Von Reimar Paul
05.11.2010
Fokus: Anti-Castor-Proteste

Die Mutter des Widerstands

Seit fast 40 Jahren kämpft Marianne Fritzen gegen Atomanlagen und Castor-Transporte

Bei Sitzblockaden auf der Straße kann sie nicht mehr mitmachen, auch längeres Stehen fällt ihr seit der Hüftoperation vor ein paar Jahren schwer. Aber gegen Atomkraftwerke und Castortransporte demonstriert Marianne Fritzen immer noch.
...und 1997 vor dem Haupttor des...
...und 1997 vor dem Haupttor des Zwischenlagers Gorleben (ganz rechts im Bild)

Als 100 000 Umweltschützer im September das Berliner Regierungsviertel fluteten, war die 86-Jährige mit dabei. Auch am heutigen Freitagabend, zum Auftakt der Castor-Proteste, will sie bei einer Mahnwache in der Kreisstadt Lüchow mitmachen. Mehr denn je, sagt sie, »bin ich davon überzeugt, dass die Atomkraft ein Irrweg ist.« Wie kaum jemand anders hat Marianne Fritzen den Protest gegen die Gorlebener Atomanlagen geprägt. »Mutter des wendländischen Widerstandes«, »Mutter Courage aus Gorleben«, »älteste Demonstrantin Deutschlands« – das waren nur einige der Begriffe, mit denen Medien und Mitkämpfer der langjährigen Vorsitzenden der Bürgerinitiative (BI) Umweltschutz Lüchow-Dannenberg Ehre und Referenz erwiesen.

Das alles war natürlich noch nicht abzusehen, als Marianne Fritzen am 7. April 1924 im Elsass als Tochter einer Französin und eines Saarländers geboren wird. Zweisprachig und mit doppelter Staatsangehörigkeit, wächst sie im Elsass auf, 1941 macht sie in Paris das Abitur, ein Studium in Frankreich wird ihr wegen des deutschen Vaters verwehrt. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zieht Fritzen nach Berlin, schließt ihre erste Ehe und bekommt zwei Söhne. 1952 heiratet sie den Sinologen und Musikwissenschaftler Joachim Fritzen, mit ihm bekommt sie drei weitere Kinder. 1957 zieht die Familie ins Wendland und lässt sich im Dörfchen Kolborn in der Nähe von Lüchow nieder. Als in den 1970er Jahren Pläne für den Bau eines Kernkraftwerkes in Langendorf/Elbe bekannt werden, setzt sich Marianne Fritzen erstmals gegen Atomkraft ein. 1973 beteiligt sie sich an der Gründung der BI, bis 1982 führt sie die Initiative als Vorsitzende.

Der Widerstand in Gorleben gerät in den Fokus der bundesweiten Anti-Atom-Bewegung und der Öffentlichkeit. Marianne Fritzen muss lernen, plötzlich im Rampenlicht zu stehen. Sie muss hochrangige Staatsgäste – mehr oder weniger herzlich – begrüßen, kämpferisch die Position der Atomkraftgegner vertreten und doch immer wieder ausgleichen zwischen den unterschiedlichen Interessen und Ideologien der Widerstandsgruppen in- und außerhalb des Wendlands. Ihre gleichzeitig radikale wie konsequent gewaltfreie Position hat Fritzen dabei durchgehalten. Auch nach der gewaltsamen Räumung der »Republik Freies Wendland« im Juni 1980 gehört sie zu den Gewaltfreien – wenngleich es sie nach eigenem Bekunden Kraft kostete, die Wut über die »Maßlosigkeit des Staates und der Instrumentalisierung der Polizei gegen die Bürger« nicht in gewalttätige Gegenaktionen münden zu lassen.

Ende der 1970er Jahre hat Marianne Fritzen auch zu den Mitbegründern der Grünen Liste Umweltschutz in Niedersachen gehört, einer Vorläuferorganisation der Grünen. Für die Partei engagiert sie sich parallel zu ihrer Tätigkeit in der Bürgerinitiative als Kommunalpolitikerin: Von 1986 bis 1991 ist sie Mitglied im Kreistag von Lüchow-Dannenberg und im Samtgemeinderat Lüchow, von 1991 bis 1996 stellvertretende Bürgermeisterin von Lüchow.

2000 bricht Fritzen mit den Grünen und verlässt die Partei aus Protest gegen den Atomkonsens, den die rot-grüne Bundesregierung mit den AKW-Betreibern geschlossen hat. Der Atomausstieg werde dadurch auf die lange Bank geschoben. Der Krieg gegen Jugoslawien bestärkt sie noch in ihrer Entscheidung. Eine streitbare Frau ist Marianne Fritzen bis ins hohe Alter geblieben. Nach Richtungs- und Personalstreitigkeiten in der BI und mehreren turbulenten Mitgliederversammlungen gibt sie im April 2008 ihren Titel als Ehrenvorsitzende zurück. »Die Ehre, der Bürgerinitiative in ihrer jetzigen politischen Zielrichtung zu dienen, ist für mich nicht mehr tragbar«, begründet sie den Schritt. Die jüngsten Mitgliederversammlungen hätten ihr »noch einmal ganz deutlich vor Augen geführt, dass die Art und Weise, wie mit den Mitgliedern umgegangen wird, die eine andere Meinung als der Gesamtvorstand vertreten, weit entfernt ist von dem, was ich unter Wahrung der Grundrechte und Demokratie verstehe«. In einem Interview legt Fritzen noch nach. Neben dem aus ihrer Sicht undemokratischen Modus bei den Vorstandswahlen kritisiert sie auch die politische Orientierung der BI: Die Bürgerinitiative sei keine Organisation mehr, die sich um alle Bevölkerungsspektren kümmere, sondern »driftet mir zu sehr einseitig ab – nach links«.

Linke Mitglieder habe es zwar immer gegeben, doch sie »waren nicht so dominierend wie heute«. Viele Mitglieder aus dem Landkreis fühlten sich von den Aktionen und der Rhetorik des Vorstands nicht mehr vertreten. Es seien zum Beispiel Großdemonstrationen angekündigt worden, auf denen sich dann nur wenige Leute verloren hätten: »Da werden Popanze aufgebaut, hinter denen nichts steckt.«

Inzwischen hat sich Marianne Fritzen wieder mit »ihrer« BI versöhnt. In diesem Herbst erhielt sie den Petra-Kelly-Preis der Heinrich-Böll-Stiftung. In der Begründung der Stiftung heißt es: »Die Entscheidung, Marianne Fritzen den Preis zu verleihen, ist vor allem eine Würdigung ihrer politischen Biographie als jahrzehntelange Vorkämpferin gegen die Atomenergie, als Symbol des gewaltfreien Widerstands und eines breiten gesellschaftlichen Bündnisses in der Region.« Die Laudatio bei der Preisverleihung hielt Fritzens Freundin Rebecca Harms. »Als gute und angesehene Bürgerin der Stadt Lüchow hast du in einer mit großen gesellschaftlichen Spannungen aufgeladenen Zeit die Führung unserer Bürgerinitiative übernommen«, sagte die grüne Europaabgeordnete. »Und du warst wie gemacht dafür, einen Kurs zu prägen, der sich, trotz großen Streits gerade in den ersten Jahren, bis heute als richtig, erfolgreich und durchhaltbar erwiesen hat.«

Von den 10 000 Euro Preisgeld hat Marianne Fritzen übrigens 3000 Euro an den Bundesverband der Bürgerinitiativen gespendet. Der Rest ging an das Gorleben-Archiv, das den Jahrzehnte langen Widerstand gegen die Atomanlagen im Wendland dokumentiert.

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