Von Steffi Bey
30.10.2010

Ausflugsdampfer am Rundfunkgelände

Berlins zweitgrößte Reederei zieht an die Nalepastraße / Neuer Hafen für 14 Schiffe

Olivia Matthes wohnt seit mehreren Jahren in den ehemals besetze
Olivia Matthes wohnt seit mehreren Jahren in den ehemals besetzen Häusern der Hamburger Hafenstraße. Die Geschichtsstudentin engagiert sich im Klima!Bewegungsnetzwerk, das sich an »Castor? Schottern!« beteiligt. klima.blogsport.de

Auf dem skandalumwitterten Gelände des DDR-Rundfunks tut sich etwas: Im Frühjahr 2011 will die Reederei Riedel an der Nalepastraße ihren neuen Firmensitz eröffnen. Derzeit wird auf einem Teil des 41 000 Quadratmeter großen Areals der kontaminierte Boden ausgetauscht.

Wo einmal das Hafenbecken sein wird, flattert ein rotes Absperrband. Lastwagen rollen an und transportieren den mit Mineralölen und Kraftstoffen verseuchten Boden ab. »Nach der aufwendigen Sanierung entsteht auf einer Fläche von 11 000 Quadratmetern eine moderne Hafenanlage für unsere gesamte Stadtrundfahrtenflotte«, sagt der Geschäftsführer des Familienunternehmens, Lutz Freise. Zudem würden dann alle Firmenbereiche an einem Ort gebündelt. Noch befindet sich Berlins zweitgrößte Reederei mit Werkstätten und Warenlogistik verstreut in der Innenstadt, hauptsächlich in Kreuzberg.

Freise selbst hat vor drei Jahren das Grundstück zwischen dem ehemaligen Kraftwerk Rummelsburg und den unter Denkmalschutz stehenden Gebäuden des DDR-Rundfunks entdeckt. Damals suchte er nach einer Anlegestelle für eine Veranstaltung des Musiksenders MTV.

Im Januar vergangenen Jahres führte die Reederei dann etliche Bohrungen auf dem teilweise kontaminierten Gelände durch. Ende 2009 konnte der Kaufvertrag unterschrieben werden. Begleitet wurde das Verfahren allerdings von heftigen Protesten: Denn am Spreeufer hatten sich als Zwischennutzer der Funkpark mit Restaurant, Volleyballfeldern und Kinderspielplatz sowie der Technoclub Rechenzentrum niedergelassen. Doch sie konnten den Kauf und das damit unausweichliche Ende für Club und Funkpark nicht verhindern. Inzwischen sind die alten Gebäude abgerissen.

Die Verwaltung des Familienunternehmens zieht im Frühjahr in einen Komplex, den die Reederei als Rohbau übernahm. Neben Hallen für Warenlogistik und Werkstätten entsteht ein moderner Hafen mit vier Doppelsteganlagen und sechs Kailiegeplätzen. Lutz Freise geht davon aus, dass spätestens im Herbst 2011 dieser Bereich angesteuert werden kann. »Erstmals können unsere 14 Schiffe dort überwintern«, sagt der Geschäftsführer. Die Gesamtkosten für das Projekt liegen bei rund zehn Millionen Euro. »Das ist ein gewaltiger Kraftakt, an dem wir noch die nächsten 20 Jahre zu knabbern haben«, betont Freise.

Fest steht bereits, dass auch nach der Sanierung und dem Firmenumzug das Reederei-Gelände weiterentwickelt wird: Rund 15 000 Quadratmeter freie Fläche sind noch an Investoren zu vergeben. Erste Ideen gibt es – etwa für Lagerräume, Winteranleger für Yachten oder einen Laden für Wassersportler. Aber es ist noch nichts konkret. Angedacht sei auch ein Wanderweg entlang des 220 Meter langen Ufers, der insgesamt einmal von der Stralauer Halbinsel über die Rummelsburger Bucht nach Treptow-Köpenick führt.

In die Schlagzeilen war das Grundstück an der Nalepastraße – auf dem der DDR-Rundfunk bis 1990 gesendet hatte – geraten, als es 2005 für den Spottpreis von 350 000 Euro von der Liegenschaftsgesellschaft Sachsen-Anhalt verkauft wurde. Experten schätzten den tatsächlichen Wert auf mehr als 20 Millionen Euro.

Inzwischen ist das Areal in drei Teile geteilt: Einer gehört der Reederei Riedel. Das Grundstück mit den Rundfunkgebäuden kaufte der israelische Investor Albert Ben David und plant dort unter anderem eine »Music Factory« sowie Bars und Restaurants entlang der Spree und ein Rundfunkmuseum. Auf dem dritten Bereich gibt es ein Logistikzentrum und einen Fuhrpark.

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