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Von Ralf Hutter 12.10.2010 / Berlin / Brandenburg

Ehrenamtliche Ein-Euro-Jobber

Neuköllner Projekt macht Kirchen für Sozialabbau und Entsolidarisierung mitverantwortlich

»Gibt's hier was umsonst, oder was?« Die Erwerbslose vor der Martin-Luther-Kirchengemeinde, Fuldastraße Ecke Sonnenallee, macht große Augen. Kein Wunder: Wann gab es für die dreißig Meter lange Schlange der um Essensmarken Anstehenden schon mal Sekt?

Der kommt von einer knapp 30-köpfigen Gruppe, die gerade einen politischen Spaziergang durch Neukölln macht, Motto: »Wir besuchen die Beschäftigungsindustrie.« Dabei sollen die Profiteure der staatlichen Hin- und Herverwaltung der Erwerbslosen aufgezeigt werden, die als Beschäftigungsträger Arbeitsmaßnahmen anbieten und dafür Pauschalen für Sachausgaben einstreichen. Der Sekt dient der demonstrativen Kritik an der staatlichen Streichung des Arbeitslosengeldanteils für Alkohol. Drinnen im Kirchensaal erklärt die ehrenamtliche Organisatorin der Lebensmittelverteilung die Struktur hinter dem Projekt. Fast alle 40 involvierten Personen seien ehrenamtlich tätig. Doch bei Befragen einer der Helferinnen stellt sich heraus, dass viele von ihnen andernorts in Jobcenter-Maßnahmen stecken und mittwochs befreit werden, um hier bei der Essensausgabe »ehrenamtlich« mitzuhelfen.

Das ist genau das, was die AG Beschäftigungsindustrie, die den Spaziergang organisiert hat, in einem langen Flugblatt anprangert. Die kleine, ein Jahr alte Neuköllner Gruppe macht darin die evangelische Kirche »mitverantwortlich für Sozialabbau und gesellschaftliche Entsolidarisierung«. Ein Zitat aus einem Positionspapier zeigt, dass auch die Beschäftigungsträger der beiden großen Kirchen die Forderung nach Abschaffung von Zusätzlichkeit und öffentlichem Interesse als Bedingungen für »Ein-Euro-Jobs« mittragen.

Joachim Maiworm von der AG Beschäftigungsindustrie hat von dem örtlichen Pfarrer erfahren, dass 80 Prozent der bei der Lebensmittelverteilung Helfenden erwerbslos seien. 30 Ein-Euro-Jobs gibt es in der ganzen Kirchengemeinde, wie die Essensorganisatorin bestätigt.

18 bis 20 sind es laut Maiworm in der ebenfalls evangelischen Nikodemuskirche im Reuterkiez, die ebenfalls besucht wird. Viele der Betroffenen verrichteten Aufgaben, die eigentlich nicht für solche Maßnahmen vorgesehen seien. Sogar der Hausmeister sei einer von ihnen.

Als Heidi R., die dort seit Jahren im Kirchencafé »Niko« arbeitet, auf die gesetzwidrige Erfüllung von Routineaufgaben durch MAE-Angestellte angesprochen wird, antwortet sie trocken: »Wir wissen alle, Ein-Euro-Jobs bedeuten Zusätzlichkeit, und wir wissen alle, dass es nicht so ist.« Sie frage sich auch, was ihr Träger mit dem ganzen Geld mache: »Ich brauche den zehnten Computerkurs nicht.« Hinsichtlich des Ersten Arbeitsmarktes werde ihr jedenfalls nicht geholfen.

Diese Einschätzung teilen einige in der Spaziergruppe aus eigener Erfahrung. Die Computer- und Erste-Hilfe-Kurse wiederholten sich irgendwann.

Ein offenes Treffen der AG Beschäftigungsindustrie findet am 19. Oktober um 18 Uhr im Kreuzberger Mehringhof statt. Informationen über Beschäftigungsträger und ihre Praktiken sammelt der Erwerbslosenausschuss der Gewerkschaft ver.di.

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24.05.2012 | Katja Eichholz, David König und Olaf Präger

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