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Von Lilian-Astrid Geese
17.11.2010

Im Grunde sind wir Punks

Ironische Essays von Michel Houellebecq

Wortreich wird er beschrieben: Michel Houellebecq ist Zyniker, Provokateur und vielleicht auch Egomane. Er ist überdies vielseitig, unterhaltsam, klug. Er altert mit Würde, ließe sich mit einer Anleihe an seine subtile, manchmal beißende Ironie sagen.

Nun darf man skeptisch auch fragen, ob eine Sammlung im Original bereits zwischen 1997 und 2008 publizierter Texte unter dem etwas aufgeblasenen Titel »Ich habe einen Traum« mehr ist, als Marketing. Vielleicht, um die Zeit zu überbrücken, bist das jüngste Werk des Romanciers – »La carte et le territoire« – in deutscher Übersetzung vorliegt? Für letzteres wurde dem gern als Skandalautor titulierten Houellebecq soeben Frankreichs höchste literarische Auszeichnung, der »Prix Goncourt«, verliehen. Nicht ganz überraschend, denn er war bereits in der Vergangenheit für diesen renommierten Preis favorisiert worden. Was mit »Elementarteilchen« (1998) und »Die Möglichkeit einer Insel« (2005) nicht gelang, führte also mit »Karte und Gebiet«, das im März 2011 bei Dumont auf Deutsch erscheint, zum Erfolg. Das Enfant terrible der französischen Literaturszene ist nach wie vor umstritten. Der seit 2001 als Feind des Islam und Sexist kritisierte Autor lebt mittlerweile in Irland und Spanien. Aktuell beschuldigt man ihn des Plagiats: Er habe aus Wikipedia abgekupfert, heißt es. Houellebecq kontert, der Romancier verknüpfe nun mal Realität und Fiktion. Da passt es doch schön, dass er mit einer Geschichte den »Prix Goncourt« bekommt, in der ein alter, wenig sympathischer und ziemlich heruntergeommener Schriftsteller namens Michel Houellebecq brutal ermordet wird.

Aber zurück zum vorliegenden Essayband, der uns die Zeit bis März 2011 vertreiben soll.

Wer nicht regelmäßig die intellektuellen Debatten in Frankreich verfolgt, dürfte bei manchen der hier zusammengestellten Texte Schwierigkeiten haben, zu verstehen, worauf sich die Kommentare und Anmerkungen des Autors beziehen. Dennoch bietet Houellebecq, wie kaum anders erwartet, auch in seinem Parcours der 2009 im Original bei Flammarion erschienenen »Interventions 2« höchst angenehme Unterhaltung. Schon, weil er so freche und arrogante, scharfzüngig um der Scharfzüngigkeit willen formulierte Sätze in den professionell und freizeitlich akademischen Raum schleudert, wie über den langjährigen Debattengegner, Agronom (wie Houellebecq selbst) und Schriftstellerkollegen Alain Robbe-Grillet: »[Er] erinnert mich an Bodenprofile«. Oder wegen seines kruden Bekenntnisses gegen den Marxismus: »Mit Sicherheit war es die Bewunderung, die Lenin für Jack London an den Tag legte, … die mich früh und für immer daran gehindert hat, mit dem Marxismus zu liebäugeln.« Houellebecq schreibt, was er denkt, und das stilvoll: »Mein Eindruck ist, dass man sich Religionen gegenüber heute so verhält wie gegenüber bretonischen Volkstänzen. So lange es traditionell, ein wenig altmodisch zugeht, wirkt das Ganze respektabel und fast sympathisch.«

Ein Highlight ist das Gespräch mit Gilles Martin-Chauffier und Jérôme Béglé über die französische Literatur, in dem der Autor, der den Wunsch zu provozieren nie zügeln kann, konstatiert, dass negative Texte niemand mehr lesen möchte. Dabei, so meint Houellebecq, »verkraftet« eine Gesellschaft, die »stark und selbstsicher ist«, auch »negative Literatur«. Bereits 2002 hatte er im Gespräch mit Christian Authier in ähnliche Richtung argumentiert: »Ich komme einfach nicht um die Feststellung herum, dass die Gesellschaft, in der ich lebe, Ziele verfolgt, die meinen nicht entsprechen. Der Westen ist für ein menschenwürdiges Leben ungeeignet. Es gibt eigentlich nur eine Sache, die man hier tun kann, nämlich Geld verdienen.«

Die kleine Kollektion von längeren Annotationen, die von Hella Faust exzellent übersetzt ist, bietet ein buntes Panorama böser, wahrer und gut geschriebener Texte. Und schubst die Leserin in Richtung einer typisch houellebecqschen Schlussfolgerung: »Im Grunde sind wir Punks geblieben!«.

Michel Houellebecq: Ich habe einen Traum. Neue Interventionen. Aus dem Französischen von Hella Faust. Dumont Verlag. 109 S., geb., 17,95 €.

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