Lieber Kollege Bisky,
Du hast sicherlich in vielen Punkten recht. Mir persönlich kommt ein Aspekt zu kurz; die Frage, wie denn die traditionellen Milleus mit Hilfe neuer Medien wieder in Schwung gebracht werden können. Ja, es gibt neue Millieus. Aber beispielsweise das Millieu des lohnabhängigen Kleinbürgertums wird auch dauerhaft vielleicht ein Stück weit reproletarisieren, in seiner grundsätzlichen Form jedoch erhalten bleiben. Auch dann, wenn es einen Wechsel weg von der Industrie hinein in die Dienstleistung vollzieht. Die Dienstleistungsbranche wird zunehmend in immer ausgefeilteren Prozessen industrialisiert um mehr Produktivkraft zu entfalten. Daraus ergeben sich ganz neue Belastungsbilder für Menschen. Die körperliche Belastung mit der Folge körperlicher Erkrankungen weicht zunehmend psychischen Belastungen mit entsprechend psychischen Krankheitsbildern. Dynamische Arbeitszeitmodelle verlagern Verantwortung auf Beschäftigte, die dauerhafte Anbindung an IV-Programme ermöglicht die permanente Überwachung der dies wahrnehmenden Beschäftigten, oft gekoppelt mit Fristverträgen ergo noch zusätzlichen steten Stresstriggern. Das alles erfordert unmittelbarere und direktere Möglichkeiten der Interessensvertretung in den Betrieben, die der Kernpunkt eines jeden zukünftigen Ansatzes demokratisierter Wirtschaftsformen sei müssen. Mehr Emanzipation von der völlig überforderten Repräsentativvertretung durch Betriebsräte, hin zu mehr eigener Rechtsanspruchswahrnehmung in zwar kollektiven, aber dennoch libertären Selbstentwicklungsprozessen.
Das, lieber Kollege Bisky, ist die Kernanforderung unserer Zeit - die Nutzung neuer technischer Entwicklungen, neuer Medien, um die alten neuen Beschäftigten in ihren neuen Mehrheitsmillieus in der Lohnabhängigkeit zu entwickeln.
Die Abkehr vom Lohnabhängigenfokus ist m.E. nach völliger Mumpitz, ein Minderheitenthema.
Freundschaft
JJ
Lothar, ich halte es für unwahrscheinlich, dass in das gesellschaftliche Blaue hinein gesetzte mediale Mitwirkungsinstrumente aus sich selbst heraus die Teilhabewahrnehmung der Mehrheitsbevölkerung verändern werden.
Vielmehr muss das Individuum in den Blick gerückt werden. Erst viele individuell sozialisierte Menschen werden ein verändertes kollektives Bild zeichnen. Diese Veränderung kann nur in den prägenden Erfahrungswelten erfolgen, stattfindend in den Teilen des Tages, in der die Mehrheit der Menschen ihre grauen Zellen anstrengen - innerhalb des Arbeitsprozesses. Arbeit ist Daseinswille!
Damit sich die individuelle Sozialisierung innerhalb des Arbeitsprozesses weiterentwickeln kann, muss die Wahrnehmung von betrieblichen Entscheidungsprozessen intensiviert werden. Da die Teilhabe an den betrieblichen Entscheidungsprozessen nicht gegeben ist, kann innerhalb der Lohnarbeit nur eine intensivierte Wahrnehmung der Entscheidungsprozesse der Interessensvertretung den Einstieg in eine Veränderung hinein ebnen, die dann auch abseits einer avantgardistischen Überzeugungswirkung Ausgangspunkt einer kollektiven Forderung nach einer ökonomischen und organisatorischen Mitbestimmung ist. Der Schlüssel ist Transparenz - die ungefilterte und hierarchielose Wahrnehmung stattfindender Entscheidungsprozesse.
Abschließend ein wenig Pathos:
Und erst im Arbeitsprozess individuell zu mündigen Herren ihres eigenen Schicksals heranreifende Menschen werden auch die immateriellen Dimensionen gesellschaftlicher Transformationen für sich erschließen lernen.
Die Wirkung vor die Ursache setzen, wollten wir schon immer; und haben unter den schlimmsten Verwerfungen doch immer noch feststellen müssen es geht nicht.
JJ
Mein Kommentar kommt erst jetzt, weil ich die letzten fünf Tage grölend auf dem Boden lag:
"Sie zählen auch zur Generation C64?
Ja."
auch "Einige der damaligen Studenten sind heute Unternehmer und stellen Bilder per Computer her." ist ein großer Wurf. Mein Daumen ist leider nicht so lang, wie ich als Zielgruppe ihn in die Höhe strecken möchte.
Und erst die prickelnden Stadtteile! Weiter bin ich in dem Artikel noch gar nicht gekommen. Ich muss mich vor lachen auch erstmal noch ne Runde auf den Fußboden legen. Wirklich ganz, ganz köstlich!
Hallo Johann! Ich verfüge leider nicht über genügend Informationskompetenzum Deine Kommentare zu verstehen.
Wenn Du Lust und Zeit hast, würde ich mich freuen, vielleicht Du anhand von Beispielen anders Deinem Unternehmen die Kommentare anders zu "verpacken" könntest? Oder mir per Mail einen ein oder zwei Links aus Wikipedia sendest, damit ich meine "Hausaufgaben machen kann?
Wenn ich persönlich mit einem Problem nicht weiterkomme, dann versuche ich das z.B mit einer MindMap oder schaue auf einer Videoplattform nach...
Entschuldigung,ich kann mich leider nicht besser ausrücken oder meinen Text hier besser formulieren.
Lieber Kollege,
es geht im Kern um Folgendes:
Um die Einsicht, dass Gesellschaft nur von ihrer kleinsten Einheit aus verändert werden kann - dem Individuum.
Der entscheidende Sozialisierungsparameter ist die zugänglich Erfahrungswelt(übersetzt = das was die Menschen maßgeblich Tag für Tag erleben, prägt ihren Charakter, ihre Fähigkeiten und ihr Denken)
Auch unserer mordernen Zivilisation wohnt ein immanenter Reproduktionsimpuls inne (übersetzt = wir unternehmen das Notwendige, um zu überleben)
Individualisiert, sollte dieser Reproduktionsimpuls in erster Linie durch Dimensionen von Kreativität und Phantasie, rationalisiert durch Innovationskraft innerhalb des Produktionsprozesses(PP) Ausdruck erhalten (übersetzt = weil wir das Notwendige tun um zu überleben, sind wir erfinderisch und verändern uns ständig)
Individualisiert zeigt sich aber heute innerhalb des PP in erster Linie eine Dimension von Humankapitalverwertung(übersetzt = wir treiben den Menschen jeden Spaß an der Arbeit aus, weil wir ihnen sagen was sie tun sollen statt sie selbst überlegen zu lassen)
Die Strukturen innerhalb des PP sind heute nicht emanzipatorisch, sondern repressiv militaristisch(übersetzt = wir fördern nicht die Mündigkeit der Menschen in ihrer Funktion als demokratische Bürgerinnen und Bürger, sondern produzieren Knechte am Fließband)
Und wenn wir Letzteres verändern wollen, ich komme hier zum Anfang meines Kommentares zurück, dann geht das nicht dadurch, das wir den Menschen von oben herab erzählen was ihr Problem ist, sondern nur dadurch, dass wir ihnen das notwendige Rüstzeug an die Hand geben sich selbst zu befreien.
Das ist mein Verständnis einer libertären Sozialismusperspektive und ich erhebe den Anspruch auf die Richtigkeit dieser Deutungsmöglichkeit. Warum? Weil sie das Leben selbst zum Erkenntnisobjekt erhebt.
JJ
Von dem Supergipfel, der ursprünglich als gemeinsames NATO- und G8-Treffen in Chicago geplant war, nahm die US-Regierung schnell wieder Abstand.
Die Proteste wären wohl aus dem Ruder gelaufen. An diesem Wochenende tagen die Vertreter der G8-Länder in einer militärisch abgeschirmten Sperrzone in Camp David in der Nähe der US-Hauptstadt. Die NATO-Strategen halten dagegen Chicago in Atem. Von dort berichtet Max Böhnel über die internationale Gegenkonferenz namens „NATO Free Future“, zu der auch Vertreter der deutschen Friedensbewegung anreisen. Am Sonntag soll als Höhepunkt gegen den Willen von Stadtverwaltung und Polizei eine Grossdemonstration gegen das Militärbündnis stattfinden.
Blog von Marcus Meier: Welche Chancen erwachsen aus technischen Innovationen - für eine soziale und umweltfreundliche Gesellschaft, für mehr Demokratie, für ein rationaleres Wirtschaftssystem? Wo verhindern kapitalistische Mechanismen den technischen Fortschritt oder den fortschrittlichen Technikgebrauch? Wie, wo und warum generiert der Kapitalismus schlicht Fortschrott? Das sind die Fragen, die das neue nd-Weblog "Linke und Technik..! Fortschritt, Fortschrott und die Folgen " beantworten will. Autor Marcus Meier ist übrigens beides: Technikfreund und Technikskeptiker.
Hausblog: Aus dem nd über das nd: In unserem Hausblog halten wir Sie über alles berichtenswerte aus Redaktion und Verlag auf dem Laufenden.

Marcus Meier ist Journalist und arbeitet zu den Themen Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Für das nd schreibt er seit Oktober 2009 regelmäßig – und meist zu NRW-Themen. Meier betreibt Das SPRUSKO-Prinzip, ein Weblog »zur Kritik des Ramsch-Kapitalismus«. Er lebt und arbeitet in Bochum. Seine Webseite: www.marcusmeier.de.

Max Böhnel lebt seit dreizehn Jahren in der Nähe von New York und berichtet als freier Journalist für deutschsprachige Radiosender, Print- und Internetmedien, unter anderem auch für nd.
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