Wenn Schlussstriche zur Mode werden ...braucht es linken Journalismus
Deshalb jetzt das »nd« unterstützen!
    • Online-Abo
    • Kombi-Abo
    • Print-Abo
    • App-Abo
    Lesen Sie das »nd« wo und wann Sie wollen. Mit dem Online-Abo erhalten Sie Zugang zu allen Artikeln in elektronischer Form auf unserer Webseite und dazu das nd-ePaper. Zum Online-Abo
    Mobil, kritisch und mit Links informiert:
    neues deutschland als ePaper – und am Wochenende im Briefkasten!
    Prämie: Das nd-Frühstücksbrettchen. Der Wegbegleiter für den Start in den Tag.
    Zum Kombi-Abo

    Lesen Sie das »nd« wo und wann Sie wollen. Mit der nd-App erhalten Sie Zugang zur Zeitung in elektronischer Form als App optimiert für Smartphone und Tablet.

    Die nd-App gibt es für iOs und Android.

    Zum App-Abo
  • Per Überweisung:

    Stichwort: nd-paywall

    Berliner Bank
    IBAN: DE11 1007 0848 0525 9502 04
    SWIFT-CODE (BIC): DEUTDEDB110

    Ich habe bezahlt.

    Per Paypal

    PayPal

    Per Sofortüberweisung

    Sofortüberweisung

  • Ich beteilige mich mit einer regelmäßigen Zahlung

    Wir freuen uns sehr, dass Sie zu dem Entschluss gekommen sind: Qualitätsjournalismus zur Stärkung einer Gegenöffentlichkeit von links ist mir etwas wert!

    Mit ihrem solidarischen Beitrag unterstützen Sie linken unabhängigen Qualitätsjournalismus. Und: Sie unterstützen die Menschen, die sich selbst ein Abo nicht leisten können. Wir sind der Ansicht, dass Journalismus für möglichst alle zugänglich sein soll – deshalb bieten wir einen großen Teil unserer Artikel gratis zum Lesen und teilen im Netz an. Aber nur Dank der Abonnements und Zahlungen vieler Leserinnen und Leser können wir jeden Tag eine Zeitung produzieren: Gedruckt, als Onlineausgabe und als App.

    Turnus

    Meine Bankdaten

    Persönliche Angaben

    *Pflichtfelder
     
     
  • Ich bin schon Abonnent
    Login
  • Ich beteilige mich später
Von Günter Benser
02.10.2010

Wahrlich nicht alternativlos

Was ein Buch über die »Deutsche Einheit« verschweigt

Von einem Buch mit dem Titel »Deutsche Einheit« darf erwartet werden, dass die Wurzeln der Problematik von Einheit und Spaltung ergründet werden. Das sind indes für den Autor keine Themen. Dass die Reichseinheit 1871 nicht durch eine Volksbewegung, sondern durch eine Revolution von oben geschaffen worden ist, wird nicht erwähnt. Der nach Weltherrschaft strebende Hitlerfaschismus samt seiner Hinterleute als ursächliche Zerstörer des unter Bismarck staatlich geeinten Deutschen Reiches fehlen. Die nach der Befreiung vom Hitlerfaschismus in allen Besatzungszonen und bis ins bürgerliche Lager hinein nachweisbare antikapitalistische, zumindest kapitalismuskritische Grundströmung und die darauf fußenden Konzepte für eine neue deutsche Republik sind dem Autor nicht der Rede wert. Die nicht völlig chancenlose Alternative eines neutralen entmilitarisierten Deutschlands im Ergebnis eines Friedensvertrages ebenso wenig. Auch nicht die gravierend unterschiedlichen Startbedingungen in Deutschland-West und Deutschland-Ost, das Vorpreschen des Westens mit separater Währungsreform und die Vorbereitung einer Bundesrepublik unter Ausklammerung der Ostzone etc. Von der Deutschlandpolitik der Bundesregierungen ist nur am Rande die Rede.

In den beiden ersten Kapitel, von denen der Leser eigentlich eine Darstellung der deutschen Frage in den Jahren des Kalten Krieges erwarten dürfte, benennt Robert Grünbaum, stellvertretender Geschäftsführer der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, die von den Alliierten gesetzten Ausgangspositionen; hauptsächlich rechnet er jedoch mit der DDR ab. Diese finden wir fast ausschließlich als politisches System vorgeführt, an dem es berechtigt viel zu kritisieren gibt. Aber die DDR war eben mehr, ihrer Entwicklung lag ein Gesellschaftsentwurf zu Grunde, sie verstand sich als eine sozialökonomische Alternative zum real existierenden Kapitalismus, hier verwirklichten sich spezifische Lebenszusammenhänge der Menschen. Wenn dem nicht so wäre, müsste im Schlussteil des Buches nicht so sehr nach Erklärungen für die gegenwärtige Denk- und Verhaltensweisen der Bevölkerung in den neuen Bundesländern gesucht werden.

Was im Hauptteil des Buches folgt, ist eine detaillierte, in den Proportionen ausgewogene Beschreibung des Geschehens vom Sommer 1989 bis zum 3. Oktober 1990, die alle Gewinner der deutschen Einheit und alle Obrigkeitsgläubigen zufriedenstellen wird. Ob die »friedliche Revolution« auch dem deutschen Westen etwas zu sagen gehabt hätte, ist für den Autor keine des Nachdenkens werte Frage. Das Beste in diesen Passagen ist die Analyse des Parteienspektrums und der Märzwahlen. Hier finden wir realistische Einschätzungen der Kräfteverhältnisse, der politischen Optionen und der mentalen Befindlichkeit. Die massive Einflussnahme westdeutscher Parteien und Politiker wird nicht verschwiegen.

Auch in den anschließenden Teilen tauchen bei bestimmten Schlüsselereignissen vom Bonner Kurs abweichende Standpunkte und Initiativen auf. Dies dient aber letztlich dem Zweck, die sich durchsetzende Variante Artikel 23 Grundgesetz, frühe Währungsunion und »Einigungsvertrag« plus außenpolitische Absicherungen als alternativlos hinzustellen. Die schlimmen Folgen dieser Sturzgeburt werden vor allem dem maroden Zustand der DDR zugeschrieben und Fehlentscheidungen als verzeihliche, dem Tempo geschuldete Missgriffe eingestuft.

Der letzte, »Das vereinigte Deutschland« überschriebene Teil, lobt das Errungene und die Fortschritte in den neuen Bundesländern – davon gibt es gewiss nicht wenig –, und stellt sich vor allem der Aufgabe, die Verlierer der deutschen Einheit mit ihrer Lage auszusöhnen.

Zu den nicht thematisierten Tatbeständen gehören die mit Überwindung des »Realsozialismus« in der erweiterten Bundesrepublik eingetretenen Veränderungen. Nicht ausgesprochen wird, dass sich in der »Berliner Republik« die politische Achse nach rechts verschoben hat, dass ein entfesselter Kapitalismus eine Generaloffensive gegen den Sozialstaat und gegen die Rechte der Lohnabhängigen eröffnen konnte, dass eine Militarisierung der Außenpolitik stattgefunden hat und anderes mehr.

Wirklich Neues vermag dieses Buch nicht zu bieten. Das darf aber auf solch einem häufig beackerten Feld der Geschichte auch nicht erwartet werden, jedenfalls nicht, solange die unterhalb der offiziellen Ebene und der öffentlichen Politik angesiedelten Aktivitäten und Eingriffe staatlicher Behörden, von Geheimdiensten, von Parteiapparaten usw. verschlossen sind.

Robert Grünbaum: Deutsche Einheit. Ein Überblick 1945 bis heute. Metropol Verlag. 206 S., br., 19,90 €.

Artikel weiterempfehlen und ausdrucken