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Von Tobias Goerke, dpa
04.11.2010

Rezept gegen Dorfsterben

Diplom-Geografin Nathalie Franzen berät schrumpfende Ortschaften bei der Zukunftsplanung

Die Zukunft sieht für viele Dörfer düster aus: Kein Arzt, kein Bäcker, keine Schule. Auch viele leer stehende Häuser sehen Experten voraus. Arzbach im Westerwald hat eine Dorfplanerin beauftragt.

Arzbach. Die Zukunft von Arzbach liegt in den Händen seiner Bürger. »Sie sind die Experten für ihr Dorf«, stellt die Dorfplanerin Nathalie Franzen bei ihrem ersten öffentlichen Auftritt in der 1750-Seelen-Gemeinde im Westerwald klar. »Ich sorge dafür, dass die Dinge, wo der Schuh drückt, angegangen werden.«

Das Dorfleben in Arzbach im Westerwald ist zwar durchaus lebendig, aber die Einwohnerzahl sinkt langsam. Das Schwimmbad ist eine Weile außer Betrieb, eine Fabrik und eine Gaststätte stehen genauso leer wie einige Wohnhäuser im Ortskern. Mit einem Dorferneuerungskonzept soll nun der Weg für Fördermittel vom Land frei gemacht werden.

Eine Leitidee muss her

»Wir müssen darauf achten, dass wir die Grundversorgung halten«, sagt Ortsbürgermeister Franz Josef Fetz (SPD). »Man weiß nicht, was in zehn Jahren ist.« Auch wenn er hofft, noch rund 20 Bauplätze der Gemeinde verkaufen zu können, seien angesichts leerer Gemeindekassen und trotz der erwarteten Landesförderung keine großen finanziellen Sprünge möglich. Der gebürtige Arzbacher ist dennoch zuversichtlich: »Wir haben einen guten Bürgersinn. Vieles wird ehrenamtlich gemacht.«

Diplom-Geografin Franzen, die vom Gemeinderat engagiert wurde, verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz: Die Dorferneuerung soll bei der Lösung ökonomischer, sozialer wie auch ökologischer Probleme helfen. Das alles vor dem Hintergrund des bundesweiten Bevölkerungsrückgangs und der zunehmend alternden Gesellschaft.

Mit den Bürgern will Franzen eine Leitidee der nächsten 15 Jahre für Arzbach entwickeln. An einem verregneten Samstag im Herbst sind dafür 50 Leute in die Limeshalle, einen Mehrzweckbau, gekommen.

Die erste Aufgabe ist, Stärken und Schwächen der Ortschaft zu benennen. »Die landschaftliche Lage ist einfach schön«, sagt eine Frau. Der Luftkurort mit seinen Fachwerkhäusern liegt idyllisch im Naturpark Nassau und gehört zum Weltkulturerbe Limes. »Bäcker, Metzger, Grundschule, Kindergarten – die Infrastruktur stimmt«, sagen andere. »Und wir haben noch einen Doktor – Gott sei Dank«, ergänzt eine junge Frau. Auch das Vereinsleben wird positiv bewertet, obwohl viele wohl immer weniger Zeit fänden, sich zu engagieren.

Franzen weiß, woran das liegt. »Die meisten hier müssen zur Arbeit pendeln – manche bis nach Frankfurt oder Bonn«, sagt die 44-Jährige. Dadurch verbringe man weniger Zeit am Wohnort. Und nach der Schließung von Geschäften wie zuletzt einer Metzgerei gebe es »etwas weniger dörfliches Leben, man trifft sich nicht mehr so leicht.« Es fehle in Arzbach an einem Treffpunkt für alle Generationen.

Weitere Probleme sind nach Bürgermeinung veraltete Spielplätze und Straßen sowie der Schwerlastverkehr, der ständig durch die Ortschaft rollt. Für Jugendliche und Senioren ohne eigenes Auto sei es schwierig, ins 20 Kilometer entfernte Koblenz zu gelangen, sagt ein Teilnehmer der Dorfkonferenz. Viele klopfen zustimmend auf den Tisch.

Leerstand beseitigen

Seit den 1980er Jahren ist die Einwohnerzahl hier um ein Fünftel geschrumpft. Ländliche Räume hätten nur dann eine Zukunft, »wenn auch junge Familien mit ihren Kindern im Dorf bleiben«, sagt Franzen. Dabei sei es oft am schwierigsten, gerade die 20- bis 30-Jährigen für die Dorferneuerung zu interessieren. Generell sei es für Projekte wie die Arbeit an einem Spielplatz jedoch wichtig, dass alle Dorfbewohner gemeinsam daran arbeiten – »von den Kindern bis zu den Großeltern«. »Dann identifiziert man sich schneller mit der Sache«, sagt Franzen.

Sie hat in den vergangenen 20 Jahren von Mainz aus rund 80 Dörfer in mehreren Bundesländern betreut. Früher hätten Gemeinderäte die Aufgabe Dorferneuerung oft im Alleingang vorangetrieben. »Aber von außen einfach ein Konzept rüberstülpen, hilft nicht«, sagt Franzen.

Arbeitsgruppen widmen sich nun den Problemzonen in Arzbach. Dabei geht es neben der Nutzung leer stehender Gebäude auch um die Stärkung des Vereinslebens oder des Tourismus. Darin sieht Bürgermeister Fetz die größten Entwicklungschancen: »Wir hatten in den 1960er Jahren sehr viele Kurgäste.« Die Dorfplanerin will jede AG bis zu vier Mal treffen und beraten, bis Mitte 2011 soll das Konzept stehen.

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