20.11.2010
Fragwürdig

Rabbis aus Berlin?

Neuer Ausbilder im jüdischen Bildungszentrum Chabad Lubawitsch / Der 32-jährige Uri Gamson kam aus Israel nach Berlin, um hier Rabbiner auszubilden

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ND: Sie sind neuer Direktor der Jeschiwa im jüdischen Bildungszentrum Chabad Lubawitsch in Berlin-Wilmersdorf und bilden Rabbiner aus. Wo haben Sie vorher gelehrt?
Gamson: Ich habe an Colleges in Israel unterrichtet und war Leiter einer Jeschiwa, einer Talmud-Hochschule, sowie Gemeinderabbiner in Holon, ein Vorort von Tel Aviv. Dann erhielt ich das Angebot von Rabbiner Teichtal, dem Leiter des Bildungszentrums, als Ausbilder nach Berlin zu kommen – und wir haben »Ja« gesagt, meine Frau und ich.

Wie wird man Ausbilder?
Ich arbeite jetzt zehn Jahre in der Pädagogik, neun Jahre war ich Seminarleiter in Israel. Dann wollte Gott, dass ich Leiter eines englischsprachigen Seminars in Israel wurde. Durch diese Voraussetzungen bot mir Rabbiner Teichtal an, nach Berlin zu kommen. Chabad Lubawitsch ist eine chassidische Gruppierung. Chabad ist ein Akronym für die hebräischen Begriffe Chochma – Weisheit, Bina – Erkenntnis, und Daat – Wissen. Wieder in Deutschland zu lehren, ist eine große Aufgabe. Die Juden und ihre Kultur waren vor dem Krieg hier sehr stark integriert. Das möchten wir auch unseren Kindern vermitteln.

Wer kann Rabbiner werden?
Jeder Jude, vorausgesetzt er hat die entsprechende Bildung. Und die beginnt schon damit, wie der Junge aufwächst. Schauen Sie, hier ist der Talmud meines Großvaters. Schon er lernte aus diesem Buch von 1884, bevor er selbst Rabbi wurde. Der Talmud beschäftigt sich mit jüdischer Philosophie und Weisheit. Ich kam als Fünfjähriger mit dem Talmud in Berührung. Mit neun oder zehn Jahren sollten die Jungen beginnen ihn zu studieren. Die Hintergründe müssen verstanden werden, sie sind Grundlage für jüdische Ethik. Der Talmud besteht aus 37 Büchern, über die man Bescheid wissen muss. Dann kann man mit dem Studium beginnen.

Wie lang ist der Weg zum Rabbi?
Bevor die Studenten zu uns kommen, haben sie ja schon die Jeschiwa absolviert, so sieben bis acht Jahre. Nach einem Jahr können sie ihre Ordination ablegen.

Bilden Sie Rabbis nach dem orthodoxen oder liberalen Ritus aus?
Wir verstehen das Judentum als Gesamtheit. Die Unterscheidungen zwischen Reform, Konservatismus, liberalem oder orthodoxem Judentum gibt es noch nicht sehr lange. Über Jahrtausende hinweg waren wir ein Volk mit einer Religion. Nun wird unterschieden, seitdem es den Versuch gibt, moderne Wege der Religionsausübung zu finden, das Judentum den heutigen Gegebenheiten anzupassen. Die einen suchen Antworten in neuen Texten und Aussagen. Wir denken, dass alle Antworten auf sämtliche aktuellen Fragen – von iPad bis zur Präimplantationsdiagnostik – bereits in unseren Schriften und Auslegungen enthalten sind. Wenn Sie das als orthodox bezeichnen, dann trifft das wohl zu.

Was wird gelehrt?
Es gibt zwei Schwerpunkte. Zum einen Kaschrut, das Wissen über die Speisegesetze. Wir Juden können nicht einfach essen, wie und was wir wollen. Gewisse Regeln müssen eingehalten werden. Der zweite Schwerpunkt sind die Feiertage, zum Beispiel Schabbat. Der Samstag ist im Judentum der siebente Tag der Woche. In der jüdischen Philosophie ist dieser Tag nicht nur zur Erholung da, sondern auch zur Reflexion. Außerdem lernen die Studenten, wie man eine Gemeinde führt und Versammlungen in der Synagoge geleitet werden können. Ein Rabbi ist nicht nur ein spiritueller Führer. Er vermittelt auch bei weltlichen Problemen. Diese Prinzipien möchte ich meinen Studenten vermitteln.

Fragen: Andreas Heinz

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