Von Franko Koitzsch, dpa
18.11.2010

Erste Etappe zur Wachablösung

Handball: HSV jagt Kiel Tabellenspitze ab

Es scheint unglaublich: Handball-Meister THW Kiel hat beim HSV Hamburg nicht gewonnen. Die Hamburger thronen nun an der Tabellenspitze und richten den Blick auf die Meisterschale. Reicht es diesmal zum großen Coup?

Beinahe hätte es das Dach der O2-Arena abgehoben. In einem Urschrei unbändiger Freude entluden sich die Gefühle der Hamburger Anhänger nach dem Sieg über Handball-Meister THW Kiel und sorgten für Hörsturzalarm. 26:25 prangte auf dem Anzeigewürfel, aber so recht glauben wollten es die 13 296 Zuschauer nach Minuten der Besinnung noch immer nicht. In einem dramatischen Finale erzielte Marcin Lijewski Sekunden vor Schluss den kaum noch für möglich gehaltenen Siegtreffer.

»Das war wie eine innere Explosion«, beschrieb Hamburgs Rechtsaußen Stefan Schröder die Sekunden der Ekstase. Es wurde gesungen, getanzt, geklatscht und gestampft. Die höchsten Sprünge machte Hamburgs Trainer Martin Schwalb. Siebeneinhalb Jahre hatten Hamburgs Fans gedarbt, um diesen Augenblick genießen zu können. Zu übermächtig, zu routiniert, selbstbewusst und nervenstark war der THW Kiel bislang in der Höhle des Löwen gewesen.

Diesmal erwies sich der HSV als ebenbürtig, nachdem er bei einem Rückstand von vier Toren schon geschlagen schien. Am Ende hatten die Hamburger auch Fortuna auf ihrer Seite. »Ich will nicht von Trauma sprechen, aber es war zumindest ein Befreiungsschlag«, meinte Schröder. Von Wachablösung im deutschen Handball trauten sich die Hanseaten jedoch nicht zu sprechen. Kiel hat bereits 16 Meistertitel, Hamburg noch keinen.

»Das war eine Etappe, aber wir müssen noch nach Kiel«, mahnte Übungsleiter Schwalb. Zwar steht der HSV auf Rang eins, der Vorsprung auf Champions-League-Sieger Kiel beträgt zwei Punkte, stolpern können die Liga-Giganten aber auch völlig überraschend bei einem Kleinen. Ex-Nationalspieler Stefan Kretschmar wollte jedoch eine Zäsur erkannt haben. »Heute ist die Meisterschaft vorentschieden worden. Das könnte ein Durchbruch sein.«

Bei den Kielern regierte Enttäuschung, aber nicht Entmutigung. »Ich bin stolz auf meine Mannschaft«, erklärte THW-Trainer Alfred Gislason. Immerhin fehlten die Top-Spieler Kim Andersson, Daniel Narcisse und Linkshänder Christian Zeitz. »In dieser Konstellation haben wir unglaublich guten Handball geboten«, befand Rückraum-Kanonier Filip Jicha. »Mit unserem Linkshänder wäre das ein anderes Spiel geworden. Wenn wir so weiterspielen, müssen wir uns keine Gedanken machen.«

Dann richtete er einen Gruß an die Hamburger: »Zum Schluss wird abgerechnet.« In diesem Jahr will der HSV endlich an Dauermeister Kiel vorbei und selbst ins Rampenlicht. Der nationale Titel ist den Hamburgern fast wichtiger als der Pott in der Champions League. Von diesem Zweikampf lebt die »stärkste Liga der Welt«. Wenig erbaulich jedoch: Die Konkurrenz ist schon abgeschrieben. Jicha: »Für alle anderen wird es schwer, an die Schale zu kommen.«

Werbung in eigener Sache

Artikel weiterempfehlen und ausdrucken