In Glückstadt wird bis zum 31. Oktober die Ausstellung »Für.Sor- ge.Erziehung« zur Geschichte und zu den Missständen im früheren Glückstädter Landesfürsorgeheim zu sehen sein. Die vom Sozialministerium Schleswig-Holsteins initiierte Wanderausstellung, die im Mai erstmals im Kieler Landtag präsentiert wurde, hat damit den Tatort von systematisch erfolgten Unrechtshandlungen erreicht – was bereits beim Eröffnungstermin am Sonntag für emotionalen Sprengstoff sorgte.
Misshandlungen, Missbrauch, Zwangsarbeit und Isolationsarrest für unangepasste, aufbegehrende und verhaltensauffällige Jugendliche von 1951 bis zur Schließung Ende 1974 – all das fällt in eine Zeit, die Erziehungswissenschaftler heute als Ära der Schwarzen Pädagogik bezeichnen. Professor Christian Schrapper aus Koblenz, der die unsäglichen Geschehnisse untersucht hat, sparte die historische Kontinuität von Korrektionsanstalt, Arbeitslager während der NS-Zeit bis hin zur Besserungsanstalt, die eigentlich den Namen Fürsorgeheim nicht verdient hatte, nicht aus.
Schrapper wurde während der Ausstellungseröffnung von einem früheren Nachbarn des Fürsorgeheims beschimpft, weil positive Seiten des Hauses wie die Krankenstation oder der Luftschutzkeller in der Ausstellung keine Erwähnung gefunden hätten.
Unter den 100 Eröffnungsgästen waren auch ein ehemaliger Erzieher, der sich gegenüber früheren Heiminsassen zu erkennen gab, und die Ehefrau einer damals eingesetzten Aufsicht. Museumschefin Catharina Berents sprach über die Ungeheuerlichkeiten, welche im Landesfürsorgeheim passierten, ohne dass dies seinerzeit zu politischen und persönlichen Konsequenzen führte, und sagte: »Die Würde des Menschen ist unantastbar – so lautet Artikel 1, Absatz 1 des Grundgesetzes. Die Ausstellung handelt von jahrelangem Verstoß gegen diesen ersten Artikel, und zwar von staatlicher und institutioneller Seite autorisiert.«
Erschütterung auch bei Kreispräsident Hans-Friedrich Tiemann (CDU): Die Missstände seien dem Landtag in Kiel bekannt, die Verhältnisse unhaltbar gewesen. Es sei daher richtig, die Schuld beim Namen zu nennen und um Vergebung zu bitten.
In der Chronik von Glückstadt vermisst man diese Aufarbeitung noch. Der parteilose Bürgermeister Gerhard Blasberg sagte früheren Heimzöglingen zu, dass er sich an der Stelle des früheren Landesfürsorgeheimes, wo heute eine Wohnsiedlung steht, für einen zusätzlichen Gedenkhinweis zur unsäglichen Heimgeschichte einsetzen werde. Dort ist bislang nur eine Relieftafel angebracht, die an die dort von 1933 bis 1945 inhaftierten NS-Gegner erinnert. An dieser Tafel hat nun der heute in Berlin lebende Rolf Breitfeld, der als 16-Jähriger für knapp zwei Jahre einen Heimaufenthalt in Glückstadt hatte, ein ergänzendes Poster angebracht. Dort listet er unter anderem die bekannt gewordenen Todesfälle im Landesfürsorgeheim auf. So heißt es: Dort »wurden sechs Menschen in den Suizid getrieben«.
Breitfeld ist wie Schrapper in Berlin Vertreter am sogenannten Runden Tisch Heimkinder. Er hofft, dass in dem für Dezember angekündigten Abschlussbericht des Gremiums die systematisch abverlangte und meist unvergütete Zwangsarbeit in deutschen Heimen auch als solche benannt wird. Schrapper ist ebenso für Klartext. In Sachen Glückstadt spricht er sich gegen eine Stigmatisierung des Ortes aus: »Das Zentrum der Verantwortung liegt in Kiel.«
Aktuelle Ausgabe: 25.05.2012
Die Rebellion von Glückstadt 1969: Geschundene Heimkinder begehrten auf
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