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Von Michael Lenz, Phnom Penh 06.10.2010 / Wirtschaft

61 Dollar pro Monat

Kambodschas Textilarbeiterinnen fordern mehr Lohn für Lebensunterhalt

Die miserablen Arbeitsbedingungen in asiatischen Textilfabriken haben in vielen Ländern für Proteste gesorgt. Aktueller Schauplatz ist Kambodscha.

Fünf Dollar mehr Lohn bekommt Hout Vannak seit diesem Monat. Der Mindestlohn der meist weiblichen Arbeiter in Kambodschas Textilfabriken wurde von bisher 56 Dollar, Kambodschas inoffizieller Währung, pro Monat auf 61 Dollar erhöht. Das hat der Verband der Textilmanufakturen mit der Regierung des südostasiatischen Königreichs vereinbart. Dafür muss Hout Vannak neun Stunden am Tag arbeiten. Überstunden, die sie nicht verweigern kann, werden mit 50 Cent pro Stunde entlohnt. Nur sonntags hat sie frei. So kommt die Mutter von zwei Kindern auf ein Monatseinkommen von etwa 80 Dollar. Davon leben können sie und ihre Familie kaum.

Hout Vannak ist eine von mehr als 350 000 Textilarbeitern in den hinter hohen Mauern verborgenen Fabriken im Großraum Phnom Penh, die für Weltmarken wie Adidas, Gap oder Levi's produzieren. Mitte September waren etwa 60 000 Textilarbeiter dem Aufruf der Gewerkschaften zum Streik gefolgt; sie fordern 93 Dollar Mindestlohn.

Arbeitgeber und Regierung reagierten mit den üblichen Einschüchterungen: Streikenden wurde mit Entlassung und Polizeieinsätzen gedroht. Die Regierung kündigte an, Gewerkschaftsführer wie Ath Thorn und Tola Moeun zu verklagen. Dass die Gerichte der Politik zu Diensten sind, steht außer Frage. Erst im vergangenen Monat wurde der inzwischen im französischen Exil lebende Oppositionsführer Sam Rainsy zu zehn Jahren Haft unter dem Vorwand verurteilt, eine Landkarte des Grenzgebiets zu Vietnam veröffentlicht zu haben.

Die Streiks sind inzwischen ausgesetzt, nachdem der Branchenverband »Garment Manufacturers Association« Verhandlungsbereitschaft versprach. Aber noch streiken etwa 800 Arbeiter. »Wir werden nicht verhandeln, bis die Streiks aufhören und die Gewerkschaften eingestehen, dass die Ausrufung des illegalen Streiks ein Fehler war, der den Investoren als auch den Arbeitern geschadet hat«, schrieb GMA-Generalsekretär Ken Loo auf ND-Anfrage in einer SMS.

Die Textilindustrie ist einer der wichtigsten Wirtschaftszweige Kambodschas und gleichzeitig einer der verwundbarsten. In Folge der Wirtschafts- und Finanzkrise waren die Aufträge mangels Nachfrage in den USA und Europa eingebrochen. Zudem können die Arbeitsplätze von einem Tag auf den anderen in andere Länder verlagert werden. Denn das einzige, was Kambodscha zu bieten hat, sind billige Arbeitskräfte. Alles andere – von Nadel und Faden bis zu den Stoffen – wird importiert. Wie die Volkswirtschaft von der Textilindustrie und zufriedenen Investoren abhängig ist, so sind es auch die Arbeiter. Denn das Leben ist teuer in Kambodscha. Die Preise für Strom und Benzin sind die höchsten in der Region. Arbeiterin Hout Vannak muss 30 Dollar Miete pro Monat für ein ärmliches Zimmer zahlen. Dazu kommen Kosten für Strom und Wasser. Und 15 Dollar schickt sie jeden Monat an die Schwiegermutter auf dem Land, die ihre beiden Kinder großzieht.

Die GMA schließt kategorisch aus, über eine weitere Steigerung des Mindestlohns auch nur nachzudenken. Reden könne man allenfalls über höhere Zuschläge und bessere Arbeitsbedingungen wie eine freie Mahlzeit am Ta – vorausgesetzt, die Gewerkschaften entschuldigen sich für den Streik.

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