Die Partei DIE LINKE hat mit der Debatte um ihr Grundsatzprogramm begonnen, das sie im Herbst 2011 beschließen will. Neues Deutschland begleitet die Debatte mit einer Artikelserie. Lorenz Knorr, in den 1950er Jahren Bundessekretär der Sozialistischen Jugend Deutschlands – Die Falken, später wegen des Pro-NATO-Kurses aus der SPD ausgetreten und zunächst zur Deutschen Friedens-Union (DFU), dann zur DKP übergewechselt, beschreibt den nationalen »Sonderweg« Deutschlands, der sich auch heute noch in der Politik zeige und gegen den die Linke auftreten müsse.
Es bleibt ein prägendes und fortwirkendes Faktum, dass ab 1789 zwei unterschiedliche geschichtsbestimmende Wege in Europa zu konstatieren sind. An der Französischen Revolution mit dem Sieg des aufsteigenden Bürgertums über die parasitäre Herrschaft von Thron und Altar schieden sich die Geister. Die einen hielten an den Verheißungen »Volkssouveränität, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit« fest. Und das, obwohl der sich entwickelnde Kapitalismus diese Parolen fast in sein Gegenteil verkehrte. Immerhin entfaltete sich die bürgerlich-kapitalistische Demokratie – mit all ihren Problemen. Auch die rapid wachsende Arbeiterbewegung fand ausreichende politische Entfaltungschancen und zudem Anerkennung als gesellschaftliche Kraft.
In deutschen Ländern dagegen setzten die Feudalherrscher ihre Vorherrschaft fort bis 1918: mit höchst autoritären Praktiken und das Volk als »Untertanen« behandelnd. Von »Souveränität« konnte nicht die Rede sein. Das Volk sei zur eigenen Schicksalsgestaltung nicht fähig; es bedürfe der Lenkung durch die »von Gott begnadeten Eliten«, hieß es, diese seien zur Herrschaft berufen. Die bürgerliche Revolution von 1848 blieb auf halbem Wege stecken. Fortan flüchtete sich die große Mehrheit des Bürgertums unter die Fittiche feudaler Macht: vor dem aufsteigenden Proletariat, das mit den Parolen der Französischen Revolution von 1789 auftrat und der Ergänzung, dass die wichtigsten Produktionsmittel in die öffentliche Hand gehörten. Symbolisch: Das politische Rückgrat des Bürgertums blieb gebrochen, von einer kleinen Minderheit abgesehen.
Ein Friedrich Nietzsche mit seiner Abkehr von Wissenschaftlichkeit und den von ihm gesetzten Prioritäten: Intuition, Instinkt und Mythos vermochte nur auf deutschem Boden derartigen Einfluss zu erreichen. Zurecht nennt man Nietzsche den »geistigen Vorläufer Hitlers«. Wer die »Züchtung« des (deutsch-germanischen) »Übermenschen« proklamiert, »nur Herren und Knechte« kennt, Demokratie und Frieden als Entartung und »Schwäche« denunziert, musste verheerenden Einfluss auf das Denken und Verhalten erreichen: nicht nur auf das Bürgertum; auch der Adel »profitierte« von Nietzsches Irrlehre.
Es entsprach der Angst des seinen Abstieg befürchtenden Bürgertums, wenn Nietzsche jeden historischen Progress leugnete. Die ewige Wiederkehr des Gleichen verhieß die Fortdauer des vom Bürgertum mehrheitlich unterstützten Obrigkeitsstaat.
Die deutsche Reichsgründung von 1870/71 verweist ebenfalls auf eine deutsche Besonderheit: verspätet, auf fremdem Boden, ohne Volk sowie mittels Krieg samt Annexionen. Mitgeholfen wurde am Niederschlagen der Pariser Kommune, dem ersten Versuch, eine völlig neue, von der gesellschaftlichen Basis her gestaltete Staatsmacht zu organisieren.
Das Sozialisten-Gesetz Bismarcks von 1878 bis 1890 wäre in keinem von 1789 geprägten Staat möglich gewesen. Es ist Teil der Besonderheiten der deutschen Entwicklung als Ausdruck des »deutschen Sonderwegs«. Zur Ironie der Geschichte gehört, dass die deutsche Arbeiterbewegung durch dieses autoritär-obrigkeitsstaatliche Gesetz härter als sonst zusammengeschmiedet wurde und dass sie nachher ungleich stärker war als vorher.
Die wirtschaftliche und politische »Aufholjagd«, um »einen Platz an der Sonne« zu erkämpfen, brachte eine ungleich größere Aggressivität mit sich bei der versuchten Realisierung der von den Herrschenden gesetzten Ziele: Machtkonzentration durch Niederhaltung aller oppositionellen Akteure intern und größte Skrupellosigkeit in der Auswahl der Mittel in der internationalen Arena. Die spezifische Mischung von herkömmlicher autoritärer Feudalherrschaft und kapitalistischer Unterdrückungspraxis bzw. wirtschaftlicher Machtausübung ist in dieser Form mit total inhumanen Inhalten in anderen kapitalistischen Staaten nicht vorzufinden.
Die deutsche Arbeiterbewegung galt zweifellos zurecht als die wissenschaftlich bestgerüstete und an Marx/Engels orientierte, vorbildlich organisierte und im Emanzipationskampf auch höchst erfolgreich. Schon im deutsch-französischen Krieg von 1870/71 stimmten August Bebel und Wilhelm Liebknecht beispielhaft gegen Kriegskredite. Sie postulierten: »Diesem System keinen Mann und keinen Groschen!« Die Gefahr eines neuen höchst opferreichen Krieges wurde erkannt. Man warnte rechtzeitig, aber leider umsonst.
Was aber geschah 1914? »Burgfriedenspolitik« und Bewilligung der Kriegskredite. 1918 boten sich alle Voraussetzungen, das Parteiprogramm der SPD mit Verstaatlichungsauftrag für die wichtigsten Produktionsmittel durchzusetzen. Jene wären zu entmachten gewesen, die später als »Totengräber« der Weimarer Republik fungierten. Ebert und Noske legten einen Grundstein für 1933, weil ihnen das Bündnis mit des Kaisers Generalen und Wirtschaftsbossen wichtiger war als das mit dem revolutionären Teil der Arbeiterklasse.
Es sind nicht nur geschichtliche Vorgaben, die das barbarische Bündnis von Kapitalherren, Generalität und NS-Führungs-Clique ermöglichten. Die Alternative »Fortschritt zum Sozialismus oder Rückfall in die Barbarei« wirkte. Eine Zwangslage für den Faschismus gab es nicht. Die deutschen Faschisten fanden Vorbilder und Unterstützer in anderen Staaten.
Nachwirkungen des deutschen Sonderwegs zeigten sich in der BRD und speziell nach der Annexion der DDR. Wenn leitende Helfer Hitlers wieder an die Schalthebel der BRD gelangten, so hat dies auch etwas mit Interessen der US-Führung zu tun: mit Antifaschisten war ihre gegen die UdSSR gerichtete Globalstrategie nach 1945 nicht zu realisieren. Das 131er Gesetz der BRD von 1951 vervielfältigte die Rehabilitierung und Reaktivierung von Hitlers Helfern. Contra Kommunisten und pro NS-Amtswalter blieb die Losung der CDU-Kanzler, nicht nur bis zum Verbot der KPD 1956. In keinem anderen europäischen Land außer dem faschistoiden Spanien und Portugal wäre dieses Verbot denkbar gewesen. Geschichtsblinder Antikommunismus als Staatsdoktrin, übernommen vom faschistischen Deutschland, prägte das politische Geschehen in der BRD.
Die von rechtskonservativen, deutschnationalen und faschistischen Akteuren geprägte CDU/CSU unterschied sich in ihren Reaktionen deutlich von anderen konservativen Parteien. In keiner derartigen Partei Europas fanden sich so viele Ex-Nazis bzw. Kollaborateure wie in der CDU/CSU: sie akzeptierten die Nachkriegsgrenzen nicht und wirkten als permanenter Störenfried in Europa. Sie strebten nach atomaren Vernichtungsmitteln, um ihre territorialen Ansprüche durchzusetzen. Sie diffamierten die SPD als »Handlanger Moskaus« und unterstellten ihr, den »Untergang Deutschlands« zu bewirken. Nach 1989/90 realisierte man die »Delegitimierung der DDR« und verhängte Berufsverbote gegen die einst »staatstragenden Akteure«. Das Verhalten der größeren BRD in der EU ist nicht nur von der Kapitalexpansion geprägt, sondern zugleich von den Nachwirkungen des deutschen Sonderwegs. Es gibt viele Beispiele dafür, dass der deutsche Sonderweg seine Spuren bis in unsere Zeit in die politische Landschaft gräbt.