Von Karlheinz Kasper
20.11.2010

Ein Geistesriese

Vor hundert Jahren starb Lew Nikolajewitsch Tolstoi

Bild 1
Lew Nikolajewitsch Tolstoi auf dem Balkon seines Hauses in Jasnaja Poljana.

Tolstoi starb am Morgen des 20. November 1910.* Nur von seinem Arzt begleitet, hatte er zehn Tage vorher um fünf Uhr früh Jasnaja Poljana heimlich verlassen, um dem Zerwürfnis mit seiner Frau und der eigenen inneren Unruhe zu entfliehen. In dem Brief, den er Sofja Andrejewna hinterließ, bezeichnete er seine Lage im Haus als unerträglich. Er könne nicht länger im Luxus verweilen und werde aus dem weltlichen Leben fortgehen. Ein klares Ziel hatte Tolstoi nicht. Er setzte sich in den Zug, suchte das Kloster Optina Pustyn und seine Schwester Maria im Frauenkloster Schamardino auf. Eine Lungenentzündung zwang ihn, die Weiterfahrt auf der kleinen Bahnstation Astapowo zu unterbrechen. Dort versammelten sich Tolstois Kinder, seine Frau, Freunde, Ärzte, Journalisten und Fotografen. In Windeseile erfuhr die Welt von der Flucht des Schriftstellers und von seinem Tod. Die Beerdigung in Jasnaja Poljana, an der Menschen aus allen sozialen Schichten teilnahmen, fand unter Polizeiaufsicht statt. Das Grab Tolstois, den Gorki später »gottähnlich« nennen würde, blieb ohne Kreuz.

Lebensstationen

Graf Lew Tolstoi wurde am 28. August 1828 auf dem Gut Jasnaja Poljana im Gouvernement Tula in einer der ältesten russischen Adelsfamilien geboren. Mit zwei Jahren verlor er die Mutter, mit neun den Vater und kam wie seine vier Geschwister unter die Vormundschaft von Verwandten. In Kasan studierte er Orientalistik und Jura, konnte sich jedoch weder für das Arabische noch für Montesquieus »Vom Geist der Gesetze« erwärmen. Er ging 1847 ohne Abschluss nach Jasnaja Poljana, das ihm durch Erbteilung zugefallen war. 1851 besuchte er seinen Bruder Nikolai, der in der Kaukasusarmee diente, und nahm als Freiwilliger an Überfällen auf die Tschetschenen teil. Als Artillerieoffizier erlebte Tolstoi den Krimkrieg und die Verteidigung Sewastopols. Da er sich mit den literarischen Kreisen Petersburgs nicht arrangieren wollte, zog er sich nach Jasnaja Poljana zurück.

Auf zwei Reisen nach Westeuropa lernte er die Pädagogen Fröbel und Diesterweg sowie die revolutionären Denker Herzen, Ogarjow und Proudhon kennen. Nach Aufhebung der Leibeigenschaft setzte er sich für die Bauern seines Landkreises ein, gründete Schulen, schuf Fibeln, Lesebücher und pädagogische Schriften. Argwöhnisch wurde dies von Spitzeln observiert.

1862 heiratete Tolstoi die achtzehnjährige Sofja Behrs, die Tochter eines kaiserlichen Hofarztes. Vor der Hochzeit gewährte er ihr Einblick in seine Tagebücher, ohne zu ahnen, wie sehr er sie mit den Bekenntnissen über sein Vorleben schockierte. Sofja Andrejewna gebar ihm 13 Kinder, war seine erste Leserin, schrieb seine Manuskripte unzählige Male ab, kümmerte sich um die Werkausgabe, verwaltete das Landgut und die Finanzen. Ihr eigenes literarisches Talent musste sie lange unterdrücken. Auseinandersetzungen zwischen ihr und dem »genialen und hochkomplizierten« Mann waren unausweichlich.

Nachdem die großen Romane »Krieg und Frieden« und »Anna Karenina« geschrieben waren, geriet Tolstoi in eine geistige Krise. In seiner »Beichte« (1882) warf er sich Lüge, Betrug, Alkoholgenuss, Ausschweifung und Gewalttätigkeit vor, sagte sich von der russisch-orthodoxen Kirche los, verzichtete auf seine Standesprivilegien und bekannte sich zu einem einfachen Leben nach dem eigenen Verständnis der Evangelien. Diese Entscheidung veränderte sein Dasein radikal, führte zur Verstärkung der didaktisch-aufklärerischen Akzente in seinen Werken, zu Konflikten mit der Familie sowie der staatlichen und kirchlichen Zensur, 1901 zum Kirchenausschluss und 1910 zur Flucht aus Jasnaja Poljana.

Der Schriftsteller

Von 1847 bis an sein Lebensende führt Tolstoi ein Tagebuch, in dem er seine Gedanken und Gefühle schonungslos offen darlegt. Das persönlich Erlebte wird zur wichtigsten Grundlage seiner literarischen Werke. Das gilt schon für das frühe Schaffen. Als Autor steht er hinter Nikolenka Irtenjew, dem empfindsamen Helden der Trilogie »Kindheit«, »Knabenalter« und »Jugend« (1852/1857), teilt dessen Streben nach sittlicher Selbstvervollkommnung. Er spricht aus den »Sewastopoler Erzählungen« (1855), drei Reportagen über die Schrecken des Krieges, die von der grundlegenden Bedeutung der Wahrheit Zeugnis ablegen sollen. In den beiden größten Werken Tolstois wird das bekennerisch-autobiografische Moment noch komplexer.

In »Krieg und Frieden« (1869), einem Epochenbild von beispiellosem Ausmaß, legt der Autor Grundgedanken seiner Philosophie, die Vorstellungen vom natürlichen Leben, der Liebe zu allem Kreatürlichen, dem lebendigen Christentum, der Gewaltlosigkeit und dem »Geist der Einfachheit und Wahrheit« in den kriegsgefangenen Bauern Platon Karatajew, der für den illegitimen Grafensohn Pierre Besuchow die »Verkörperung alles Russischen, Gütigen und Runden« ist. Aber auch in Besuchow, seinem Gedanken, dass die natürlichen Bedürfnisse, nicht aber Reichtum oder die gesellschaftliche Position das Leben bestimmen sollten, ist ein Teil von ihm, erst recht in Andrej Bolkonskijs Sehnsucht nach der beglückenden »Leichtigkeit des Seins« und der Überzeugung, Krieg sei »das Allerscheußlichste im Leben«. Tolstois Napoleon ist ein eitler Herrscher, der sich einbildet, die Geschichte lenken zu können, und nicht begreift, dass er nur eine lächerliche Rolle spielt. Tolstois Kutusow hingegen vertreibt die Grande Armée aus Russland, weil er sich der historischen Notwendigkeit fügt.

In »Anna Karenina« (1877), einem der größten Gesellschaftsromane der Weltliteratur, greift Tolstoi die brennenden Tagesfragen von Freiheit und Gerechtigkeit auf. Er toleriert, im Widerspruch zu seinem Frauenbild, den Fehltritt Annas und führt den Gutsbesitzer Konstantin Lewin durch einen Prozess der moralischen Läuterung. Lewin mäht mit den Bauern, isst ihr Brot, trinkt ihren Kwas, diskutiert über die Dorfgemeinschaft und den Kommunismus, holt in Westeuropa Erfahrungen ein, sucht bei Schopenhauer Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens, zweifelt an den Dogmen der Kirche und erkennt im Gewissen den einzigen unbestechlichen Richter. Ein Bauer überzeugt ihn, dass der Mensch nicht nur für seine Bedürfnisse leben dürfe, sondern »für die Seele, rechtschaffen, in Gottesfurcht«. In beiden großen Romanen – und das macht sie so stark – vermag Tolstoi das Gleichgewicht zwischen dem Künstler und dem Moralisten zu wahren.

Im Spätschaffen ändert sich das. In »Der Tod des Iwan Iljitsch« (1886) schildert Tolstoi weniger den Tod des Gerichtsbeamten als vielmehr die Schrecken seines »simplen und schauderhaften« Lebens. Mit der »Kreutzersonate« (1891) verurteilt er nicht nur den Ehebruch, sondern Ehe, Sexualität und Erotik und sieht in der Frau die pure Verkörperung der Unzucht. Die aus der Bergpredigt abgeleitete scharfe Kritik an der Rechtsprechung, dem Strafvollzug, der Kirche, dem Militär, dem Ständewesen und der Ehe überschattet in dem Roman »Auferstehung« (1899) die Darstellung der konfliktreichen Beziehung zwischen dem Fürsten Nechljudow und der Prostituierten Katja. »Chadschi Murat« (1904) konfrontiert Recht und Unrecht, stellt den Stammesführer Hadschi Murat als Verfechter einer naturnahen Lebensform dar und prangert den Zaren und den Imam Schamil als Repräsentanten des skrupellosen Feudalabsolutismus an.

Der Moralphilosoph

Tolstoi ist ein ernstzunehmender Denker, der weltweit großen Einfluss gewinnt. Er verurteilt im Verlauf seines Lebens Besitz und Reichtum, soziale Missstände, Ausbeutung und Unterdrückung immer schärfer. Eine seiner »Volkserzählungen« heißt »Wie viel Erde braucht der Mensch?« (1885). Die lakonische Antwort lautet: Drei Arschin, so viel wie für ein Grab. Tolstoi kritisiert die dogmatische Theologie und orientiert seine Anhänger auf das Matthäus-Evangelium, in dem Jesus lehrt, nicht das alttestamentliche »Auge um Auge, Zahn um Zahn« dürfe das Zusammenleben bestimmen, es gelte, dem Übel nicht zu widerstreben und selbst seine Feinde zu lieben. In dem Traktat »Was ist Kunst?« (1898) fordert Tolstoi, ein Kunstwerk müsse nicht das Schöne, sondern das Gute transportieren, den Menschen dienen und sie mit den religiös wertvollen Gefühlen »anstecken«, die den Autor beseelen.

Die kalendarisch angelegte Zitatensammlung »Für alle Tage« (1906) betrachtet er als ein »Lebensbuch«. Darin baut er aus eigenen Texten und übernommenen Gedanken und Geschichten eine globale Ethik auf. Jeder Tag eines Monats bringt Zitate von Konfuzius, Mark Aurel, Kant, Schopenhauer, Goethe, Schiller oder Lichtenberg, Talmud- und Bibelsprüche, buddhistische, chinesische oder persische Weisheiten. Das Buch deckt alle Themen ab, die in der Morallehre Tolstois dominant sind – Leben, Tod, Gott, Glaube, Seele, Gutes, Böses, Gewalt, Wahrheit, Gewissen, Demut, Arbeit, Frau und Familie. Tolstois letzte Schriften richten sich gegen den privaten Besitz an Grund und Boden, den Krieg und die Todesstrafe (»Ich kann nicht schweigen«, 1908). Er schreibt der österreichischen Friedensaktivistin Bertha von Suttner, ihr Roman »Die Waffen nieder!« möge zur Abschaffung aller Kriege beitragen. Mahatma Gandhi, mit dem er 1910 einen Briefwechsel führt, entwickelt unter seinem Einfluss das Konzept des gewaltfreien Widerstands gegen die britische Kolonialherrschaft über Indien.

Wirkung in Deutschland

In Deutschland gehört Tolstoi zu den meistgelesenen und am häufigsten übersetzten Schriftstellern. Er stand in Briefkontakt mit Berthold Auerbach, dem Verfasser der »Schwarzwälder Dorfgeschichten», der ihn angeregt hatte, Schulen für die Bauern zu gründen, Wilhelm von Polenz, dessen Roman »Der Büttnerbauer« ihm gefiel, und dem Philosophen Eugen Heinrich Schmitt. Tolstois Bauerntragödie »Die Macht der Finsternis« (1886), deren Aufführung an der Freien Volksbühne Berlin Franz Mehring 1893 durchsetzen konnte, übte einen starken Einfluss auf das Bühnenwerk Gerhart Hauptmanns aus. Rainer Maria Rilkes Besuche bei Tolstoi (1899 in Moskau, 1900 in Jasnaja Poljana) schlugen sich im »Stundenbuch« und den »Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge« nieder. Stefan Zweig würdigte den großen Moralisten in der Sammlung »Sternstunden der Menschheit«. Rosa Luxemburg schätzte Tolstoi wegen der Identität zwischen seinem inneren Leben und seiner Kunst. Anna Seghers war von Tolstoi beeindruckt, weil bei ihm die Gedanken und Handlungen der Figuren direkt aus dem Leben kommen. Enthusiastisch bewunderte Thomas Mann den »russischen Geistesriesen«, den er zu seinen Lehrmeistern zählte und mit Homer, Leonardo da Vinci und immer wieder mit Goethe verglich. Beide seien mit einem großen Anspruch aufgetreten und Menschheitserzieher im Geiste Rousseaus gewesen.

*Nach dem damals noch in Russland gültigen Julianischen Kalender war es der 7. November, der heute praktisch weltweit gültige Gregorianische Kalender wurde in Russland erst ab 1918 eingeführt.


Hüte dich vor allem, was von deinem Gewissen nicht gebilligt wird.

»Du sollst nicht töten« bezieht sich nicht nur auf das Töten von Menschen, sondern auf das Töten alles Lebenden.

Krieg ist ein Zustand, in dem die nichtswürdigsten und lasterhaftesten Menschen zu Macht und Ruhm kommen.

Alle Menschen auf der Welt haben das gleiche Recht auf Nutzung der natürlichen Güter dieser Welt und das gleiche Recht auf Wertschätzung.

Kunst ist eine menschliche Tätigkeit, die darin besteht, dass jemand bewusst, mithilfe bestimmter äußerer Zeichen, selbst erlebte Gefühle übermittelt, die andere Menschen dann, von ihnen angesteckt, ebenfalls empfinden.

Nur die Vernunft befreit den Menschen – je unvernünftiger das menschliche Leben, umso unfreier ist es.

Um an das Gute zu glauben, muss man damit anfangen, es zu tun.

Niemand kann ein Eigentumsrecht auf Grund und Boden haben.

Gott ist jenes Alles, als dessen Teil wir uns erkennen.

Zitiert aus »Für alle Tage«

Neues über Tolstoi

Alexander Goldenweiser: »Entlasse mich aus deinem Herzen. Tolstois letztes Jahr« Deutsch von Alfred Frank. Aufbau 2010.

»Tolstoi als theologischer Denker und Kirchenkritiker«. Herausgegeben von Martin George, Jens Herlth, Christian Münch und Ulrich Schmid. Deutsch von Dorothea Trottenberg und Olga Radetzkaja. Vandenhoeck & Ruprecht 2010.

Werke neu übersetzt

»Anna Karenina«. Deutsch von Rosemarie Tietze. Hanser 2009.

»Krieg und Frieden«. Deutsch von Barbara Conrad. Hanser 2010.

»Kreutzersonate« und Sofja Tolstaja: »Eine Frage der Schuld«. Deutsch von Olga Radetzkaja und Alfred Frank. Manesse 2010.

»Für alle Tage. Ein Lebensbuch«. Deutsch von Christiane Körner. Beck 2010.

Lew Tolstoj/Sofja Tolstaja: »Eine Ehe in Briefen«. Deutsch von Ursula Keller und Natalja Sharandak. Insel 2010.

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