Die Klagen sind lautstark. »Es ist offensichtlich: Wir haben schon längst keine Lehrstellenlücke mehr, wir haben eine Lehrlingslücke«, so der Hauptgeschäftsführer des Bayerischen Handwerkstages, Lothar Semper, in Straubing. »Jedes dritte Unternehmen möchte mehr Mitarbeiter mit abgeschlossener Berufsausbildung einstellen. Meister, Techniker und Akademiker werden von jedem vierten Unternehmen verstärkt gesucht«, heißt es in einer aktuellen Aussendung des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. »Gut ein Drittel der Unternehmen, die im Jahr 2009 Fachkräfte gesucht haben, berichten über Schwierigkeiten, Personal in den von ihnen benötigten Ausbildungsberufen zu finden.«
Die politische Begleitmusik zu solchen Befunden findet auf der großen Bühne statt, wo sich die Spitzenpolitiker darum streiten, wer nach Deutschland kommen dürfen soll. Jetzt hat sich auch noch Entwicklungsminister Dirk Niebel (FDP) mit Überlegungen über Fachkräfte aus Entwicklungsländern zu Wort gemeldet.
Es gibt aber auch Nachrichten aus einer Art Parallelwelt: »Angespannt« hat die DGB-Vizevoritzende Ingrid Sehrbrock die Lage auf dem Ausbildungsmarkt gerade genannt – und die DGB-Jugend hat im September bilanziert, dass trotz des Fachkräftebedarfs im dualen System allein in diesem Jahr weiterhin 94 000 betriebliche Ausbildungsplätze fehlen. Nach den Zahlen des DGB-Bundesvorstandes gibt es in Deutschland derzeit insgesamt 1,5 Millionen junge Menschen ohne Berufsausbildung – die sogenannte »Bugwelle« aus Angehörigen der noch geburtenstarken Jahrgänge Mitte bis Ende der achtziger Jahre, die während der letzten fünf bis zehn Jahre ohne Ausbildungsplatz geblieben sind – und jetzt oft nicht in den Arbeitsmarkt finden.
Laut DGB wurden im Jahr 2009 allein 73 500 Jugendliche in »Maßnahmen« gesteckt, in Praktika, Berufsvorbereitungsjahre oder in die 2007 geschaffenen »Einstiegsqualifizierungen« – verkürzte Schmalspurausbildungen. Und das, heißt es in einem DGB-Papier, »obwohl die Bundesagentur für Arbeit sie für eine Ausbildung geeignet hält und sie ihren Wunsch nach Ausbildung ausdrücklich aufrecht erhalten«.
Obwohl also die Firmen nach eigenem Bekunden händeringend nach Fachkräften suchen, gibt es eine ganze verlorene Generation nicht ausgebildeter junger Leute und nach wie vor zu wenig betriebliche Lehrstellen. Wie passt all das zusammen? Die Geschichte des »Nationalen Paktes für Ausbildung und Fachkräftenachwuchs«, der sich darum kümmern soll, ist ein Trauerspiel auf Kosten einer ganzen Generation.
Initiiert wurde er unter Rot-Grün anstatt einer Umlagefinanzierung, die dafür sorgen sollte, dass ausbildungsfähige Betriebe ohne Lehrlinge Firmen unterstützen, die über den Bedarf ausbilden. Damit war die SPD einst in den Wahlkampf gezogen, doch kam am Ende ein Gremium aus Bundespolitik und Arbeitgebern heraus, das eine Lösung ohne »Zwangsabgabe« suchte. Es folgte ein jahrelanges Verwirrspiel: Während der Ausbildungspakt zum Beispiel Zigtausende von »neuen« Lehrstellen verkündete, konnte deren Gesamtzahl schon mal gesunken sein. Und immer schwoll die »Bugwelle« weiter an.
Schwarz-Gelb hat im Koalitionsvertrag beschlossen, diesen Pakt »weiterzuentwickeln«. Länder und Gewerkschaften sollen mit an den Tisch. Doch der DGB hat gerade erst beschlossen, bei einer Neuauflage nicht mitzumachen. Es müsse erst einmal eine »ehrliche Bilanz« gezogen werden, heißt es im Vorstandsbeschluss. Und dann kommt ein bezeichnender Satz: »Mindestvoraussetzung muss sein, dass die Zielgrößen der Wirtschaft für die Einwerbung neuer Ausbildungsplätze (...) aus der Pakt-Vereinbarung von 2007 nicht unterschritten werden.«
Aktuelle Ausgabe: 25.05.2012
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