Von Christina Matte
10.09.2010

Das war mein Spiel. War es das?

Hermann Kant im ND-Club über seinen Roman »Kennung«

Mittwochabend, ND im Club. Wie zu erwarten, war der große Saal im ND-Gebäude am Berliner Franz-Mehring-Platz gut gefüllt, denn zu Gast – nicht zum ersten Mal – war der Schriftsteller Hermann Kant.
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Kant las das erste Kapitel aus seinem jüngsten Roman »Kennung«. Somit begann der Abend heiter. Obwohl schon in diesem ersten Kapitel alles angelegt ist: der Ernst des Themas und wie ernsthaft der Autor damit umgeht. Doch der Spieler, der Wortspieler Kant, der immer auf Tiefe zielt, verspielt auch nicht den Witz, der sich anbietet. Man könne nicht einen Tag mit 24 Stunden Langeweile auf 24 langweiligen Seiten wiedergeben. Und ja, er genieße den Witz, den ein Thema ihm eröffne. Kants Publikum an diesem Abend konnte sich dem Wortwitz nicht entziehen.

Das Thema: Vor der Tür des Literaturkritikers Linus Cord begehrt ein Mann mit Klappkarte Einlass – der ihm gewährt wird. Der Gesandte des Ministeriums für Staatssicherheit fragt, ob Cord noch die Nummer seiner Erkennungsmarke wisse, die ihm, dem jungen Wehrmachtssoldaten, kurz vor Kriegsende von Sowjetsoldaten abgenommen und zu vielen anderen auf eine großen Haufen geworfen wurde. So bei Kant – in Polen – tatsächlich geschehen. Warum sollte sich Linus Cord an die Nummer erinnern? Einstieg in ein Gespräch »unter Genossen«, das bei Kant vielschichtig gerät und in dessen Verlauf Cord zur Mitarbeit beim MfS bewegt werden soll. Aus diesem Gespräch ergeben sich in der weiteren Romanhandlung absurde Situationen. Ein kafkaeskes Spiel beginnt, das der Intellektuelle Cord/ Kant zu beherrschen glaubt. Und das doch auch ihn beherrscht.

ND-Literaturredakteurin Irmtraud Gutschke, die mit Hermann Kant das Gesprächsbuch »Die Sache und die Sachen« verfasste, moderierte den Abend. »Kennung« nennt sie einen Roman der Auseinandersetzung mit der DDR, »den man von Kant möglicherweise nicht erwartet hat«. Zwar habe der auch schon in der DDR kritische Bücher geschrieben, doch heute, da viele seiner Leser nicht zu Unrecht das Gefühl hätten, auf ihren Biografien werde »herumgetrampelt«, um die heutigen Verhältnisse als »die einzig möglichen zu rechtfertigen«, empfinde mancher die kritische Sicht vielleicht als verstörend. Irmtraud Gutschke: »Aber Sie geben mir sicher Recht, dass die Auseinandersetzung mit der DDR unsere ureigene Angelegenheit ist. Nicht, um irgendwelche ›Lehren‹ zu ziehen, sondern für uns selbst. Um zu erkennen: Was war Täuschung, was wahrhaftig in meinem Leben.« Und zum Roman: »Man kann verstehen, dass, wer in großen Zusammenhängen denkt, Menschen wie Figuren auf einem Schachbrett verschiebt. Dem, der schiebt, mag das richtig erscheinen, für den Bauern ist das bitter.« Kant ergänzte, es sei ein Spiel von Zweien. Die Frage sei lediglich, wer anfängt. »Einer fängt an, der andere zieht nach. Es wird gezogen und nachgezogen.«

Verstrickung. Warum Cord den Mann mit der Klappkarte denn überhaupt hereingelassen habe, wollte Irmtraud Gutschke wissen. Kant verstand das als Variation der

ihm oft gestellten Frage, warum er »als intelligenter Mensch überhaupt in der DDR leben konnte«. Und er machte kein Hehl daraus, dass er es als lächerlich empfunden hätte, ganz und gar für diesen Staat DDR, jedoch gegen dessen Schutz gewesen zu sein. »Aber ich wollte die DDR nicht so, wie sie war, sondern so, wie ich sie mir vorgestellt habe.« Auf die Frage aus dem Publikum hin, wie er es empfunden habe, dass einige seiner Kollegen glaubten, kraft ihrer Intelligenz mit der Macht spielen zu können, stellte er sich: »Fragen sie doch einfach, ob ich Vergnügen daran hatte, mit der Macht zu spielen. Natürlich: Es hat mir Spaß gemacht, weil immer etwas rauskam.« Dann verkantete er seine Antwort: »Es war mein Spiel. Nicht gegen die Macht, sondern als Teil von ihr.«

Von der Möglichkeit, den Autor zu befragen, machte die Leser reichlich Gebrauch. So wollte jemand erklärt haben, weshalb Kant als Symbol der Macht die Staatssicherheit und nicht den alles lenkenden Parteiapparat gewählt hat. Kant legte seine Sicht auf die Machtstruktur dar: Die Staatssicherheit sei beauftragt gewesen, die Partei zu schützen, deshalb habe sie geglaubt, mehr über die Partei als diese über sich selbst wissen zu müssen – und sich damit über die Partei gestellt.

Nicht alle waren mit dieser Antwort zufrieden. Abwehr als Pflaster für Verletztheit. Ob Kant mit seiner Rezension von Grass' neuem Buch »Grimms Wörter« vor wenigen Tagen im ND sowie auch mit seinem eigenen Roman um die Gunst von Grass buhlen wollte? Weshalb er im Roman von »Stasi« spreche statt vom »Ministerium für Staatssicherheit«? Sei er etwa auch, wie das ND, vom herrschenden Zeitgeist angefressen? Die Erwiderung kantig-souverän: Als Autor müsse ihn nicht interessieren, welche Wortwahl man von ihm erwarte. »Ich schreibe ›Stasi‹, wenn ich will. Aber nur, wenn ich es will und es der Geschichte dient.«

Dass Literatur sehr viel mehr als die platte Abbildung von Leben ist, darüber bestand bei den meisten Anwesenden Konsens. Sie genossen es, wenn Hermann Kant als launiger Geschichtenerzähler sie in die Welt seines Schaffens entführte. Der herzliche Applaus am Ende des Abends, der Ansturm am Signiertisch zeigten: Kant hatte im ND wieder ein Heimspiel.

Hermann Kant: Kennung. Roman, Aufbau Verlag, 250 S., geb., 19,95 €.

Irmtraud Gutschke: Hermann Kant. Die Sache und Die Sachen. Das Neue Berlin, 253 S., geb., 14,90€.

Zu bestellen über ND-Bücherservice, (030)2978 1777.