Von Hendrik Lasch, Dresden
19.11.2010

CDU-Hofhistoriker war früher ein IM

Hannah-Arendt-Institut gibt sich überrascht

Ein Mitarbeiter des Dresdner Hannah-Arendt-Instituts, der über die Staatssicherheit publizierte, war selbst IM. Das Institut tut überrascht, obwohl der Fakt intern längst bekannt war.

»Die friedliche Revolution – Aufbruch zur Demokratie in Sachsen 1989/90« heißt ein Buch, das nach Ansicht von Stanislaw Tillich in keiner Schulbiliothek fehlen sollte. Das sagte Sachsens CDU-Ministerpräsident, als er das zweibändige, von der Landeszentrale für politische Bildung verlegte Werk im Herbst vorstellte. Autor ist Michael Richter, ein Historiker am Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung (HAIT) und, wie nun publik wurde, früherer IM des Ministeriums für Staatssicherheit.

Laut Medienberichten hat Richter 1979 eine Verpflichtungserklärung unterschrieben und danach Berichte geliefert, unter anderem über politische Einstellungen, aber auch die sexuelle Orientierung von Kommilitonen. Dafür soll er Prämien erhalten haben. 1981 siedelte er mithilfe des MfS in den Westen über, brach dort aber den Kontakt ab. Er studierte, arbeitete unter anderem für die Adenauer-Stiftung und kam 1994 an das HAIT, wo er auch zum Thema Staatssicherheit forschte.

Für das Institut ist der Vorfall hochgradig peinlich – die »maximal mögliche Katastrophe«, sagt Michael Beleites, der Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen. Die Institutsleitung gab sich gestern überrascht und erklärte, im August 2010 ein Auskunftsersuchen an die Birthler-Behörde gerichtet, aber erst diese Woche Unterlagen erhalten zu haben; erst nach Lektüre wolle man sich äußern. Dagegen bestätigt Gerhard Besier, von 2003 bis 2008 Direktor des HAIT, schon damals unter der Hand von der IM-Tätigkeit gehört zu haben, Er habe sich aber nicht kümmern können, weil »ich so genug Krach hatte«. Besier galt der CDU als politisch nicht linientreu und musste den Posten aufgeben; er sitzt jetzt für die LINKE im Landtag.

Peinlich ist der Fall auch für die CDU. Sie mischte sich gern in die Personalpolitik des Instituts ein, das zum Zweck der Totalitarismusforschung gegründet wurde und eine Art geistige Rüstkammer der Regierungspartei für den Kampf mit dem Erbe des »SED-Regimes« darstellte. Richter schien eine Idealbesetzung; der 57-Jährige genießt den Ruf eines »Haus- und Hofhistorikers« der Partei.

Jetzt werde man ihn wohl fallen lassen, mutmaßt Besier, nach dessen Ansicht der Vorgang jedoch ein Schlaglicht auf die »Heuchelei« der CDU im Umgang mit dem IM-Thema wirft: »Jeden kleinen Lehrer und jeden PDS-Mann mit einer solchen Biografie hat man fertig gemacht«, sagt er. Im Fall Richter soll der damalige Minister Matthias Rößler, der heute Landtagspräsident ist, über die IM-Tätigkeit informiert gewesen sein. Es habe aber Gutachten gegeben, die das Kuratorium zur Anstellung bewogen, wird er zitiert. Rößler habe 2004 ebenfalls eine Laudatio auf ein Richter-Buch gehalten, erinnert sich Besier – im Jahr, als er selbst angesichts des Wirbels um eine angebliche IM-Tätigkeit von PDS-Chef Peter Porsch für Versöhnung plädierte. Die CDU, erinnert sich Besier, »ist über mich hergefallen«. Wie sie mit zweierlei Maß messe, sagt er – »das stinkt«.

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