Von Martin Hatzius
10.11.2010

Sehnsucht nach Klarheit

Peter Hacks und die Romantik – eine Tagung in Berlin

Der Dichter Peter Hacks ist seit sieben Jahren tot, die literarische Romantik, fasst man den Begriff eng, seit mehr als zwei Jahrhunderten. Wenn sich nun die »Dritte wissenschaftliche Tagung zu Werk und Leben von Peter Hacks« dem Thema »Peter Hacks und die Romantik« widmete, so wandte sie sich, könnte man meinen, zwei abgeschlossenen Sammelgebieten in einem zu. Wie trügerisch diese Annahme! Die Frage aufzuwerfen, was die alten Streitereien uns heute angehen, war kein erklärtes Anliegen der Veranstaltung, aber das Ringen um Antworten auf diese ungestellte Frage war eines ihrer Ergebnisse.

Mit dieser Behauptung, die das Augenmerk auf die Zeitlosigkeit des sozialistischen Klassikers Peter Hacks lenken soll, sei kein Wort gesagt gegen den wissenschaftlichen Anspruch der erfreulich forsch fortschreitenden Hacks-Forschung, deren Erkenntnisse auf der Tagung vorgestellt und teils hitzig diskutiert wurden. Sie zu publizieren, ist jüngst in der Berliner Eulenspiegel-Verlagsgruppe das Imprint »Aurora« aus der Taufe gehoben worden, wo neben kommentierten Einzelausgaben und der fünfbändigen Dokumentation der von Hacks geleiteten Akademiegespräche bereits die Vorträge der ersten beiden Tagungen veröffentlicht sind. Die Drucklegung der diesjährigen Referate erfolgt im kommenden Jahr. Neben »Aurora« macht sich in Mainz der Verlag André Thiele (VAT) um die Aufarbeitung des dichterischen Lebens/Werks verdient. Hier wird das Periodikum »Argos« herausgebracht, hier erschien 2008 Ronald Webers Hacks-Bibliografie, hier soll 2011 Felix Bartels' Hacks-Lexikon veröffentlicht werden.

Peter Hacks hatte, 1955 aus München kommend, die DDR als den Ort und den Sozialismus als die Gesellschaftsform gewählt, darin er seine Kunst und sein Denken entfalten zu können wusste. Mit dem real existierenden Sozialismus ging ihm die politische Grundlage seines ästhetischen Wirkens verloren. Nicht, dass er nach 1989 nicht mehr geschrieben hätte, aber was er schrieb, schrieb er im grollenden Bewusstsein, in einer resonanzlosen »Niedergangsepoche« angelangt zu sein, in der sein Wirken unerhört bleibt. Wenn sich jetzt, wo er tot ist, Alte und immer mehr Junge aus Ost und zunehmend auch aus West dem Dichter zuwenden – und sie tun dies bei allem Ernst mit Heiterkeit –, dann lässt dies darauf schließen, dass Hacks an Dinge rührte, die sich keineswegs überlebt haben. Im Versuch, die Ursachen dafür zu ergründen, dass dieser Dichter wieder zusehends an Attraktivität gewinnt, erweist sich ausgerechnet die erneute Auseinandersetzung mit seinem alten Kampf gegen die Romantik als lohnenswert.

Dass Hacks, wenn er mit rhetorisch gespitzter Lanze gegen Friedrich Schlegel ins Feld zieht, zwar keine rein politische, aber eben auch nicht nur eine ästhetische Schlacht schlägt, ist die eine Seite der Medaille, die die Tagungsredner zu polieren wussten. Dass es ihm, indem er historisierte, zwar auch, aber gar nicht vordringlich um die Epoche der Romantik ging, ist die andere. Der große Romantik-Streit in der DDR fällt in das Jahr 1976, über das Biermanns Ausbürgerung von hinten ihren Schatten wirft. Zu Beginn jenes Jahres hatte Franz Fühmann eine Rede gehalten, in der er E.T.A. Hoffmann und mit ihm die Romantik in einer Weise würdigte, die Hacks erzürnte. Der Dichter, der seine Stoffe und Arbeitsweisen dem Klassischen in dem Sinne verpflichtet hatte, als er darin etwas Mustergültiges erkannte, auf das es, die sozialistische Wirklichkeit im Blick, aufzubauen gelte, betrachtete Fühmanns Rede als Angriff auf das anerkanntermaßen Bestehende. Was der Dichter Hacks fühlte, brachte auf der Tagung der Schriftsteller Dietmar Dath auf den Punkt: »Er konnte es nicht leiden, dass jemand etwas kaputtmacht, das die Genies ihm hinterlassen haben.«

Hacks reagierte auf Fühmanns Hoffmann-Rede seinerseits mit einer Rede, die Friedrich Schlegel ins Visier nimmt: »Der Meineiddichter«. Darin heißt es: »Die Meister Goethe, Schiller und Hegel waren eben dabei, die einzelnen Formen der Erkenntnis reinlich zu trennen und einer jeden den Aufgabenbereich zuzumessen, für den sie am dienlichsten war. [...] Sie schmiedeten und schärften ihre Zangen, dergestalt, daß sie die verwickelte Wirklichkeit am gründlichsten zu packen bekämen. Und kaum hatten sie einen einigermaßen brauchbaren Arbeitsplatz zusammengeräumt, kam dieser entlaufene Lehrbursche ihnen in die Werkstatt gesprungen und warf alles wieder durcheinander.«

Man muss blind sein, wenn man in dieser Polemik nichts als die Abrechnung mit einem längst wehrlosen Antipoden erkennt. Die Schlegels des Jahres 1976, die sich in Hacks' Verständnis anschickten, das »einigermaßen brauchbar« Zusammengeräumte kaputtzuschlagen, hießen Franz Fühmann, Stephan Hermlin, Heiner Müller usf. Der Tagungsreferent Ronald Weber, befasst mit diesem Thema, erkannte im DDR-Romantik-Streit das Ausfechten der (damals) »allerheutigsten Kriege auf den napoleonischen Schlachtfeldern«. Hacks verstand Fühmann als Sprecher einer oppositionellen Künstlerbewegung, er bezichtigte seine ästhetischen Widersacher, freilich historisch vermittelt, des Verrats an der Idee der Klassik und am Sozialismus. Ein paar Monate später, wie erwähnt, fand die Biermann-Affäre statt. Indem sich Hacks, nun unvermittelt, gegen den Aufmüpfigen stellte, gab er diesem Bekenntnis nicht nur seinen großen Erfolg auf westdeutschen Bühnen preis, sondern auch seine Anerkennung unter vielen DDR-Kollegen.

Es ist auf der Tagung mehrfach konstatiert worden, wie selektiv Peter Hacks sich bei seinen wiederholten Auseinandersetzungen mit »der« Romantik auf den Stand der aktuellen Forschung beruft. Wenn man bedenkt, dass es sich hier um einen Dichter, nicht um einen Literaturwissenschaftler, handelt, der, wenn er »Romantik« sagt, nicht vordringlich auf eine Epoche zielt, sondern auf eine vermeintlich oder tatsächlich dahinter stehende Haltung, wird man ihm mangelnde Sorgfalt kaum nachsagen können. Die Haltung, die Hacks meint, ist politisch eine von »Frondeuren«, die Machtstrukturen zu zerschlagen trachten, ohne ihnen etwas Klügeres entgegenzusetzen, ästhetisch ist sie geprägt vom Willen zur Destruktion: Als höchste »Form« galt der Romantik das Fragment.

Liest man Hacks' späte Streitschrift »Zur Romantik«, so kommt man gar nicht umhin, Fühmann und die anderen Gemeinten gegen dieses Donnern in Schutz zu nehmen. Wenn er im Hinwenden zur literarischen Subjektivität kaum mehr und nichts anderes erkennen will als den »Versuch, die Konterrevolution durch Angehörige der künstlerischen Intelligenz in Gang setzen zu lassen«, so zeugt das nicht nur von einer Verkennung künstlerischer Absichten, sondern auch von einer Überschätzung künstlerischer Macht. Um den Tagungsredner Kai Köhler zu zitieren: »Napoleon wurde so wenig von den Romantikern besiegt wie die DDR von Christa Wolf.« In diesem brillant geschriebenen, zutiefst ungerechten Essay »Zur Romantik« (2001) führt Peter Hacks seine Auseinandersetzung mit der Romantik zu einem verschwörungstheoretisch gesättigten Ende. Dass nicht nur eine seiner letzten, sondern auch seine früheste bekannte Prosaschrift sich mit der Dichotomie Klassik/Romantik befasste, war auf der Tagung zu erfahren. Im Juni 1946 vom 18-jährigen Abiturienten Peter Hacks verfasst, sei sie ihrem Charakter nach deskriptiv, enthalte aber bereits viele spätere Thesen.

Die intensive und durchaus lustvolle Beschäftigung mit Hacks' Romantikbild wie mit seinem Werk schlechthin – dies meine in den Raum gestellte These – rührt aus dem wachsenden Widerwillen gegen eine Kunst, die jedes Maß und jeden Zweck verloren zu haben scheint; die kaputte Kunst der kaputten Gegenwart; das indifferente Alles-hat-recht. Was Skeptiker als Götzenverehrung missinterpretieren, ist in Wirklichkeit Bewunderung für eine Klarheit des Denkens und Formulierens, die rar geworden ist. Die Doktorandin Bernadette Grubner, deren im Entstehen begriffene Dissertation den Romantik- und Klassikbegriff bei Peter Hacks untersucht, sagte auf dem Abschlusspodium: »Diese klare Haltung ist mir wichtiger als die Behauptung: Der hat recht.«