Von René Heilig
05.10.2010

Anschlagsziel Fernsehturm?

Bundesinnenministerium bleibt trotz US-Nachrichten gelassen

Die USA haben einen Reisehinweis herausgegeben. Wer nach Europa will, solle wachsam sein – vor allem bei Flügen und Bahnfahrten. Denn: Al Qaida bereitet angeblich gleichzeitige Attacken in Europa vor, die die Anschläge im indischen Mumbai im Jahr 2008, die über 160 Tote gefordert haben, in den Schatten stellen sollen. Doch nichts Genaues weiß man nicht.
Fernsehturm in Berlin, nicht zu verfehlen für Touristen. ND
Fernsehturm in Berlin, nicht zu verfehlen für Touristen. ND-

Wohlgemerkt, es handelt sich um einen Reisehinweis (Travel Alert), keine Reisewarnung (Travel Warning). Wer nach Europa »übersetzt«, sollte an öffentlichen Orten wie Touristenzielen und Verkehrsknotenpunkten besonders vorsichtig sein, heißt es. Derartige Reisehinweise sind in den USA nicht ungewöhnlich. Sie enthalten aber keine Aufforderung, Reisen zu unterlassen oder im Gastland etwa öffentliche Plätze zu meiden.

Doch der Hinweis aus Washington hat bereits Folgen. Nach den USA hat auch das britische Außenministerium vor Anschlägen in Europa gewarnt. Für Deutschland und Frankreich bestehe eine »hohe Bedrohung«, heißt es unscharf. In Großbritannien sei die Terrorgefahr jedenfalls »ernsthaft«, so das Innenministerium in London. Das Außenministerium in Tokio warnte am Montag gleichfalls vor »möglichen terroristischen Anschlägen« in Europa.

Grund der Aufregung: Islamistische Terroristen planen angeblich Anschläge auf herausragende urbane Ziele in Europa. In Paris hätten die Terroristen sich den Eiffelturm und die Kathedrale Notre Dame ausgeguckt. In London sei der Schutz der britischen Königsfamilie verstärkt worden. Angeblich visieren die Terroristen in Berlin den Hauptbahnhof, den Fernsehturm und das Hotel Adlon an. Das will der US-Sender Fox-News aus nicht näher bezeichneten Geheimdienstkreisen erfahren haben.

Die Informationen über die Anschlagspläne kommen von einem ursprünglich aus Hamburg stammenden Deutsch-Afghanen namens Ahmad Sidiqi (36), der im Juli 2010 in Afghanistan festgenommen worden ist und seither im Gefängnis in der US-Air-Base Bagram verhört wird. (ND berichtete in der vergangenen Woche)

Sidiqi, der seit 2001 die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt, war mit einem knappen Dutzend weiterer Islamisten Anfang März 2009 Richtung Pakistan aufgebrochen, um sich in Mir Ali als Dschihad-Kämpfer drillen zu lassen. Angeblich hat er ausgesagt, dass Anfang 2010 die mutmaßliche Nr. 3 von Al Qaida, Scheich Younis al Mauretani, im Camp aufgetaucht ist. In einer Besprechung habe er über Anschläge in Europa gesprochen. Doch – so die bisherigen Erkenntnisse deutscher Sicherheitsbehörden – seien keine konkreten Ziele benannt worden.

Die CIA hält Sidiqi für eine vertrauenswürdige Quelle. Der US-Sender ABC News berichtete unter Hinweis auf ungenannte Quellen, das US-Außenministerium habe große Sorge, dass die Islamisten ihre Planungen abgeschlossen hätten. Sie sollen die Freigabe für Anschläge bekommen haben und bereit zum Zuschlagen sein.

Im gemeinsamen Lagezentrum von Polizei und Geheimdiensten in Berlin-Treptow kennt man die Einschätzung der US-Behörden und ist mit ihnen im ständigen Kontakt. Das deutsche Bundeskriminalamt habe eine spezielle Aufbauorganisation »Sterne« gebildet, will der »Spiegel« erfahren haben. Dennoch sieht das Bundesinnenministerium keinen Grund zur Besorgnis: »Der Reisehinweis des US-Außenministeriums für ganz Europa ist vor dem Hintergrund der bereits in der vergangenen Woche in den Medien bekannt gewordenen Gefährdungshinweise zu betrachten. Die Bundesregierung hat dazu bereits Stellung genommen. Weiterführende Erkenntnisse dazu liegen nicht vor, insbesondere gibt es weiterhin keine konkreten Hinweise auf unmittelbar bevorstehende Anschläge in Deutschland ... Die Bundesregierung sieht derzeit keinen Anlass für eine Veränderung der konkreten Gefährdungsbewertung.«

Dass Terroristen sich speziell auf sogenannte weiche Ziele orientieren, an denen sich ständig viele Menschen aufhalten, ist so logisch wie bekannt. Dazu zählen in Berlin Einkaufszentren wie das Alexa oder Touristenattraktionen und U-Bahnhöfe. Auch Sport- und Veranstaltungsarenen wie die O2-World stehen auf einer speziellen Bewachungsliste der Behörden. In der Hauptstadt werden zudem US-amerikanische und israelische Institutionen sowie jüdische Einrichtungen speziell bewacht.

Die USA raten derzeit ihren Bürgern vom Besuch in 31 Staaten ab. Dazu gehören Nordkorea, Mexiko, die Philippinen, Afghanistan, Jemen. Irak, Iran und Israel. Deutschland, Frankreich und Großbritannien stehen selbstverständlich nicht in dieser Travel-Warning-List. Doch bereits der am Wochenende in den USA ergangene Reisehinweis lässt deutsche Tourismusexperten finanzielle Einbußen befürchten.

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