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Von Hans-Christoph Rauh 23.10.2010 / Forum

Verspätete ostdeutsche Heimkehr

Zur Eröffnung eines Nietzsche-Dokumentationszentrums in Naumburg

Das Nietzsche-Denkmal in Naumburg, komplett ND-
Das Nietzsche-Denkmal in Naumburg, komplett ND-

Geht man heute über den stadtinneren Holzmarkt von Naumburg, so begegnet einem, denkmalgerecht sitzend, der nachdenklich-lesende Friedrich Nietzsche (1844–1900), denn hier verlebte er seine Schuljugendzeit und spätere Krankheitsjahre. Ein vergessenes Fahrradschloss und eine rote Rose zieren ihn weit sichtbar, ein Wasserspiel fließt – Gedanken übertragend? – an ihm vorbei. Doch die eigentliche »Provokation« ist die vom Bildhauer Heinrich Apel (Magdeburg) zugleich – im gebührenden Abstand versteht sich – mit aufgestellte, kurzberockte junge Frau. Sie scheint den so vor sich hin grübelnden Philosophen unverblümt zu fragen: He, wer bist du eigentlich und worüber denkst du denn immer noch nach? Vielleicht so ähnlich oder anders.

Wie einst Sokrates ist nun offenbar auch Nietzsche auf dem Markt angekommen, vor allem natürlich mit seinen unendlich vielbändig nachgedruckten Schriften, zunehmend auch über ihn. Zum umfassenden Gedenken sind in Ostdeutschland zahlreiche Stätten entstanden. So die Nietzsche-Gedenkstätte Röcken (Geburtsort und Grabstelle), das Nietzsche-Haus Naumburg sowie das nun wieder zugängliche Nietzsche-Archiv Weimar, wo sein gesamtes Schriftgut lagert und herausgeberisch bearbeitet wird.

Vom noch 1988 durch Manfred Buhr in Leipzig so ideologisch-klassenkämpferisch warnend verkündeten »Phänomen Nietzsche« gibt es keine Spur mehr, denn dieser scheint nach der Wende nun völlig ungehindert auch in der ostdeutschen, für manche »mitteldeutschen« philosophischen Forschungslandschaft angekommen zu sein. Er ist kein wirkliches Politikum mehr; er wirkt nur noch »katalytisch«. Rechts und Links vereinnahmen ihn wohlwollend und ganz selbstverständlich, völlig unaufgeregt und scheinbar unbelastet. Unerträglicher faschistischer Missbrauch wie kurzsichtige realsozialistische Verurteilung harren nur noch ihrer historisch-kritischen Aufarbeitung.

Der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Prof. Wolfgang Böhmer, ließ es sich nicht nehmen, als Schirmherr eines kürzlich tagenden Internationalen Nietzsche-Kongresses zugleich ein großzügig geplantes Nietzsche-Dokumentationszentrum für die inzwischen tatsächlich weltweite Nietzsche-Rezeption einzuweihen. Nicht zuletzt als Mediziner verwies Böhmer auf die anhaltend umstrittene und widersprüchliche Rezeption Nietzsches, die auch seine spätere schwere Erkrankung biografisch wie werkgeschichtlich mit berücksichtigen müsste. Der Kongress tagte unter dem Nietzsche-Wort: »Einige werden posthum geboren« – als ob er schon geahnt hätte, was ihm ideologisch-pränatal in den letzten 100 Jahren noch alles widerfahren würde.

Zugleich gedachte dieser Kongress des zwanzigjährigen Bestehens einer Ende 1990 in Halle/Röcken gegründeten, eigenständigen ostdeutschen Nietzsche-Gesellschaft, die sich in ihren Anfängen vor allem mit den Namen von Hans-Martin Gerlach, Ralf Eichberg und Renate Reschke verband. Wutentbrannt hatte damals ein übereifriger West-Kollege ihnen zugerufen, dass sie doch dazu gar nicht berechtigt seien, es sollte besser eine Marx-Gesellschaft von ihnen begründet werden. Doch gerade dieser »Klassiker« hatte schon seine historisch-kritische Gesamtausgabe in Gestalt der bekannten MEGA. Nicht so der dem Osten des heutigen Deutschland entstammende Nietzsche, dem nun auch hier ein bleibendes akademisches Heimatrecht zugesprochen wurde.

In Leipzig hatte der junge Nietzsche einst klassische Philologie studiert, ehe er als einer der jüngsten Philosophie-Professoren nach Basel berufen wurde. Nebenbei musste er dazu seine damalige preußische Staatsangehörigkeit ablegen, aber die spätere reichsdeutsche Staatsbürgerschaft beantragte er nach 1871 nicht wieder. Von ihm stammt das schöne Wort vom zwar heimatlosen, aber »guten Europäer«, wozu er, eben keineswegs antisemitisch gesinnt, auch alle jüdischen Mitbürger zählte.

Die ersten wirklich wissenschaftlichen Neubearbeiter des nachgelassenen Großwerkes von Nietzsche in Weimar (übrigens im Rahmen der dortigen Klassik-Stiftung) waren schon seit den späten 60er Jahren zwei italienische antifaschistische Widerstandskämpfer/Kommunisten: Giorgio Colli und Mazzino Montinari. Sie erhielten dazu von den entsprechenden staatsparteilichen Stellen der DDR/SED einen ungehinderten Zugang zum weder von den Amerikanern noch von der Roten Armee jemals beschlagnahmten Nietzsche-Archiv. Dessen wahnwitzigen Verkauf auf dem Weltmarkt hatte erst zum Ende der DDR allein Wolfgang Harich gefordert.

Das ursprüngliche wissenschaftliche Anliegen der beiden späteren Begründer und ersten Herausgeber auch einer deutschsprachigen Kritischen Gesamtausgabe war jedoch zunächst lediglich eine textgetreue italienische bzw. französische Ausgabe, denn ein westdeutscher Verlag musste erst noch gefunden werden. Die DDR brachte es bis zu ihrem Ende praktisch zu keinem allgemein zugänglichen und marxistisch aufgearbeiteten Nietzsche-Studientext. Selbst Georg Lukacs, der sich vorher zu Nietzsche politisch und ideologiekritisch geäußert hatte, war von 1956 bis 1985 als revisionistisch verdächtigt worden.

Nach der Wende erhielten alle ostdeutschen Philosophie-Institute umgehend über die »Volkswagen-Stiftung« die laufende Nietzsche-Gesamtausgabe gewissermaßen zugeteilt. Die Universität Greifswald hatte diese schon zuvor durch eine persönliche Zuwendung ihres Ehren-Doktors, des Krupp-Geschäftsführers Beitz, geliefert bekommen, wozu ihn ausgerechnet ein damalig parteibeauftragter Prorektor für Gesellschaftswissenschaften überreden konnte.

Inzwischen hat sich die Nietzsche-Forschung vollständig internationalisiert und wird nun bereits online verlegt und vermarktet; mit irgendeiner politisch-ideologisch bedrohlichen rechten oder linken Nietzsche-Renaissance hat das fast nichts mehr zu tun. Im Vordergrund steht vielmehr eine kaum noch überschaubare akademische Nietzsche-Rezeptionsliteratur. Sie zu sammeln und zu systematisieren, wird die zukünftige Aufgabe des nunmehr in Naumburg gegründeten Dokumentationszentrums sein. Diese sogenannte Nietzsche-Sekundärliteratur ist in der philosophischen Quantität und Qualität in gewisser Weise noch vielfältiger und widersprüchlicher als das bisher veröffentlichte Werk des »Meisterdenkers« selbst. Kein sprachgewaltiger Aphorismus oder sonst wie genial hingeworfener Einzelsatzgedanke entgeht offenbar einer immer breiter angelegten metasprachlichen Interpretation, was selbst schon wieder dokumentiert werden kann und muss.

Auf einer besonderen Abendveranstaltung des Nietzsche-Kongresses erschien der dazu ausdrücklich überredete wohlbekannte Schriftsteller und Dichter Martin Walser. Er las aus seinem Gesamtwerk – unter dem Motto »Lebenslänglich Nietzsche« – zeitbedingte und bildungsgeschichtliche Bezugnahmen auf diesen. Man wusste manchmal nicht, ob das alles so ernst gemeint war, was da oft ironisierend und erheiternd vorgetragen wurde: die Freude, »doch endlich auch einmal einen solchen Nietzsche-Vortrag zu halten«! Ein künstlerisch-literarisches Erlebnis war Walsers Auftritt allemal. Daher befindet sich sein Text auch schon im Druck, um dann ebenfalls vor Ort katalogisiert zu werden. So wie hier also jetzt überhaupt der ganze Nietzsche primär- wie sekundärliterarisch erfasst und gesehen werden soll.

Den Grundstock zu dieser umfassenden und nun zentralisierten Nietzsche-Dokumentation in Naumburg, und das ist ebenfalls ungemein deutschgeschichtlich überraschend wie bezeichnend, bildet die bereits in der Stadt eingetroffene größte private Nietzsche-Sammlung aus Amerika. Hierbei handelt es sich um eine bibliografisch erfasste Literatur- und Dokumentenansammlung (so bereits vierbändig unter dem nachdenklichen Titel »Nietzsche und der deutsche Geist« publiziert) eines früheren US-amerikanischen Besatzungssoldaten, der Nietzsche nach 1945 zu einer Zeit sammelte, da die geschlagenen Deutschen wahrlich andere Sorgen hatten. Nun kehrt der große Denker derartig vollkommen eingesammelt und katalogisiert also wieder heim nach Naumburg, in ein dafür extra errichtetes, lichtdurchflutetes Haus.

Selbstverständlich gehört Nietzsches Werk seit gut 150 Jahren in steigendem Maße zur deutschen Sprachkultur, was Thomas Mann schon 1947 in seinem Essay »Nietzsches Philosophie im Lichte unserer Erfahrung« feststellte. Die Frage, ob da ein Philosoph dichtet oder ein Dichter philosophiert, hat sich bei Nietzsche, dem Dichterphilosophen, inzwischen fast erledigt. Nun wird er vor allem katalogisiert und online vermarktet. Außerdem sitzt er als touristischer Besuchsmagnet ganz friedlich und unangefochten auf dem Naumburger Holzmarkt.

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1 Kommentar zu diesem Artikel

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  • Fred-J., 24. Okt 2010 17:04

    Makabre Heimkehr

    Manchmal packt einen das Entsetzen, wenn Nietzsche in Abständen
    " heimgeholt " wird, u.zw. hier in einer so allgefälligen Weise, die keinem weh tun will, aber den Kern der der Nietzsche-Auffassungen geflissentlich außen vor läßt, so daß sich bei Nietzsche jeder wie auf einem Basar bedienen kann. Das von jemanden, der es eigentlich besser wissen müßte.

    Es ist schon zu erwähnen, daß Nietzsche von der Naziideologie nicht mißbraucht, sondern gebraucht wurde, u.zw. wegen seiner Massenverachtung, Kriegsverherrlichung und fehlenden Barmherzigkeit gegenüber gequälten Menschen.

    Auch die verächtliche, weil zumindest unvollständige, aber auf keinen Fall ehrbare Bemerkung zu Wolfgang Harich unter kompletter Außerachtlassung seiner Auffassungen zu der antihumanen Philosophie und Ethik Nietzsches zeugt von wenig Stil. Hier wäre etwas mehr Anstand des Autors angebracht gewesen. Er müßte sich aus seiner Zeit als Chefredakteur der DZfPh eigentlich erinnern können, daß Harich mehr Auffassungen zu diesem Thema hatte als den Verkauf des Archivs.

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