Von Ines Wallrodt, Dannenberg
06.11.2010
Fokus: Anti-Castor-Proteste

Die Quartiermeisterin

Christina Schuster organisiert Schlafplätze für die Castor-Gegner

Die vielen Castor-Gegner, die von auswärts zu den Protesten anreisen, müssen irgendwo auch schlafen. Seit Wochen verbringt Christina Schuster den größten Teil ihrer Zeit damit, für sie eine geeignete Bleibe zu finden – die Nachfrage ist groß, das Angebot aber auch.
Ständig am Telefon: Christina Schuster ND-
Ständig am Telefon: Christina Schuster

Die Frau, die 1137 private Schlafplätze an Castor-Gegner vermittelt hat, hat ihr eigenes Bett schon länger nicht gesehen. Stunde um Stunde saß Christina Schuster in den vergangenen Wochen in ihrem kastanienbraunen Bauwagen auf einer Matraze am Boden, alles was sie brauchte in Reichweite: Thermoskanne, loser Tabak, Computer und Telefon. Den Hörer am Ohr, tippt sie die Angebote von Wendländern in den Rechner, erfasst Nachfragen von Auswärtigen. Das war ein »irrer Ansturm«, sagt sie.

Die 51-Jährige ist in Prisser zu Hause, ein kleines Dorf kurz vor Dannenberg, neben dem Bauwagen gehört noch ein Bauernhaus zu ihrem Hof. Aber am liebsten sitzt sie im Wagen am offenen Fenster vor dem Computer – ein Vermittlungsbüro mitten im Wildkräutergarten. Noch am Donnerstagabend hat Schuster alle Hände voll zu tun. Viele melden sich auf den letzten Drücker und dann schaut sie ihre Listen durch, wer zusammenpassen könnte. »Ich gehe da nicht nur nach Zahlen«, betont sie. Notiert hat sie auch Kriterien wie Kind, Hund, Nichtraucher, Draußenraucher, richtiges Bett, Isomatte oder Stroh, Lage. »Es macht ja keinen Sinn, dass ich jemanden in Gedelitz einquartiere, der in Hitzacker bei der Gleisblockade mitmachen will.« Beide Orte sind etwa 20 Kilometer voneinander entfernt. Ohne ordentliche Datenbank ist das ein riesiger Aufwand. »Beim nächsten Mal machen wir uns das leichter.« Lehrgeld muss man halt immer zahlen.

Die Idee ist ganz neu. So groß aufgezogen gab es Bettenpatenschaften rund um einen Castor-Transport noch nie. Bei der Großdemonstration im September in Berlin wurden zum ersten Mal 15 000 Postkarten mit diesem Angebot verteilt. Noch vor Ort habe sie den ersten Anruf bekommen. »Die Leute reißen sich um die Betten«, freut sich Schuster, »das einzige, was noch größer ist, ist das Angebot der Wendländer.«

Viele würden drei, vier Schlafplätze zur Verfügung stellen. Am schwierigsten sei es, Einzelpersonen unterzubringen. Im Wendland öffnen selbst Rentner ihre Stuben für fremde Demonstranten. Schuster erzählt von einer 80-jährigen Dame, die selbst nicht mehr mitdemonstrieren kann, aber deshalb wenigstens mit einem Zimmer die Proteste unterstützen will. Das sei typisch.

Schuster organisiert ehrenamtlich Schlafplätze, andere backen Kuchen oder schmieden Pläne, wie der Verkehr zu bewältigen ist. »Ich bin das ja nicht alleine«, wehrt sie ab. »Bei uns gibt es bei einer Demo immer Kaffee, Kuchen und gutes Essen.« So sei das hier im Wendland, sagt sie stolz. Und weil die Wendländer irgendwie besonders sind, schlägt sich Schuster gern die Nächte um die Ohren. Nun ist sie erschöpft und aufgekratzt zugleich. Sie freut sich riesig, wenn zufriedene Atomkraftgegner anrufen und sich bedanken. Das ist ihr Beitrag für den Ausstieg aus der strahlenden Energie.

Nur zwei Anrufern hat Schuster mit Absicht nicht geholfen. Das waren Gleisarbeiter von der Deutschen Bahn, die die Schienen reparieren sollen, damit der Castor rollen kann. »Die waren sehr nett«, sagt Schuster, »aber das konnte ich einfach nicht machen.«

Werbung in eigener Sache

Artikel weiterempfehlen und ausdrucken