25.09.2010

Theodor Weißenborn: Tage der Stille – Tage des Glücks

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Ein Zauberwort ist »Entrevaux« – der Name einer winzigen mittelalterlichen Stadt, weitab und hoch in den französischen Alpen gelegen, an steilem Fels, wo ich mit Lissi Urlaub machte, irgendwann in den siebziger Jahren, genauer weiß ich's nicht mehr. Aber ich weiß, dass wir zuvor den Atlas studierten und da, wo das Braun auf der Karte am dunkelsten war, die Wege nicht mehr rot, auch nicht gelb, sondern nur mehr grau eingezeichnet waren, da wollten wir hin.

Aus der Ebene erhob sich, erst grau, dann schwarz vor dem abendlichen Himmel, ein monolithischer Fels, ein Tafelberg, dem Lissi zusteuerte auf einer »Route Napoleón« mit Pappeln zu beiden Seiten, in denen die Mistel nistete. Turmhoch war der Fels, schräg zerfurcht von rinnendem Wasser, und ein Weg führte hinauf, so steil, dass der 2 CV die Steigung nicht schaffte und wir den Wagen am Fuß der Felswand abstellen mussten.

Droben lag ein Fort mit zerfallenen Zinnen, Schießscharten, alten Kanonen, einem Pulverturm und alten Stallungen, davon einige noch als Behausung dienten, denn ärmlich gekleidete Menschen saßen davor, und Kinder tollten mit Hunden umher in der stickigen, schwülen Dämmerung, in die nun ein jäher kalter Wind hereinfuhr, der schwarzes Geflügel über die Dächer warf. Das kreischte ums Gemäuer und schien Unheil zu künden, und von Südwesten zog mit Windeseile eine Gewitterfront heran – nie sah ich so tief violettes, tintiges Gewölk. Böen bliesen uns an, über die Zinnen her, und wühlten in den Wipfeln hoher Walnussbäume, so dass deren Früchte aufs Pflaster sprangen, und als die ersten Blitze aufzuckten und der Donner grollte – Böcklin! ging's mir da durch den Sinn, ich fühlte mich in eine heroische Landschaft versetzt, stand als Tempelruine auf kahlem Fels, und ein Schauer einsamer Größe nebst einem entsprechend kalten Wind fuhr mir übers Gebein.

Doch hielt das Pathos der Einsamkeit sich in Grenzen, zu greifbar war Lissis Nähe, und gerade jetzt, angesichts der unbehausten Natur, schätzte ich mich glücklich, in Gesellschaft einer Geliebten zu sein, die zugleich meine Ehefrau war (eine Personalunion, die das Schicksal fügt, oder auch nicht und die ihren Wert nicht zuletzt ihrer Seltenheit verdankt).

Lissi beglückte einen der Hunde mit einem Zuckerstückchen, das sie zuvor in einem Bistro in Forteneufe eingesteckt hatte. Da gab's wohlwollende Blicke von Seiten der Anwohner, und eine Frau mit großen goldenen Ohrringen erklärte uns in hartem Patois, nein, hier gebe es kein Hotel, auch kein Gasthaus, das nächste sei in Vancourt, falls es nicht abgebrannt sei. Sie lachte skeptisch, wie Napoleons Mutter, als man ihr die Nachricht von der Krönung ihres Sohns überbrachte. Dann setzte der Regen ein, und ein scharfer Wind blies uns mitsamt dem Regen vor sich her über den gepflasterten Exerzierplatz, zum Tor hinaus und die steile Auffahrt an der Felswand hinab. Das Auto, endlich, bot Schutz, und wir gelangten an dem Abend bis Vancourt.

Entrevaux hatte einen Marktplatz, wo ich für Heiterkeit sorgte, als ich, die Vokabeln »pierre« und »poire« verwechselnd, statt eines Kilos Birnen ein Kilo Steine kaufen wollte. Davon gebe es doch ringsum genug, hieß es, die brauche man nicht zu kaufen. – Ja, Steine! Hoch über der Baumgrenze lag der Ort, am Fuß eines Felsgrats der, schroff gezackt, noch dreihundert Meter höher stieg, bis er steil abbrach. Dort oben auf dem höchsten Gipfel war ein Fort zu besichtigen, wo einst – in napoleonischer Zeit – gefangene Deserteure ihrer Aburteilung und Hinrichtung geharrt hatten. Am Aufgang zum Fort stand eine Art Schilderhäuschen, darin, hinter einem heruntergeklappten Tischbrett, saß eine alte Frau mit strenger, soldatischer Miene, die Eintrittskarten verkaufte: das Stück für 2 Nouveaux Francs, Kinder die Hälfte, entrée libre für Invaliden. Ich bemühte mein bestes Französisch, und tatsächlich – ein wenig gelang's mir, die Rose von Jericho zu wässern: sie hatte drei Söhne im Krieg verloren, spielte Orgel, lud uns ein zu einem Konzert in Notre Dame des Lilas in Dimes, »ich weine nie!« sagte sie trotzig.

Zwischen brusthohen Mauern und Geländern stiegen wir hinauf, gelangten erschöpft in die Kammern des Forts, da saß ein Mädchen, ein Kind von zwölf Jahren, und bot den Besuchern Getränke feil. Fünf Flaschen Perrier und drei Flaschen Bier hatte das Kind in seinem Korb, und nachdem es uns bedient, war auch sein Vorrat an Perrier auf drei Flaschen geschrumpft. Ich glaube nicht, dass am Tag mehr als zwanzig Touristen sich die Mühe dieses beschwerlichen Aufstiegs machten. Jeden Tag nach der Schule und dem Mittagessen stieg das Kind hier herauf, wo seine Eltern eine Marktlücke erspäht hatten, saß Stunde um Stunde mit seinem Korb und einem Schulbuch auf einer Treppe im alten Gemäuer und trug des Abends fünf Francs nach Haus. Traurige Welt.

Und traurig der Ort, wo noch die Einzelzellen zu sehn, vier Meter im Geviert, mit winzigen Fensterluken, die nicht vergittert waren – kein Mensch, und wäre er noch so mager gewesen, hätte sich hindurchzwängen können. Die Schlafstätten, zu ebener Erde, waren erkennbar an steinernen Mulden, die wie Waschtröge aussahen. Sie hatten Gefälle zu den Fußenden hin, so dass die Köpfe der Schläfer höher lagen und keines Kissens bedurften. Am Fuß der Außenwände Kloakenschächte über dem Nichts, im Hof der Hinrichtungsstätte eine unverputzte Mauer, gefurcht und gehöhlt vom Einschlag vieler Kugeln. Trauriges, auf Wochen, auf Tage befristetes Dasein. Was den Häftlingen geblieben, war der Blick in die Tiefe, ins grüne Tal, auf den Silberfaden der Ouze, geblieben waren die ziehenden Wolken, das Geschrei der Vögel, der Atem des Windes, die reine Luft, geblieben – ihnen wie uns – war die Nähe des Himmels.

Einmal, da wir durch die Straßen und Gässchen der Altstadt schlenderten, lag ein junger Hund, ein goldbrauner Spaniel, vor einer Tür, den Lissi entzückt in die Arme schloss. Müde schien mir der Hund oder träg in der schwülen Hitze des Mittags. Widerstandslos ließ er sich herzen -–und plötzlich wandelte sich Lissis Entzücken in Entsetzen, denn schlaff, wie leblos hing der Hund über ihrem Arm, reglos lag er in ihren Händen, ließ Kopf und Beine hängen – »tot!« sagte Lissi, »er ist tot!« Und sie fing an zu weinen.

»Unsinn!« sagte ich, »er ist nur entspannt. Völlig entspannt.«

Und ich erklärte Lissi, dass sich bei Hunden, wenn sie sich in diesem Zustand der Entspannung und zugleich tiefsten Wohlbehagens befinden, der Herzschlag verlangsamt und dass dabei gelegentlich und vorübergehend die Atmung aussetzt. Sie wollte es nicht glauben, aber tatsächlich fing der Hund nach einer halben Minute an, sich zu regen, ward munter und sprang, da sie ihn freigab, umher, so dass ihr Entsetzen neuer Beglückung wich.

Am Nachmittag, als Lissi ruhte und ich allein die Stadt umwanderte, kam mir auf der schmalen Brücke hoch über der Ouze ein Leichenzug entgegen. Da trat ich beiseite und nahm den Hut vom Kopf und schloss mich dem Zug an, folgte dem Wagen, den vier Männer zogen, bis auf den Friedhof am gewundenen Steilhang der Ouze, da wurde der Sarg in eine Höhlung der Felswand geschoben, die man hierauf geschwind zumauerte. Und wenngleich ich nicht wusste, ob's ein Engel oder ein Teufel gewesen, den man so bestattete – mir war's, als würde die Menschheit selbst zu Grabe getragen, und meine Tränen müssen so echt gewesen sein, dass es mich nicht wunderte, plötzlich eine teilnahmsvolle Stimme an meinem Ohr zu hören, die mich fragte: »Sie haben Alphonse gut gekannt?»

Am Abend lagen Lissi und ich bei geöffnetem Fenster in einer spärlich möblierten Kammer mit Farbdrucken von Heiligen an den Wänden, Kühlung wehte herein, die Stimmen von Menschen schallten herauf aus Gassen und Höfen, und eine Laterne warf einen grünlichen Schein an die Decke, dann wurde es stiller in den Gassen, die Stimmen verklangen, fern schlug eine Tür zu, ein Hund bellte noch, verstummte, und nur die Stundenglocke vom alten Turm war noch zu hören, die in regelmäßigen Abständen schlug, deren Klang mit dem kühlenden Wind über die Dächer herüberkam, immer wieder in jener unendlichen Nacht, und beim Frühstück sagte Lissi (die Hemingway sonst einen Macho nannte), die Erde habe gebebt.

Stille Tage in Entrevaux – Insel im Lethestrom, Glanz vergangener glücklicher Tage – und ein Lavendelduft, wie er alten Kleidern und Büchern entströmt.