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Von Ernst Röhl
12.10.2010
Flattersatz

Und sie bewegt sich doch

1

Warum denn nicht gleich so! Monatelang verharrte die Kanzlerin in Schockstarre. Wie Meister Lampe, der gemeine Feldhase, duckte sie sich in die Furche und ahmte das Geräusch des Grünkohls nach. Doch jetzt geht’s los, jetzt geht’s lo-hooooos! Jetzt wird regiert, dass die Schwarte kracht.

Tatendurstig kündigte sie den Herbst der Entscheidungen an: »Wir werden ja dafür gewählt, dass wir handeln.« Bei ihren Projekten dreht sich’s um »Entscheidungen, die in die Zukunft reichen«, und das kann richtig teuer werden, Kameraden. Aus vollem Herzen stimmt der frisch verehelichte Dr. Westerwelle in die Drohung ein und bekräftigt wortwörtlich die Merkelsche Sprachregelung: »Das ist der Herbst der Entscheidungen!«

Derzeit regiere die Kanzlerin sich, schwärmt die »Welt«, in einen regelrechten Rausch hinein. Sie schnürt ein Sparpaket nach dem anderen. Wir müssen sparen, sagt sie sich; das Beste wird sein, wir fangen bei den kleinen Leuten an, die haben im Sparen immer noch die meiste Übung. Mit Klauen und Zähnen verteidigt sie ihr Milliardengeschenk an die Atomlobby – den »Atomkompromiss«, der auf eine Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke hinausläuft, wenn nicht gar auf den finalen Ausstieg aus dem Ausstieg. Den Vermietern schenkt sie die »Wärmedämmungsoffensive« – eine klimafreundliche Gebäudesanierung, deren Kosten in Gestalt saftiger Mietsteigerungen auf die Konten der Mieter niederprasseln sollen. Parole: Wohnen muss sich lohnen!

Und Krankheit muss sich rechnen. Dafür ist Dr. med. Philipp Rösler zuständig. Dieser liberale Medizinmann hat beide Hände tief in den Taschen der Versicherten und lässt sich auch vom Eid des Hippokrates nicht bremsen. Er garantiert, dass in der Bimbesrepublik Deutschland die Autos künftig viel besser versichert sein werden als die Patienten. Geschmeidig schmiegt er sich an die Pharmalobby an und ruft uns Moribunden fröhlich zu: »Bleiben Sie schön gesund, ich kann Ihnen auch nicht helfen!«

Bei seinem Amtsantritt hatte er frohen Mutes versprochen: »Das neue Gesundheitssystem wird besser, aber definitiv nicht teurer.« Inzwischen sagt er, gleichfalls definitiv, das Gegenteil. Denn er ist ein ebenso flexibler wie innovativer Gesundheitsminister, der uns nicht nur zur Kasse, sondern sogar zur Vorkasse bittet. Die Herrschaften von der Pharmaindustrie haben ihm zugeredet, er könne sich getrost unbeliebt machen – denn den Abscheu des Wählers zu erringen, das sei nun mal der Job des Politikers.

Demnach wäre er ein ideales Mitglied auch des Stuttgarter Politbüros mit dem Minipräsidenten Mappus an der Spitze. Dieser Wasserwerfer schreckt nicht davor zurück, die sprichwörtlich sparsame schwäbische Hausfrau zu verarschen, der inzwischen schwant, dass Stuttgart 21 wohl 21 Milliarden Euro kosten und ihr guter, alter Hauptbahnhof nur deshalb in die Unterwelt verbannt wird, damit die Immobilienhaie sich überirdisch doppelt vergoldete goldene Nasen verdienen können. Genau aus diesem Grund unterstützt die Kanzlerin die Mappus-Show. Ihre Stuttgarter Cousine dagegen versucht, dies als Parkschützerin wieder auszugleichen.

So sieht er aus, der Herbst der Entscheidungen, und ich fürchte, die Flut der Entscheidungen könnte vielleicht ein bisschen viel werden für eine einzelne Kanzlerin. Zum Glück rebellieren die Rebellen in Spätzle City ehrenamtlich. Alle anderen aber wollen Kohle sehen. Die Bankster der staatlich gestützten Hypo Real Estate Bank werden für kriminelle Misswirtschaft mit »Boni« belohnt. Okay.

In Ordnung. Aber dass die Hartz-IV-Hartzis meinen, sie hätten für kriminelles Nichtstun mehr als fünf Euro Nachschlag verdient, ist doch wohl die Höhe. Allerdings beißen sie bei Ursula von der Leiharbeit auf Granit. »Fünf Euro«, sagt sie, »sind mein letztes Wort!« Darum rate ich allen Hartzis, den Bogen nicht zu überspannen. Fünf Euro von der Arbeitsministerin sind immerhin fünf Euro, ihr Säcke! An der Tankstelle wären es bloß 4.99.

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