Barbara Martin, Stuttgart
02.10.2010

Pure Demonstration der Staatsmacht

Der Stuttgarter Schlossgarten wird gerodet, Bürger schwanken zwischen Trauer und Wut

Mehrere hundert Verletzte, 25 gefällte und geschredderte Bäume und eine Gefühlsmischung aus Wut und Resignation bei Stuttgart-21-Gegnern – so das Fazit gestern im Stuttgarter Schlosspark.

Am Donnerstag hatten mehrere Hundertschaften Polizei rabiat gegen mehrere tausend Demonstranten einen Teil des Schlossgartens abgezäunt, um so Baumfällarbeiten für Stuttgart 21 zu ermöglichen. In der Nacht zum Freitag, den 1. Oktober war die Vegetationsphase abgelaufen und damit das Baumfällen erlaubt.

Dass die Landesregierung tatsächlich an diesem Tag anfangen würde, abzuholzen, damit hatten die Stuttgart-21-Gegner offenbar nicht wirklich gerechnet. Als sie über Telefonketten, Mails und Internet dazu aufriefen, in den Park zu kommen, war die Polizei schon da. Mit Wasserwerfern, Pfefferspray und Reizgas räumte sie mehrere hundert friedliche Sitzblockierer aus dem Weg und stellte Absperrgitter auf.

Immer mehr Menschen waren in den Park geströmt, bewaffnet mit Trillerpfeifen oder sonstigen Geräten zum Krachmachen. Über einige hundert Meter Zaun standen sich die Demonstranten und die Polizisten in ihren an »Krieg der Sterne« erinnernden verpanzerten Uniformen gegenüber. Sprechchöre brandeten auf: »Lügenpacke!«, »Mappus weg!«, »Schämt Euch!« und »Kinderschläger!« lauteten die Parolen. Es wurde dunkel, im Rest des Parks zündete man rote und gelbe Windlichter an. Um Bäume gruppiert – ein merkwürdig romantischer Anblick.

Um Mitternacht standen Demonstranten und Polizisten fast Gesicht an Gesicht. Pfeifkonzert, wieder Warten. Um ein Uhr war es so weit: Im Flutlicht der von der Polizei aufgebauten Scheinwerfer erschienen zwei große Holzerntemaschinen. Die gelben Ungetüme mit großen Sägen und Krallen griffen in den ersten etwa 20 Meter hohen Baum, rissen ihn hoch, ließen ihn fallen. Ein gespenstischer Anblick. Was hundert Jahre gewachsen ist, war in ein paar Minuten weg. Die Demonstranten konnten kaum an sich halten, skandierten »Aufhören! Aufhören!« Manche standen schockstarr da und konnten es nicht glauben. Die Maschinen griffen einen Baum nach dem anderen. Eine Frau um die 40 hatte das Handy am Ohr, sie schluchzte ins Telefon: »Sie tun es wirklich.« Ein paar Flaschen flogen im Scheinwerferlicht, sonst bleibt es erstaunlich friedlich.

Am nächsten Morgen sind 25 Bäume weg. Insgesamt sollen knapp 300 der alten Schlossgartenbäume für die Großbaustelle Stuttgart 21 fallen. Ein paar hundert Aktivisten hatten sich wieder im Park eingefunden. Viele wollten mit eigenen Augen sehen, wovon sie im Radio oder Fernsehen gehört hatten. »Haben die wirklich gefällt?«, fragte eine Frau in Wanderschuhen und Regenjacke und war entsetzt, als sie feststellte, dass sie plötzlich freie Sicht auf den Südflügel des Bahnhofs hat. »Da haben sie uns gezeigt, wer die Macht hat«, meinte sie. »Aber das geht nicht lange gut.«

Auch einige S-21-Befürworter ließen sich blicken, erkennbar an Buttons mit einem Hasen und dem Spruch »Parkerweiterer«, was darauf anspielt, dass auf dem Areal, wo heute der Bahnhof und die Gleisanlagen sind, in zehn Jahren ein neuer Stadtteil mit viel Grün entstehen soll. »Das mit den Bäumen find', ich auch schade«, sagte einer von ihnen. »Aber woanders werden auch Bäume rausgerissen.« Überall im Park wird diskutiert. Man erregt sich über den Polizeieinsatz vom Vortag, über Innenminister Heribert Rech, dessen Chef Ministerpräsident Stefan Mappus (beide CDU). Dass letzterer den Tag der Eskalation im Bierzelt auf dem Cannstatter Was'n – eine Art Stuttgarter Oktoberfest – zugebracht hat, wundert hier niemanden. Kommentar Seite 8