Berührungsängste: Kassem (rechts) mit Workshopleiterin Anne Lübben (links) und seiner Lehrerin Dilik Geyik
Foto: Walter
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Workshopleiterin Anna Lübben fragt, wie man es nennt, wenn die Kamera mal von oben schaut, mal von unten und mal von der Seite. »Verschiedene Perspektiven«, ruft der 16-jährige Kassem lauthals und fügt an: »Ich wusste gar nicht, dass ich das Wort kenne.« Kassem ist einer der Neuntklässler der Berliner Liebig-Schule, die sich für die Teilnahme am Filmprojekt »Einblicke« gemeldet haben. Vier von ihnen sitzen nun um einen großen Tisch im Arbeitsraum mit vier Mädchen und einem Jungen einer achten Klasse der Fritz-Karsen-Schule. Diese wirken etwas eingeschüchtert. Sie beobachten mehr als das sie agieren. Ein Mädchen sitzt auf dem Schoß eines anderen und der 14-jährige Julian hält sich zurück, obwohl in der Vorstellungsrunde durchklingt, dass er sich viel mit Filmen beschäftigt.
Die Stimmung wird von Kassem und seinen Kumpels geprägt. Lautstark reden sie dazwischen und kokettieren mit ihren vermeintlichen Schwächen: »Er hat ADS (Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom, d. Red.), müsst ihr wissen«, sagt Kassem über seinen Kumpel, ohne dass dieser aufbegehrt. Kommunikation scheint für Kassem eine Einbahnstraße zu sein: von sich in die Welt. Obwohl beide Schulen in Berlin-Neukölln nur wenige Kilometer voneinander entfernt liegen, tun sich Unterschiede auf: Hier die Liebig-Schule, die bis zur Umstellung auf eine integrierte Sekundarschule im Zuge der Schulreform zu Beginn dieses Schuljahres eine Hauptschule mit einem hohen Anteil an Kindern aus sozial benachteiligten Einwandererfamilien war, dort die Karsen-Schule, Berlins älteste Gesamtschule, die auch bei bildungsambitionierten deutschen Mittelschichtseltern einen guten Ruf geniest.
Andrea Scheuring und eine zweite Medienpädagogin arbeiten zwei Etagen tiefer mit einer anderen Gruppe. Auch hier die Mischung aus Schülern der zwei Schulen aus Neukölln und auch hier wirkt es erstmal so, als bestimmten die Jungs von der Liebig-Schule die Lage. Aber der Wortführer Hekuran wirkt nur anfangs negativ und störend. Die Arbeitsatmosphäre ist hier anders. Hekuran ist zwar auch manchmal etwas zu expressiv, aber er regt an und ermuntert die anderen. Er wirkt wie ein Gegenentwurf zu seinem Freund Kassem.
Eigentlich hatten laut Andrea Scheuring vom Verein Metaversa e.V. nur Mädchen am Projekt teilnehmen sollen. Aber als deutlich wurde, dass Schulen die Projekttage nur zusagten, wenn alle Schüler einer Klasse eingebunden würden, habe man sich geöffnet. Es seien vor allem Schulen angeschrieben worden, in denen eine kulturelle Mischung bei den Teilnehmern zu erwarten war.
Laut Projektankündigung geht es um eine filmische Collage aus Selbstporträts von »Berliner Schüler/innen mit verschiedenen kulturellen Wurzeln«. Die Jungen und Mädchen sollen sich Bilder suchen, die ihnen helfen, drei Fragen zu beantworten: »Wie würdest du dich selbst beschreiben? Wie würdest du deine Mutter beschreiben? Wie stellst du dir deine Zukunft in 15 Jahren vor?«
Auf einem riesigen Tisch liegen Zeitschriften, Zeitungsausschnitte und Fotos. Bei manchen Gruppen aus anderen Schulen sei sie mit dieser Arbeitsweise nicht weit gekommen, erzählt Scheuring. »Mich hat vor allem das Sprachniveau vieler Schülerinnen und Schüler schockiert. In unserer durch Bilder geprägten Welt scheinen vielen Jugendlichen die Worte zu fehlen.« So habe ein Mädchen die Frage, ob ihre Mutter ein Vorbild sei, nicht beantworten können, weil sie das Wort »Vorbild« nicht kannte.
Ein türkischstämmiger Junge zeigt ein Titelblatt eines Magazins in die Kamera, auf dem eine Frau mit Kopftuch zu sehen ist und sagt, dass die Religion seiner Mutter der Islam sei und auch er stark gläubig ist. Seine Mutter habe immer Ziele, sagt ein anderer Junge in die Kamera, und er habe sie lieb. Ein Mädchen sagt, dass sie alles mit ihrer Mutter besprechen kann. Bei einem Jungen »gibt es manchmal auch Stress mit meiner Mutter«. Die Zukunftsvorstellungen sind sehr unterschiedlich: studieren, Fußballer werden, in fremde Länder reisen, verheiratet sein und Kinder haben.
Die Idee zum Projekt stammt von der deutsch-niederländischen Filmemacherin Anna Spohr. Seit vielen Jahren arbeitet sie in ihrer »AllAboutUs Film Factory« mit Jugendlichen. Auf das Thema Mütter und das kulturell geprägte Verhältnis zu ihnen sei sie durch eine Rede des heutigen Bürgermeisters von Rotterdam, Ahmed Aboutaleb, gekommen. Der gebürtige Marokkaner und Muslim habe nach dem Mord am niederländischen Filmregisseur Theo van Gogh durch einen islamischen Fundamentalisten im Jahr 2004 zur islamischen Gemeinde geredet. Dabei habe er angeregt zu fragen, »wo denn die Mütter dieser Leute sind, die solche Taten begehen«. Das hat Anna Spohr gemacht und in Amsterdam mit Mädchen unterschiedlicher kultureller Herkunft einen Film produziert. Nun möchte sie gemeinsam mit den Medienpädagogen von Metaversa e.V. Einblicke in das Selbstverständnis junger Menschen in Berlin bekommen und ein Bild der Mütter entwerfen.
In Kassems Gruppe geht es nach der Mittagspause nur mit den Schülern der Fritz-Karsen-Schule weiter; Kassem und seine Kumpels »wollten Freunde in der Gegend besuchen«. Dabei haben sie scheinbar die Zeit vergessen. Die Arbeitsatmosphäre ist sofort anders. Die Mädchen geben sich offener und Julian hält sein Interesse für die Technik und das Filmen nicht mehr zurück. Die Schüler haben sich eine Szene ausgedacht und setzen diese im Hof filmisch um. Als die begleitenden Lehrer gegen Ende des Workshoptages kurz mit in die Gruppen dürfen, erleben sie wie der mittlerweile wieder aufgetauchte Kassem einem seiner Freunde mit einem Lachen im Gesicht »Du Hurensohn, ich ficke deine Mutter«, entgegenschleudert. Dieser grinst nur. Workshopleiterin Anna Lübben lässt es nicht darauf beruhen und spricht die Jungs darauf an. Schließlich geht es im Projekt um Einblicke in das Verhältnis zu Müttern. Mit einem Lächeln sagt der Beschimpfte, dass das »voll okay« ist, wenn sein Kumpel seine Mutter als Hure bezeichnet. Das sei ganz »normal«. Wie es auf andere wirkt, die ein anderes sprachliches und kulturelles Verständnis haben, fragt er sich nicht, zumindest nicht öffentlich.
Dilek Geyik, Lehrerin von Kassem, Hekuran und ihren Freunden, bedauert am Ende des Workshops, dass es offenbar schwierig war, einige aus ihrer Gruppe »am Ball zu halten«. Die Mütter seien für ihre Schüler »sehr wichtig in ihren Kulturen«, sagt Geyik und nach ihrer Wahrnehmung hätten »ihre Jungs« alle ein sehr liebevolles Verhältnis zu ihren Müttern. Von Kassem habe sie die Rückmeldung bekommen, dass er »manche Dinge komisch fand« und »einige Schüler genervt« hätten. Er hätte lieber nur zusammen mit seinen Kumpels in einer Gruppe gearbeitet. Sein Freund Hekuran zieht ein ganz anderes, positives Fazit. »Es hat mir sehr gut gefallen«, sagt der 16-Jährige – vor allem, dass die Gruppen gemischt waren und er dadurch andere Leute kennen lernen konnte.
Aus dem aufgenommenen Material entsteht ein Film, der im Herbst aufgeführt werden soll. Darüber hinaus plant der Verein Metaversa, in einem Folgeprojekt die Arbeit an diesem Thema fortzuführen.
Preis: 15,90 €
Preis: 24,99 €