald gerodet werden?«

Für den 22. August hatte ein breites Spektrum zu einer Kundgebung und einem Konzert in Moskau aufgerufen. Tausende Menschen drängten sich auf dem Puschkin-Platz. Da die Behörden das Konzert verboten hatten, traten die Künstler ohne Mikrofon auf. Prominente Unterstützung bekamen die Umweltschützer vergangene Woche von einem weiteren Rockmusiker. Am Endes seinen Moskau-Konzertes sang U2-Frontmann Bono zusammen mit DDT-Sänger Jurij Schewtschuk Bob Dylans »Knocking on heaven's door«. Am nächsten Tag verfügte Präsident Dmitri Medwedjew einen vorläufigen Stopp der Rodungen.

Aufschub bis Oktober

Die Unterbrechung gilt bis Oktober. Bis dahin solle in Hearings die Meinung von Bevölkerung und Fachleuten eingeholt werden, so Medwedjew. Am 16. September will die Gesellschaftskammer, eine Struktur, die sich als Bindeglied zwischen staatlichen Organen und Zivilgesellschaft versteht, eine Anhörung durchführen.

Wie viel überhaupt noch zu retten ist, wird sich zeigen. Die Nachrichtenagentur Ria Novosti meldete, laut Satellitenaufnahmen sei der Wald von Chimki auf der geplanten Streckenführung bereits größtenteils abgeholzt.


Chronik

28. April 2006: Die Behörden genehmigen den Bau einer Autobahn durch den Wald von Chimki.

Herbst 2007: 5000 Unterschriften wenden sich gegen die Rodungen.

Frühjahr 2008: Ein Moskauer Gericht weist sämtliche Klagen der Waldschützer zurück.

Sommer 2008: Erstes Widerstandszeltlager im Wald von Chimki.

November 2008: Michail Beketow, Sprecher der Waldschützer und Chefredakteur der »Prawda von Chimki«, wird brutal zusammengeschlagen.

Herbst 2009: Die russische Regierung verfügt, dass das Waldgebiet von Chimki industriell und für den Verkehr genutzt werden kann.

Februar 2010: Die Umweltschützer verlieren auch im Obersten Gericht.

Juli 2010: Beginn der Rodungen vor Chimki. Mit einem Widerstandscamp versuchen die Umweltschützer, die Rodungen aufzuhalten.

22. August: Mehrere tausend Menschen protestieren auf dem Puschkin-Platz.

25. August: U2-Frontmann Bono solidarisiert sich mit den Waldschützern.

26. August: Präsident Medwedjew verfügt einen vorläufigen Stopp der Rodungen und ordnet Hearings an.

2. September: Die Stadtverwaltung von Chimki organisiert Hearings. Umweltschützer kritisieren das Verfahren als Farce und boykottieren die Veranstaltung.

6. September: Moskaus Bürgermeister Luschkow spricht sich für die geplante Trassenführung aus. (BC)

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1 Kommentar zu diesem Artikel

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  • Max53, 11. Sep 2010 00:57

    Rußland ist eine brutale Mafiadiktatur

    Dieser brutale Diktator, der sich ein demokratisches Mäntelchen hat umhängen lassen, gibt aber auf demokratische Spielregeln nicht einen Pfifferling. Wenn der ehemalige Geheimdienstler für weitere 14 oder 21 Jahre an der Macht bleiben will, dann kann er das nur mit brutaler Unterdrückung des Volkes schaffen.Schon heute werden politische Gegner nicht durch Wahlen besiegt, sondern sie werden einfach tot geschlagen, erschossen oder durch Folter umgebracht. Die Liste der ermordeten politisch Aufrechten, die sich gegen die korrupte Politmafia, gekaufte Justiz und Polizei zu Wehr setzten, geht in die hunderte. Ein Staat der seine eigene Bevölkerung mit Krieg und Ausplünderung in Tschetschenien überzieht, der ist keine Demokratie, sondern eine Ansammlung von brutalen, blutgierigen Menschenschlächtern. Rußland hält sich nur durch seine verkauften Rohstoffe über Wasser. Nur in Moskau und ein wenig in Petersburg ist der Reichtum konzentriert. Große Teile der Bevölkerung wird wie in einem Gefängnis gehalten, in dem die Meinung des Gefängnisdirektors Putin maßgebend ist. Andere Meinungen und Vorstellungen werden durch die Sondereinheiten von OMON brutalst unterdrückt. In weiten Teilen dieses Riesenlandes leben die Menschen zum Teil noch wie im Feudalismus, man glaubt es kaum. Selbstversorgung ist angesagt und mangels Geld, blüht der Tauschhandel wieder auf. Man könnte noch viel mehr über die schlimmen Methoden der herrschenden Mafia schreiben, aber dafür reicht der Platz nicht aus.

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