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»Es ist egal, wie dick deine Brieftasche ist und woher du kommst, man hilft sich.«
Foto: Thomas Bruhn
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Dass Brandenburg ein Paradies für Wassersportler ist, hat sich rumgesprochen, dass es Anschluss an die Weltmeere hat, wissen wenige. Jedes Jahr im Frühling, spätestens vor den großen Ferien, fahren Segler über Spree und Havel zur Oder und weiter auf die Ostsee, weil die Sehnsucht nach weitem, unverstelltem Blick sie zieht. Sie bevölkern drei, vier Wochen die dänische Südsee. Manche schaffen es bis in den Finnischen Meerbusen oder nach Gotland, manche stecken gar die Nase in die Nordsee. Wer aber alle Zeit der Welt hat – der nimmt sich die Welt zum Ziel und segelt rund. Einhand, wegen der höheren Weihen; wegen der sportlichen Leistung, die dem Segler so viel gilt, wie dem Bergsteiger das Bezwingen der Eiger Nordwand.
Horst Scholz machte schon einen Versuch, mit den Westwinden um die Welt zu segeln: Im Sommer '96 nahm er sich eine Auszeit und startete mit einer Hiddensee und Außenbordmotor. Viele, die etwas vom Metier verstehen, schüttelten damals ungläubig die weisen Häupter. Bis in den Golf von Mexico ging alles gut, dort gab's viel Wind auf die Mütze, der Mast brach, und die Kielbolzen lösten sich, Wasser im Schiff, er musste aufgeben und sich abbergen lassen. Kurz vor dem Ziel. Schlappe fünftausend Meilen lagen noch vor, schon über zwanzigtausend hinter ihm.
Diesmal hat's geklappt, Horst Scholz strahlte vor Glück, als er nach zwei Jahren, im Sommer diesen Jahres, gesund und munter und auf eigenem Kiel, auf dem Scharmützelsee, dem Ausgangspunkt seiner Reise, anlangte. Im Gegensatz zum Eigner sah man dem Schiff an, dass es eine lange Reise hinter sich gebracht hatte, knapp dreißigtausend Seemeilen*. Abgeplatzte Farbe, Rost, Blessuren, Schrammen und ein verbogener Heckkorb. Das ist ihm kurz vorm Ziel passiert, auf der Rhone, als der Motor ausfiel, der Anker so schnell nicht halten wollte und er rückwärts an einen Brückenpfeiler trieb.
Ich bin zu Gast an Bord und frage, ob es ihm schwergefallen sei, mit dem Wissen um die zu erwartenden Strapazen und dem unglücklichen Ende der ersten Reise im Kopf, ein zweites Mal aufzubrechen?
Keine Angst. Überhaupt war ihm sowieso nach der ersten Reise klar, dass er noch einmal losfahren müsse. Den Untergang seiner Hiddensee verbuchte er unter der Rubrik technischer Defekt. Er lernte daraus, war diesmal aufmerksamer, kontrollierte das stehende Gut häufiger, legte auf Sicherheit mehr Wert, nahm sogar eine Rettungsinsel mit und einen Notsender. Damit die Freunde und die Verwandten zu Hause ruhiger schlafen konnten, sagt er.
Wer einhand segelt, muss bereit sein, sich bis an die Grenzen physischer und psychischer Erschöpfung zu belasten. Auch auf dieser Reise musste er nach Schäden an der Selbststeueranlage mehrere Tage Ruder gehen und nebenbei reparieren. Man ist permanent Gefahren ausgesetzt und hat vierundzwanzig Stunden Wache – jeden Tag. Man muss aufmerksam sein und bedacht handeln, seinen Tagesplan erfüllen, darf keinen Schlendrian aufkommen lassen. Dort, wo Schiffsverkehr war, ist er jede Stunde rausgekrabbelt und hat Ausschau gehalten, Segel und Kurs kontrolliert. Scholz sagt, wer allein lossegelt, muss Optimist sein. Er muss die Gefahren kennen, sich aber sagen: Mir passiert nichts! Und doch passierte was. Auf der ersten Reise brach er sich im Hafen zwei Zehen. Der kanadische Arzt schiente die kaputten an gesunde Nachbarzehen. Als sich Scholz auf der zweiten Reise auf hoher See einen Zeh brach, verarztete er sich selbst, wusste er doch, wie man's macht.
Nach der ersten Reise hat er Vorträge gehalten. Nach jedem Vortrag aber sagte er sich: Eigentlich will ich das nicht nur erzählen, ich will das noch einmal erleben. Die Chance bot sich, als er mit achtundfünfzig Jahren in den Vorruhestand gehen konnte. Er hatte das Versicherungsgeld und Gespartes und kaufte sich einen Stahlkreuzer, neun Meter lang, ein kleines Schiff, wenn man bedenkt, mit welch großen Pötten Segler heutzutage unterwegs sind. Drei Tage nach dem letzten Arbeitstag machte er sich wieder auf die Reise.
Die Neugier auf fremde Länder und andere Menschen ist ihm in die Wiege gelegt und scheint bis heute ungebrochen. Als Kind stöberte er in Atlanten und las Reiseberichte und Abenteuerromane, wie die meisten Jungs. Schon im Berufsleben, diplomierter Außenhandelskaufmann, er studierte an der Hochschule für Ökonomie in Berlin-Karlshorst, konnte er weit reisen, lernte viele Länder von Bulgarien, der Sowjetunion, über den Nahen Osten bis Nordafrika kennen.
Warum er allein segelt? Er segelt wegen dem Segeln und dem Erlebnis Natur. Wer einmal in südlichen Breiten oder in Äquatornähe segelt, der wird von dem Virus Hochseesegeln unweigerlich befallen. Die Sterne in der Nacht, am Tag die Delphine, warmes ruhiges Wetter, eine angenehme See. Es ist ein schönes und friedliches Leben.
Allein segelt er wegen des Erlebnisses Mensch. Nach ein paar Tagen auf See fühlt man sich heimisch und eins mit den Elementen, nach zwei Wochen beginnt man intensiv über das Leben nachzudenken, eine Reise nach innen anzutreten. Andere nennen diesen beglückenden Zustand Meditation. Die längste Etappe dauert über fünf Wochen – viel Zeit zum Nachdenken.
Ein dritter Grund kommt hinzu: Kameradschaft und Hilfsbereitschaft unter den Seglern. Läuft man in einen fremden Hafen ein, erzählen die Nachbarn, wo man Einklarieren und billig einkaufen kann. Vor zwei Wochen, als sie selbst angekommen sind, halfen ihnen andere, und so geht das weiter. Es ist egal, wie dick deine Brieftasche ist und woher du kommst, man hilft sich, kriecht zusammen in den Motorraum oder bastelt an der Elektrik. Der eine kann das, der andere jenes. Es ist ein bisschen, wie es früher hierzulande war. Im Sächsischen würde man Horst Scholz ein fichelantes Kerlchen nennen, einen, der sich überall zurechtfindet, von allem bissel was versteht und darum ein gefragter Gesprächspartner ist.
Fuhr er damals mit den Westwinden in Richtung Osten, begab er sich diesmal auf die Barfußroute – westwärts. Hauptsächlich Passatwinde. Das heißt, zuerst in Richtung Süden, dann nach Südamerika, durch den Panamakanal, Galapagos, Marquesas, Australien, Indien, durch das Rote und das Mittelmeer und von Marseille aus über die Kanäle nach Hause.
Das Schiff ist spartanisch eingerichtet, nichts Überflüssiges. Handbücher zur Navigation, GPS, Laptop. Scholz hantiert am antiken Petroleumkocher. Den hat er noch in Betrieb, er hat sich an das Gerät gewöhnt, und es genügt seinen Ansprüchen. Beim Essen ist er nicht wählerisch, er braucht weder Drei-Flammen-Herd, noch Kühlschrank – alles Luxus.
Es bleibt auch heute einfach, das Glas mit dem Kaffeepulver ist im Rucksack beim Abstellen zerbrochen, es gibt kein anregendes Heißgetränk – es wird auch nicht gebraucht. Wer eine Reise tut, hat was zu erzählen: »Auf der ersten Reise bin ich abseits der üblichen Route gefahren, da war ich in Häfen ein Exot, wurde freundlich begrüßt und brauchte meist nicht mal Liegegebühren zu bezahlen. Diesmal war ich wie die meisten Weltumsegler unterwegs, da habe ich gemerkt, wie schnell man sich in den Ländern auf Touristen einstellt, um Geld zu verdienen.«
Die schönsten Orte? »Polynesien, Tahiti und die Marquesas. Ich war am Grab von Paul Gaugin, ich weiß, warum der dort hingegangen ist. Diese Lebensart ist einmalig. Allein die Auffassung von Liebe. Und was mir gefällt, die Leute sind immer gut gelaunt, leben in den Tag hinein, machen Musik, da schindert keiner, die Arbeit geht immer schön geruhsam, das sind Dinge, wo du dir sagst, das könnte dir gefallen. Aber es ist nicht unser Kulturkreis, mir würde bald was fehlen.«
Dass Scholz wohlbehalten auf dem Scharmützelsee anlangte, hat er einer großen Portion Glück, seinen diversen Talismännern, dem Wetter und seinem Menschenverstand zu verdanken: Der Golf von Aden und das Seegebiet um das Horn von Afrika sind als Piratengebiete bekannt. Vom Auswärtigen Amt bekam er die Information, dass man mit einem Konvoi mitfahren könne. Das funktionierte aber nicht, weil die Großen mit zwanzig Knoten laufen und er nur mit fünf. Auf der Fregatte sagten sie, dass sie für die Berufsschiffahrt zuständig sind und sich nicht auch noch um die Segler kümmern könnten, aber er solle sich melden, wenn er in Not sei.
Horst erzählt: »Vierzig Meilen vor Aden, kurz vor Einbruch der Dämmerung, kam ich aus der Kajüte und erkannte in ungefähr einer Seemeile Entfernung eine Dau, auf dem Vorschiff zwei schmale Kanus. Ich änderte sofort meinen Kurs um 90 Grad – die anderen auch. Ich rollte die Fock weg, warf den Motor an und fuhr mit Großsegel und Motor gegen Wind und Welle. Die Taktik ging auf, die Entfernung blieb konstant. Daraufhin wurden die Kanus ins Wasser gelassen, aber auch denen gelang es nicht, deutlich näher, womöglich in Schussweite zu kommen, da die Außenborder von den Wellen aus dem Wasser gehoben wurden und die Schrauben leer drehten.
Nach anderthalb Stunden gaben sie auf. Bis zum Einbruch der Dunkelheit kletterte ich immer wieder in den Mast, um zu sehen, wie sich mein Gegner verhielt, und änderte den Kurs auf offene See. Meine Hilferufe an die Coalition warships und an die Jemenitische Küstenwache blieben unbeantwortet. Als ich am nächsten Morgen im Hafen von Aden den Anker fallen ließ und den Behörden von dem Vorfall Bericht erstattet, klopften sie mir anerkennend und jovial auf die Schulter.«
Die schönste Geschichte, die Horst erzählt, ist eine von denen, die man sich in Gold rahmen sollte: »Ich kenne den, der das Schiff gebaut hat, und wollte wissen, wie dick das Blech ist, wegen dem Rost. Bin für ein paar Tage in Familienangelegenheiten von Tahiti nach Hause geflogen und besuchte bei der Gelegenheit den Schiffbauer, der bei Strausberg wohnt. Der hat das Schiff 1979 ins Wasser gelassen. Wir unterhielten uns und er sagte mir, da musst du aufpassen und da und dort, richtig Hochseesegeln kannst du nicht damit, dafür ist es nicht konstruiert, zu wenig Ballast, das Ruder nicht groß genug, der Tiefgang zu gering, und dann hat er noch eine Liste von Mängeln aufgezählt – aber für die Boddengewässer und für die Ostsee taugt das Schiff, das sollte gehen. Ich hörte mir alles an und sagte dann: ›Ich weiß auch nicht, aber bisher bin ich zufrieden. Ich liege mit dem Schiff auf Tahiti.‹ Es dauerte eine ganze Weile, bis er nachfragen konnte: ›Wo?‹
Wie gesagt, ich bin zufrieden mit dem Schiff. Ich werde ihn mal anrufen und Bescheid sagen, dass es nach einer Weltumsegelung wohlbehalten wieder hier ist. Und weil auf einer solchen Reise das Schiff eine Seele bekommt und Skipper und Schiff zusammenwachsen, werde ich mich an die Arbeit und im Winter ein Schmuckstück daraus machen.«
Die Frage, ob er nochmal auf große Reise gehen will, stellt sich nicht, weil die Antwort in der Luft liegt: Solange er kann, kann er nicht anders.
* Für Landratten: 1 Seemeile = 1,852 km
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