Versteckt in einem Kreuzberger Hinterhof befindet sich ein außergewöhnlicher Buchladen, der sich sowohl durch seine kulturellen Initiativen als auch seine sozialen Strukturen von anderen unterscheidet. Etwas unscheinbar steht das orangefarbene Schild vor der Einfahrt des Mehringdamms 51: Berliner Büchertisch, zweiter Hinterhof, geöffnet 9 bis 20 Uhr, steht da. Wer dem Hinweis folgt, gelangt in einen 180 Quadratmeter großen Laden, wo ihn vier Meter hohe Regale, gefüllt mit rund 40 000 nach Themengebieten wohl sortierten Büchern in Empfang nehmen.
Es herrscht eine geschäftige Atmosphäre. Männer und Frauen sind permanent mit dem Transport von Bücherkisten beschäftigt. Hängt die Existenz des Büchertisches doch vom Eingang der Bücherspenden ab, die Institutionen oder auch Privatpersonen dem Laden machen. Ein weißer Lieferwagen steht zur Verfügung, um die Spenden kostenlos abzuholen.
Verkauft werden nur gebrauchte Bücher. So ist der Büchertisch im Prinzip ein Antiquariat. Mit dem Erlös werden die Gehälter der Mitarbeiter gezahlt und die übrigen Kosten gedeckt. Die Einnahmen reichen gerade zur Finanzierung der Unkosten. Gewinn ist nicht vorgesehen, fungiert der Berliner Büchertisch doch als Verein und als ein Unternehmen, das keinen Profit macht.
Jeden ersten Mittwoch im Monat findet die Kreuzberger Literaturwerkstatt des Schriftstellers Nepomuk Ullmann statt. Jeder Interessierte ist eingeladen, teilzunehmen. Die Besucher können hier eigene Texte vorstellen, lesen oder auch nur zuhören. Weiter werden oft Lesungen wechselnder Autoren veranstaltet. Der Eintritt ist frei.
Die Mitarbeit von Außenstehenden ist sehr erwünscht. So kann sich jeder, der sich engagieren möchte, im Laden melden. Relevant ist vor allem, den Verkauf zu befördern. So ist schon der Kauf eines einzigen Buches übers Internet oder im Laden hilfreich, da er dazu beiträgt, das finanzielle Überleben des Unternehmens zu sichern.
Der Büchertisch hat es sich zum Ziel gesetzt, soziale Initiativen zu unterstützen, die das Lesen fördern. Ein vom Büchertisch initiiertes Projekt ist der Initiativkreis Schulbibliotheken. Dieser wurde im Mai 2009 gegründet und setzt sich im Dialog mit Lehrerinnen, Schulbibliothekarinnen und Sozialarbeiterinnen für finanzierte Schulbibliotheken und somit feste Mitarbeiterstellen ein, damit eine langfristige Arbeit mit den Kindern möglich ist. So soll erreicht werden, dass Kinder frühzeitig und für sie kostenlos zum Lesen geführt werden können.
Ana Lichtwer, die 44-jährige Gründerin und Geschäftsführerin des Büchertischs, weiß den Wert von Büchern zu schätzen. Als sie fünf Jahre alt war, kamen ihre Eltern als Gastarbeiter mit ihr aus Serbien nach Deutschland. Das einzige Buch zu Hause war ein Kochbuch. So war sie gezwungen, in die Bibliothek zu gehen, wenn sie lesen wollte. Diese Erfahrungen und das Wissen um die Armut heute bewegen sie denn auch, allen Kindern, die in den Laden kommen, ein Buch zu schenken.
Begonnen hatte alles im Jahr 2004. Perspektivlosigkeit nach einem abgebrochenen Studium der Publizistik und der Wunsch nach beruflicher Selbstverwirklichung veranlassten sie, eine Lebens- und Arbeitsgemeinschaft der besonderen Art zu gründen. Diese sollte generationsübergreifend wirken und Menschen zusammen führen. Die sich bei ihr zu Hause stapelnden Bücher waren Initiator für die Idee, einen Buchladen zu eröffnen. Im Jahr 2004 bezog Lichtwer ihren ersten Laden in der Riemannstraße in Kreuzberg, ein Jahr später die Räume am Mehringdamm 51.
Assistiert wurde ihr dabei von sieben ehrenamtlichen Helfern. Mittlerweile hat der Büchertisch 35 Mitarbeiter. Unter den Angestellten befinden sich drei Auszubildende und einige Ehrenamtliche. Deren Arbeit besteht aus dem Transport von Büchern, ihrer Katalogisierung, Sortierung, Recherche, der Füllung von Regalen und natürlich dem Verkauf. Die Kollegen bringen die unterschiedlichsten Biografien mit. So gehören ein Sargträger und eine ehemalige Stripteasetänzerin dazu. Bis heute hat Lichtwer erst zwei Stellenanzeigen in einer Zeitung aufgeben müssen. »Die Mitarbeiter kommen von selbst, wie Strandgut«, sagt sie.
Die Mitarbeiter empfangen Löhne zwischen 6,90 und 8,25 Euro die Stunde. Das ist nicht viel. »Wir wollen Mindestlohn zahlen«, sagt Lichtwer. Ihr eigenes Gehalt liegt nicht über dem ihrer anderen Vollzeitmitarbeiter. Brutto sind es 1320 Euro, wovon ihr netto zirka 1000 Euro ausgezahlt werden. Das nach fünf Jahren als Geschäftsführerin eines mittleren Unternehmens. »Der Grad der Selbstausbeutung ist sehr hoch«, bemerkt sie denn auch. Ihr Ziel ist es, einmal einen Buchladen in erster Reihe, zur Straße gelegen, zu eröffnen.
Büchertisch, Mehringdamm 51, Mo. bis Fr. 9 bis 20 Uhr, Sa. 10 bis 20 Uhr, Tel: 61 20 99 96, www.buechertisch.org
Aktuelle Ausgabe: 25.05.2012
Reichlich Komödie, Schwoof 'ne Treppe tiefer Amphitheater-Saison im Monbijoupark beginnt
Leuchtende Farbsinfonien In der Galleria Nove wünscht Nicolantonio Mucciaccia »Good luck world«
Preis: 14,00 €
Preis: 100,00 €
Werbung:
Werbung: