Von Marina Mai
08.09.2010

Scooter-Korso in die Gärten der Welt

Senioren machten sich in Marzahn auf den Weg in die Freizeit

Wann sie das letzte Mal in den Gärten der Welt im Erholungspark Marzahn war, weiß Ingeborg Schade ganz genau. »Im letzten Jahr zur Tulpenblüte. Mit den Kindern.« Die Gärten der Welt sind nur drei Kilometer vom Pflegewohnzentrum Kaulsdorf-Nord entfernt, in dem die Seniorin wohnt. Doch drei Kilometer sind für die gehbehinderte Dame ein fast unüberwindbares Hindernis. Wenn das Seniorenheim nicht einen Bus gechartert hat, kann sie nur mit Verwandten im Auto fahren.

Gestern war das einmal anders. Gemeinsam mit anderen Bewohnern und Betreuungspersonen ihres Heimes lenkte sie selbst ein elektrisches Fahrmobil dorthin. In einem Scooter-Korso rollten zehn Senioren und mehrere Betreuer bei maximal sechs Kilometern pro Stunde über die Marzahner Radwege. Luftballons hingen an den Mini-Mobilen. Ein Senior sagte, das fühle sich ein wenig an wie bei Arthur dem Engel.

Die einsitzigen Fahrmobile, auch elektrische Rollstühle genannt, hat die Herstellerfirma Mobilis aus Westfalen dem Heim geliehen. Eineinhalb Wochen lang konnten die Senioren im Innenhof ihre Geschicklichkeit im Umgang mit den Mini-Elektroautos erproben, bevor der Korso auf Reisen ging. »Ihre Augen haben dabei richtig geleuchtet«, sagt Heimleiterin Hiltraud Hartmann. Sie mussten das Lenken erlernen und ein Gefühl für Vorwärts- und Rückwärtsfahren erwerben. Nicht jeder, der mit den Miniautos geübt hat, hat sich die Reise dann auch zugetraut.

Für jeden Bewohner sei das Fahrmobil nicht geeignet, ergänzt Heimmitarbeiter Herbert Großmann. Man müsse schon noch ein wenig laufen können, zumindest den Weg aus dem Fahrmobil zur Toilette mit den eigenen Beinen bewältigen. »Und unseren demenzkranken Bewohnern können wir das auch nicht anbieten. Aber wir sind ja auch in der Pflicht, denen gute Freizeitangebote zu machen, die noch fit sind.« Und die würden durch die Elektroautos ein Stück Mobilität zurückbekommen und könnten auf eigene Faust die Heimumgebung erkunden.

Zu ihnen gehört Gisela Pohl, eine ehemalige Kita-Leiterin. Das Laufen fällt ihr schwer, und ein Fahrrad ist ihr schon lange zu wackelig. Gleich nach den ersten Fahrübungen mit dem Scooter im Innenhof des Heimes hat sie sich entschlossen, sich so ein umweltfreundliches Elektroauto zu kaufen. »Ich bin damit schon allein einkaufen gewesen«, sagt sie. In einen Supermarkt käme sie damit zwar nicht durch die schmalen Gänge. »Aber in der Nähe des Spreecenters gibt es einen netten Händler, der mir mein Obst und meinen Saft aus dem Laden hinaus bringt.« Demnächst will sie ihren Neffen mit einem Besuch im eigenen Gefährt überraschen. Rund 3000 Euro habe sie für ihre neue Mobilitätshilfe berappen müssen, erzählt die alte Dame. »Manche Nachbarn hätten auch gern so ein Fahrzeug gehabt, hatten aber das Geld nicht.«

Der orientalische Garten in Marzahn ist rollstuhlgerecht gebaut. Die hochbetagten Gäste konnten durch ein Gebäude rollen, das einer Gebetshalle ähnelt. Viele waren noch nie hier. Und Ingeborg Schade sah zwar keine Tulpen blühen wie bei ihrem letzten Ausflug hierher. Aber Chrysanthemen und ein Picknick im Freien waren auch etwas schönes.

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