Es ist gefragt worden, wenn denn nach all den Jahren der Ignoranz nun endlich wieder eine große deutsche Bühne Peter Hacks spiele, warum dann ausgerechnet dieses Stück? »Die Sorgen und die Macht«, geschrieben 1958/59, in dritter Fassung 1962 im Deutschen Theater Berlin zur Premiere gebracht und nach hitziger Diskussion bald darauf wieder abgesetzt, ist ein sozialistisches Produktionsstück. Es handelt von den Widersprüchen beim Aufbau des Sozialismus; als Keimzelle des Dramas darf ein offener Brief gelten, den Brandenburger Stahlwerker am 26. Februar 1958 im ND veröffentlichten. Sie beklagen darin, dass die Lieferung minderwertigen Brennstoffs sie hindere, den Plan zu erfüllen. Bei Hacks verdienen sich die Arbeiter der Brikettfabrik – 160 Prozent Planerfüllung! – eine goldene Nase an Premien, während die Leute in der Glasfabrik arm bleiben. Sie können nicht produzieren, weil die Briketts, auf die sie angewiesen sind, nichts taugen. Das muss sich ändern.
Probleme von gestern. Hat Hacks nichts geschrieben, was uns Heutige betrifft? Gewiss, das hat er. Warum wählten Tom Kühnel und Jürgen Kuttner, um zu Hacks zu gelangen, dann ausgerechnet den Bitterfelder Weg? Ihre dreieinhalbstündige Inszenierung der »Sorgen« an den DT Kammerspielen – Untertitel hier: »Ein Stück über die Zukunft von gestern« – beantwortet diese Frage: Weil die Zukunft von gestern nicht unsere Gegenwart ist. Sofern die Zukunft, die Hacks meinte, jemals eintreten wird, steht sie noch bevor. Der Sozialismus ist gescheitert. Was ihm folgte, war das überwunden geglaubte Vorgestern, sehr bunt lackiert. Gehen Sie mal raus!
Kühnel und Kuttner haben ihre Vorlage nicht der Lächerlichkeit preisgegeben. Sie bringen das Stück so, wie es da steht. Weil man es aber nicht so bringen kann, wie es da steht, nicht so, als wären keine 50 Jahre über das Werk und seine Gegenstände hinweggegangen, unterbrechen sie es fortwährend in seinem Fluss. Das ist so störend, wie Werbepausen den Fernsehfilm stören. Aber es ist – im Unterschied zu den Werbepausen – notwendig. Und es ist äußerst erhellend.
Die Unterbrechungen hier: authentische Wortmeldungen aus der (einstigen und heutigen) Deutungsschlacht um die »Sorgen«, eine Ulbricht-Rede zur Funktion der Kunst, die kapitulierende Selbstgeißelung des damaligen DT-Intendanten Wolfgang Langhoff, ferner die bürgerlich-ästhetizistische Hacks-Umarmung post mortem des FAZ-Herausgebers Frank Schirrmacher, der wütend-vergnügliche Untergangs-Schlager der DDR-Punk-Band Feeling B (»Ich such die DDR und kommt sie zurück zu mir – verzeih ich ihr«), das »So oder so, die Erde wird rot« des Hacks-Antipoden Biermann (Köln, 1976), schließlich politische Gedichte von Hacks selbst (besonders die trotzig »stalinistischen« des ins Nichts zurückgeworfenen Nachwende-Dichters).
Diese Unterbrechungen außen vor gelassen, gibt es nur zwei Eingriffe des Regie-Duos in die Vorlage, gravierende allerings. Der erste besteht darin, den Ort der Handlung ab einem gewissen Punkt aus den Fabriken in Goethes Junozimmer zu verlagern – dazu später mehr. Der zweite ereignet sich auf dem Höhepunkt des Stücks. Just, da Hacks alle Konflikte entwickelt, alle Widersprüche ihrer schwierigen, aber nicht unmöglichen Lösung anheimgestellt hat, lassen Kühnel und Kuttner das Stück abreißen. Auf tritt: Herr Wesselbrunner, ein westdeutscher Alteigentümer, der die Räume, in denen bis eben alles um den mühevollen Aufbau der neuen Zeit und des neuen Menschen ging, schwäbelnd sein eigen nennt. Auf einmal stehen die Antagonisten der »Sorgen« zusammen. Mit den nun besseren Briketts aus ihrer Produktion steinigen sie schreiend den Eindringling, der sich des Angriffs mit seiner Aktentasche erwehrt.
Wesselbrunner ist eine Figur aus dem Jahre 1991, mithin von Vorgestern. Sie entstammt Hacks' drei Jahrzehnte nach den »Sorgen« verfasstem Stück »Fafner, die Bisam-Maus«. Wesselbrunners Auftritt folgt auf der Bühne nicht mehr viel. Das Paar Max Fidorra (Brikettfabrik) und Hede Stoll (Glasfabrik) schreitet Arm in Arm, zugedröhnt vom Christian-Anders-Schlager »Die Mauer«, einer auf- oder untergehenden, biermannrot glühenden Sonne entgegen. Wofür sie steht? Wenn man es wüsste, würde man es sagen, hätte Hacks gesagt. Symbole sind hilflos.
Was Kühnel und Kuttner hier vorführen, wirkt so befremdlich, wie Trash eben wirkt. Aber es ist wahr. Die gebrochene Inszenierung ist Ausdruck der gebrochenen Idee. Wo eben noch gekämpft und gestritten, gesiegt und verloren wurde für oder wider eine Sache, die alle Menschen angeht, weil sie aller Menschen Wohl sich zum Ziel gesetzt hat, gewinnen nun wieder fade Duselei und stures Ringen um Eigennutz die Oberhand. Alles beim Alten.
1962/63 hatte die Aufführung dieses Werks aus der Feder eines Neu-DDR-Bürgers (der Kommunist Hacks war 1955 aus München gekommen) für einen Theater-Skandal ohnegleichen gesorgt, an dessen Ende das Stück vom Spielplan verschwand und Langhoff seinen Hut nahm. Was Parteiobere Hacks vorwarfen, brachten Kurt Bork (stellv. Minister für Kultur) und Siegfried Wagner (Leiter der Abt. Kultur im ZK) im ND vom 16.12.1962 auf den Punkt: »Hacks verlegt das Glück der Menschen in eine ferne Zukunft. Unser Glück besteht doch aber für uns heute in der Existenz des ersten Staates der Arbeiter und Bauern in Deutschland und in der Existenz der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, die den Kampf um den Sozialismus siegreich führt.« Demgegenüber hatte Anna Seghers, wohl wissend um die drohende Gefahr einer Absetzung, eine Woche zuvor ebenfalls im ND geschrieben: »Es wird freilich nicht möglich sein, ein Beispiel für den Sieg des Guten über das Schlechte zu zeigen, ohne dabei auch das Schlechte zu zeigen. [...] Wir hoffen alle, daß man auf unseren Bühnen bald noch mehr Stücke spielen wird, die soviel Erregung erwecken.«
Die Hoffnung war vergebens. Und ist heute vergebener denn je. Wann gab es denn den letzten Theater-Skandal, der diesen Namen verdiente? Die Erregung damals rührte ja nicht aus Sperma und Kunstblut, sondern aus verschiedenen Beurteilungen darüber, wie das Richtige, das man gemeinsam erreichen wollte, zu erreichen sei. Wer sich heute hinstellt und auch nur die Existenz eines Richtigen behauptet, bekommt es mit dem Verfassungsschutz zu tun – oder mit der Psychiatrie. Wo aber alles gilt, gilt nichts. Der Preis von Freiheit und Pluralismus, so bitter diese Erkenntnis ist, liegt im Verlust der Utopie, Menschen könnten gemeinsam mit Menschen die Menschheit erschaffen. Diese Utopie – eine Utopie übrigens, in der sich das Wesen der Liebe spiegelt, Hacks wusste das immer – hatten die Kommunisten. Diese Utopie hatte Peter Hacks.
Er erfüllte sie sich dann in der Klassik. Die Idee, »Die Sorgen und die Macht« im Goethe-Haus spielen zu lassen, ist gut. Denn Hacks' Abkehr vom Dreck und von den Mühen des Profanen, seine Hinwendung zum geistig Gültigen und Elitären, waren ja keine Weltflucht. Auch als sozialistischer Klassiker, als der er sich stets verstand, war Hacks mit denselben Widersprüchen befasst. Er gebrauchte seine geschliffene Kunst als Waffe und Werkzeug am Menschen. Nur vom Fließband hielt er sich fortan fern. Kunst kann allerhand erzeugen – nur keine Briketts. Und, Gott sei dank, auch keine Leichen. Beim späten Hacks hätte es die gegeben.
Ein Bravo auf das Ensemble am Ende: Die vielen auftretenden Personen werden von lediglich sieben Schauspielern (Gabriele Heinz, Michael Schweighöfer, Elias Arens, Christoph Franken, Felix Goeser, Claudia Eisinger, Susanne Wolff) sowie Jürgen Kuttner in wechselnden Rollen mit großer Lust gespielt. Ganz so, als ginge es wirklich um was. Kuttner, der Regisseur, die kluge Quasselstrippe, die Kodderschnauze aus dem Radio, schlüpft in die meisten Rollen – und spielt am besten sich selbst. Wenn er aus den Kleidern steigt, um Hacks' Gedicht »Der Fluch« zu rezitieren, schickt er diesem eine berlinerte Brandrede gegen die Honecker-Fraktion voraus, die Ulbricht, als sie ihn stürzte, im Morgenrock abbilden ließ. Kuttner, ganz Kuttner: »Wenn aufrichtije Kommunisten sich uneinich sind, denn erschießen se sich vülleicht. Aber se fotografiern sich doch nicht im Schlüpper!« Bei allem Ernst, dieser lange Abend war lustig. Und langweilig nie.
Alle weiteren Vorstellungen (17., 25.9., 3., 16.10.) sind ausverkauft. Restkarten an der Abendkasse.
Aktuelle Ausgabe: 25.05.2012
Preis: 13,95 €
Preis: 15,90 €
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