03.11.2010
44. Kalenderwoche 2010

Im Dienste der Stauffenbergpartei

Das Tagebuch des Jeremy-Maria zu Hohenlohen-Puntiz – 19. Folge

Was letzte Woche geschah: Nachts, Jeremy und Renate allein im Museum für Kommunikation. In intimer Zweisamkeit planen sie die offizielle Verkündung von Renates Bürgermeisterkandiatur. Aber sind sie wirklich allein?
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Plötzlich steht Roland vor uns. Er wolle mit uns auf den Bilfinger-Berger-Deal anstoßen und zieht eine Sektflasche aus einer schwarzen Reisetasche, die schwer über seiner Schulter hängt.

Gewiss ein Grund zu feiern. Als redlicher Geschäftsmann kann er nun einfahren, was er als Landesvater gesät hat. Mag der Magen des Aktienmarktes grummeln wie er will. Spätestens nach der Revolution, wenn der Bau des Stadtschlosses und die Neugestaltung des Alexanderplatzes anlaufen, wird sein Unternehmen kraftstrotzend aus dem Verdauungsschläfchen erwachen. Doch was soll die Ganovenkluft, wozu Skimaske, Trainingsanzug und Turnschuhe? Was hält er in der Reisetasche verborgen, die sich nach allen Richtungen ausbeult? Rolands großporige Nase pocht signalfarben, ein nervöses Zucken verzerrt die sonst sinnlichen Mädchenlippen. Nur zu gut kenne ich die Mimik des Schlawiners, etwas liegt im Argen. Renate, peinlich berührt von der Situation, verabschiedet sich eilig, die Zeit dränge, bis zum 5. November müssten noch einige Kapitel Berlinerisch gepaukt werden.

Kaum sind ihre Schritte verhallt, fällt mir Roland in die Arme, Tränen ergießen sich heftig. Unter Schluchzen erfahre ich alles en detail. Direkt aus der Uckermark war er gekommen. Mit gefälschten Stasidokumenten der IM Merkel im Gepäck, sollten Frau Elster und er in die Kanzerlinendatscha eindringen. Frau Elster war im Garten geschnappt worden, nur ihm, dem Wieselflinken, gelang die Flucht.

Doch was musste er, der alles riskiert hat für die heilige Mission, in Berlin erleben! Für das Scheitern gab man ihm als mutmaßlichem Merkelianer die Schuld. Ursel und Kalle hätten ein Parteiausschlussverfahren eingeleitet. So viel Grausamkeit habe er von ihnen nicht erwartet.

Ich versuche Roland zu beruhigen und verweise auf mein Vetorecht, das ich als Adeliger in der Partei besitze. Wir sind ja keine Sozialdemokraten, mal hü, mal hott, bei uns herrscht Ordnung. Plötzlich unterbricht Roland sein Schluchzen und sieht mich mit großen, verweinten Augen an: »Sie zweifeln an deinem Titel.« Selbstverständlich böte Roland sich als Sekundant an, sollte ich nach Satisfaktion verlangen. Doch in mir war längst etwas gestorben, der Mensch verkraftet vieles, aber nicht das. Ein Zusammenbruch folgt, Hysterie in ihrer bösesten Form. Später erwache ich in meinen Zimmer.

Eine Woche ist nun vergangen. Mama Valium singt allabendlich ihr süßliches Schlaflied und Papa Opium vertreibt die Dämonen des Tages. Nur Leonore zwingt mich, ab und an einen Zeh in das kalte Wasser der Realität zu tauchen, wenn sie nach Futter und einem sauberen Käfig krächzt.

Wie vertraut mir die Wohnung geworden ist, die blanken Wände gemahnen an topografische Karten von Ländern, deren Höhen und Tiefen ich blind beschreiben könnte. Nachts, vor dem Fenster zum Hof, huschen die blauen Schatten eines laufenden Fernsehers, versetzen mich in Verzücken, als betrachtete ich Polarlichter.

In einer Rundmail habe ich einen Parteitag angekündigt. Ich lege nun mein Kind, die Stauffenbergpartei, in die gerechten Hände des Schicksals. Die Adelsquote, Rolands Mitgliedschaft, ja sogar mein Amt stelle ich zur Disposition. Ich lese eine erste, geradezu freche Reaktion von Kalle: »Es kommt auf den Zusammenhalt an, lieber Jeremy, nicht auf irgendwelche depperten Personaldebatten!«

Der satirische Tagebuchroman des konservativen Verschwörers erscheint jeweils in der Mittwochausgabe des ND. Die nächste Folge erwarten wir am 10. November 2010.

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