Von Ines Wallrodt und Reimar Paul, Dannenberg
08.11.2010
Focus: Anti-Castor-Proteste

»Wir haben gerade erst angefangen«

Großkundgebung brach alle Rekorde / Bundesweite Solidarität mit dem Anti-Atom-Protest rund um Gorleben

Mit mehr als 400 Bussen waren am Sonnabend Tausende Menschen aus dem ganzen Bundesgebiet zur Kundgebung ins Wendland gereist. Es war die größte Demonstration in der über 30-jährigen Geschichte des Gorleben-Widerstands.
Zehntausende demonstrierten unter dem Motto »Mit Gorleben k
Zehntausende demonstrierten unter dem Motto »Mit Gorleben kommen sie nicht durch – Rote Karte für Atomkraft!« ND-

»Das Volk ist noch nie so ignoriert worden«, schimpft Anne-Maria. Sie ist mit 30 Leuten aus dem Westerwald vier Uhr morgens gestartet, um zu zeigen: Wir unterstützen euch, Gorleben ist überall. Ihr Freies Westerwälder Anti-Atomkraft-Bündnis hat sich erst vor zwei Wochen gegründet, zwei Montagsdemos mit 300 Leuten veranstaltet und für die Fahrt nach Gorleben geworben. Am Sonnabend steht sie mit einem frisch gedruckten Transparent auf dem Platz. Auch nach der Demo wird der Protest nicht vorbei sein. »Wir haben bei uns ja gerade erst angefangen«, sagt Anne-Maria.

Priessecker Feuerwehr

Neben dutzenden Essens- und Getränkebuden haben Bürgerinitiativen und Umweltgruppen ihre Infostände auf dem abgeernteten Maisfeld beim Örtchen Splietau aufgebaut. Es gibt Stromwechselstuben von Greenpeace und Lichtblick. »Aus Priesseck kommt die Feuerwehr und stellt sich vor dem Castor quer«, steht auf einem roten Löschwagen.

Fünf Kilometer weiter östlich in Klein Gusborn sind die Landwirte der Bäuerlichen Notgemeinschaft seit Stunden dabei, ihren Treckerkonvoi zusammenzustellen. Sie haben Prominente aus Politik und Kultur eingeladen, sie auf der Fahrt zur Kundgebung zu begleiten. Gregor Gysi kommt als erster auf die Wiese, auf der Umweltschützer vor Jahren hunderte steinerner Kreuze in den Boden gerammt und das Areal zum »Ehrenfriedhof für Bundestagsabgeordnete nach dem Supergau« umbenannt haben. Der Linksfraktionschef schimpft erst mal kräftig über die Atompolitik der Bundesregierung. Es sei unverantwortlich, eine nicht beherrschte Technik weiter auszubauen. »Und unverschämt, Niedersachsen zum Atomklo der Bundesrepublik zu machen.« Gysi durfte selbst auf einen Trecker steigen und lostuckern. »Ich war Facharbeiter für Rinderzucht«, erklärt er. »Das Treckerfahren habe ich schon mit 16 gelernt.«

Auch Claudia Roth hat damit schon früh Erfahrungen gesammelt. »Ich komme schließlich aus Bayern«, sagt die Vorsitzende der Grünen. Gorleben sei »ein illegaler Schwarzbau«. Die Endlagersuche müsse neu begonnen werden, Gorleben als Standort »ist politisch verbrannt«.

Vor dem Start posieren Chauffeure und Fahrgäste vor einem Anti-Atom-Transparent für ein Foto. Schöne Werbung für die Spitzenpolitiker, Beweisfoto für die Landwirte. »Das werden wir ihnen in zwei Jahren vor die Nase halten«, freut sich Lothar und schiebt sein Basecap fester auf den Kopf. Der 60-Jährige steht mit seinem blauen Ford-Schlepper weiter hinten in der Schlange. Vor zwei Tagen hat er wieder mit dem Rauchen angefangen – als Ventil für den Stress. Seit Monaten bereitet sich die Bäuerliche Notgemeinschaft auf diese Tage vor.

Gegen elf setzt sich der Konvoi in Bewegung. Mehr als 600 Trecker jeder Bauart schleichen hintereinander her. Aus den Fahrern spricht der Trotz: »Die Regierung organisiert sich das alles selber bei dem Scheiß, den die machen«, sagt Lothar, der bei früheren Aktionen auch schon mal einen Polizeiknüppel auf die Rübe bekommen hat.

Alle Fahrzeuge sind mit Anti-Atom-Fahnen, dem grün-orangefarbenen Banner der »Republik Freies Wendland« oder Transparenten geschmückt. Etliche Bauern haben auch große gelbe »X«, das Widerstandsymbol der Atomkraftgegner, auf die Ladeschaufeln montiert. Im Schritttempo nähern sie sich Splietau. Irgendwann geht nichts mehr. Ab jetzt kommt man nur noch zu Fuß durch.

Lothar hat sich geirrt: Die Kundgebung hat schon ohne sie angefangen. Bis zum Schluss reißt der Menschenstrom nicht ab. Viele stecken rund um Dannenberg im Stau. Manche werden ihr Ziel gar nicht mehr erreichen. Auf die Minute 13 Uhr schickt die Sonne kräftige Strahlen über das Maisfeld. Die gelben Anti-Atom-Fahnen leuchten. Die Menge wächst ständig. Kind und Kegel sind versammelt. 50 000 Demonstranten sind es nach Angaben der Veranstalter, halb so viele zählte die Polizei.

»Urangie« Merkel

Simon hat ein Schild mit Angela Merkel und Guido Westerwelle mitgebracht, mit »Urangie« und »Strahlemann«. Er hofft, dass Demos wie diese oder in Stuttgart ausstrahlen. »Es wäre schön, wenn die Zivilgesellschaft wieder mehr auf die Straße ginge«, sagt er. Schon seit er 14 war, wollte er zum Castor-Protest. Jetzt hat er es endlich geschafft, auch um den schon sicher geglaubten Atomausstieg zu verteidigen.

Wer im Wendland groß wird, war oft schon gegen Atomkraft demonstrieren, bevor er 14 wird. Drei Mädchen sitzen auf einer Decke und verkaufen Schlüsselanhänger für 5 Euro. In ihre Kapuzenpullis mit »Atomkraft nein Danke« drauf können sie noch reinwachsen. »Wir sind hier, weil wir ganz doll dagegen sind«, weiß die zehnjährige Zoe-Lynn.

Eine lokale Castor-Gruppe verteilt zentnerweise Biobananen – Deutschland als Bananenrepublik, Anspielung auf den geheim verhandelten Atomvertrag. »Kraft für die Nacht«, werden die Leute ermutigt. Am Stand der Bürgerinitiative (BI) Umweltschutz Lüchow-Dannenberg sind die Autofähnchen und Holz-Xe längst aus. Und der Nachschub steckt im Stau. Die BI-Vorsitzende Kerstin Rudek ruft bei der Kundgebung zu weiteren Aktionen auf. »Bleibt im Wendland. Demonstriert weiter. Sorgt dafür, dass sie mit Gorleben nicht durchkommen«, sagt sie. Zwischen den Reden schallt es immer wieder: »Abschalten, abschalten.«

DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach nutzt die Gelegenheit zum Rundumschlag und rechnet mit schwarz-gelben Politik ab. Bei der zeitgleich stattfindenden DGB-Demonstration in Hannover gehe es neben der Krisenpolitik der Regierung auch gegen die Laufzeitverlängerung.

Auch wenn Parteien mit Ständen vertreten sind, gern gesehen sind ihre Symbole eigentlich nicht. Die Anti-Atom-Bewegung legt Wert auf Unabhängigkeit. Christopher im FC.-St. Pauli-Pulli hat trotzdem seine LINKE-Fahne dabei. Der 13-jährige Kieler ist in einem Bus der Grünen hergefahren und findet, man könne schon zeigen, dass die Linkspartei gegen Atomkraft sei.

Plötzlich elektrisiert eine Nachricht: 150 verkeilte Traktoren blockieren in Splietau eine der beiden vorgesehenen Routen für den Straßentransport nach Gorleben. Polizeibeamte stehen zwischen den Maschinen und passen auf, dass niemand im Schutz der Riesen die Straße aufreißt.

Das passiert an anderer Stelle. Während einige schwarz gekleidete Demonstranten das Solidaritätslied singen, schaufeln andere hinter ihnen, verborgen unter einer Zeltplane, ein Loch unter der Straße. Schnell ist es an die vier Meter breit und einen Meter tief. Dann werden sie entdeckt. Polizisten stürmen auf die Gruppe los, setzen Tränengas und Schlagstöcke ein. Aus der Menge fliegen Flaschen, Knallkörper, Erdklumpen und Äste auf die Beamten. Ein Polizeisprecher berichtet auch von Steinwürfen. Ab dann ist die Grube umstellt. Es gibt Festnahmen.

Positive Bilanz

Als die Kundgebung am frühen Abend beendet ist, ziehen die Organisatoren Bilanz: Die größte Demonstration in der Geschichte des Gorleben-Widerstands habe gezeigt, dass die Bevölkerung »keine Klientelpolitik für Atomkonzerne auf Kosten ihrer Sicherheit duldet«. Die meisten machen sich auf den Rückweg, am Rand der Wiese werden einige Feuer zum Wärmen angezündet. Die Treckerfahrer harren noch einige Stunden in der nasskalten Dunkelheit aus. Dann sitzen sie auf und fahren zu einem Stellplatz. »Wären wir in der Nacht geräumt worden, hätten wir unsere Trecker Mittwochnachmittag wieder abholen können«, sagt Lothar. Was er nicht sagt, aber meint: Unsere Trecker werden noch gebraucht.

Siehe auch: Fotogalerie

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