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42. Kalenderwoche 2010

Im Dienste der Stauffenbergpartei

Das Tagebuch des Jeremy-Maria zu Hohenlohen-Puntiz – 17. Folge

Was letzte Woche geschah: Das erste Treffen der Kartoffel-Connection. Stauffenbergpartei und Grüne loten die Möglichkeit einer Koalition der Vernunft aus. Am Ende des beschwipsten Abends drängt Jauch zu einem Gespräch über Roland und Kalle. Ein neues Detail im anschwellenden Konflikt?

Große Werbeagenturen haben sich dem Problem des Fachkräftemangels angenommen und locken mit einem charmant-ungezwungenen Geschichtsverständnis Menschen ins Land: »Export yourself to Arbeit«. Das leitkulturlose Volk indes ist erschüttert, Überfremdungsangst grassiert. Die Stauffenbergpartei hat den stummen Schrei der gepeinigten deutschen Seele vernommen und handelt.

Im Ofen rösten Esskastanien, ihr Duft zieht von der Küche in mein Zimmer. Wir knien vor großen Papierbögen, bewaffnet mit spargeldicken Bunt- und Filzstiften, und fabulieren. Über unseren Köpfen zieht Leonore mit weit ausgebreiteten Flügeln ihre Runden. Hotte, Ursel, Renate, Kalle, Frau Elster und Jauch im Sitzkreis auf den graugescheuerten Dielen, wo steckt Roland?

Obwohl wir unvollständig sind, lässt die Schlagkraft nicht nach. Die Stauffenbergpartei, die »dicke Berta« unter den Think-Tanks, schießt mit voller Kraft immer mehr Gedankengranaten. Es gilt den Deutschen die Vorteile einer neuen, besseren Zuwanderung anzupreisen.

Das Recht auf politisches Asyl, ein Relikt des kriegsgebeutelten 20. Jahrhunderts, als Millionen Deutsche auf der Flucht waren, ist längst nicht mehr zeitgemäß. Wie auch die Regelung, die Einwanderern gestattet, ihren Nachwuchs nachreisen zu lassen: Kinderarbeit ist verboten, folglich können Kinder nicht zum Wirtschaftswachstum beitragen. Außerdem muss ein Gül-Gesetz formuliert werden. Jeder Immigrant ist verpflichtet, ein akzentfreies, korrektes Deutsch zu sprechen, nicht genuschelt und nicht gelallt, auch vom übermäßigen Gestikulieren mit den Händen ist abzusehen. Bei einem in aller Öffentlichkeit geckenhaft gerollten »R« wird ein Bußgeld fällig. Saubere Fingernägel, Pünktlichkeit, die Bereitschaft, trotz Hochschulabschlusses gegen Kost und Logis auch mal bei der Ernte zu helfen, keine Krebsfälle in der Familie, ein Bekenntnis zur natürlichen Autorität der deutschen Herren, kleine Selbstverständlichkeiten, die das Zusammenleben vereinfachen. Darüber hinaus darf nach Herzenslust ein- und bei Erreichen des Rentenalters wieder ausgewandert werden.

»Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen«, Ursel hält stolz ihren Plakatentwurf in die Höhe, hier kommt die Arbeitsministerin durch. Eine Schar Bundesadler pickt auf einem Haufen Lumpengesellen herum, im Vordergrund ein Topf gefüllt mit Ingenieuren, Fußballern, attraktiven Frauen.

Ein Geistesblitz jagt den nächsten, einzig mir will nichts gelingen. In Gedanken bin ich bei Roland. Ist es wahr, was Jauch erzählt, Roland ein Merkelianer, berufen, um Kalle auszuschalten?

»Multikulti ist gescheitert.« Der Honig, den Merkel uns Eliten nun ums Maul schmiert, schmeckt, doch er ist zu wenig und kommt zu spät. Spätestens im März, wenn unser Koalitionspartner im Südwesten gewinnt, können wir zum Halali blasen. Vorstellbar, dass sich das geschwächte Muttertier noch einmal aufbäumt und gegen ihren derzeit größten Gegner Kalle stürmt. Aber Roland? Ich weiß nicht. In dubio pro reo.

Ein jäher Schrei unterbricht meine Überlegungen. Die Esskastanien sind verkohlt, dichter Qualm, Leonore schlägt Alarm. Ich öffne das Küchenfenster. Eine innere Stimme mahnt mich, muss Wulff in der Türkei anrufen. Ein Blick hinaus, im Hof steht Roland.

Der satirische Tagebuchroman des konservativen Verschwörers Baron zu Hohenlohen-Puntiz erscheint jeweils in der Mittwochausgabe des ND. Die nächste Folge erwarten wir am 27. Oktober 2010.

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