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01.12.2010

Inspiration für den Journalismus

Brüggemann: Wikileaks ist eine wichtige, zeitgemäße Recherchequelle

Dr. Michael Brüggemann ist am Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung Zürich (IPMZ) im Bereich der international vergleichenden Medienforschung tätig. Er studierte in Washington und München und ist zudem Absolvent der Deutschen Journalismusschule München. Über die Auswirkungen der Wikileaks-Enthüllungen auf die Medienwelt sprach mit ihm Yvonne von Hunnius.
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ND: Werden Informationskanäle wie Wikileaks den klassischen Journalismus bald abgelöst haben?
Brüggemann: Keinesfalls. Wikileaks trägt einen belebenden Beitrag zur Wiederauferstehung des investigativen Journalismus bei. Es war schon immer so, dass Journalisten auf sogenannte »Whistleblowers« angewiesen waren – also Menschen, die ihnen Geheimnisse verrieten. Und Wikileaks ist eine zeitgemäße Plattform, die zwischen Geheimnisträgern und dem Journalismus steht. Es braucht Journalisten, denn es gibt immer noch einen großen Unterschied zwischen dem Zur-Verfügung-Stellen und Aufbereiten. Journalisten stellen die Informationen in den Kontext, evaluieren und interpretieren. Wikileaks kann das nicht leisten.

Doch warum wenden sich die Personen nicht gleich an eine Redaktion?
Ich könnte mir vorstellen, dass sie dem System der Redaktion weniger vertrauen als dem anonymisierenden Informationsträger Wikileaks. Gerade der Quellenschutz wird in verschiedenen Ländern ganz unterschiedlich gehandhabt und bei internationalen Themen lauern hier Gefahren für die Informationsträger.

Aber ist es nicht die Funktion des Journalisten, selbst investigativ tätig zu werden?
Natürlich. Doch im Zuge der Sparmaßnahmen werden Redaktionen verkleinert und immer weniger fest angestellte Journalisten können dafür freigestellt werden, um eine gewisse Zeit zu einem Thema zu recherchieren. Somit erfüllt Wikileaks eine Kompensationsaufgabe. Sie erledigen den Job, für den in Redaktionen kein Geld mehr zur Verfügung steht. In den USA und in Großbritannien wird damit experimentiert, dass Stiftungen Recherchestipendien vergeben, doch bei diesen alternativen Finanzierungsmodellen ist man hierzulande noch nicht sehr weit.

Kritische Stimmen bemängeln, dass nun den Journalisten Themen diktiert würden, statt dass diese von ihnen selektiert werden könnten …
Der Journalismus ist mehr denn je unter Aktualitäts- und Konkurrenzdruck. Und ich denke, der investigative Journalismus kann sich anhand von Wikileaks sogar selbst noch weiterentwickeln. Durch ihre Informationspolitik kommt die Presse nicht daran vorbei, auch über Themen zu berichten, die sie sonst vielleicht nicht berücksichtigt hätte, weil sie ihr zu heiß gewesen wäre. So kommt an diesen brennenden Fragen niemand mehr vorbei, und die Öffentlichkeit wird informiert. Somit inspiriert Wikileaks sogar.

Wikileaks-Kopf Julian Assange behauptet, das Schicksal der internationalen Medien läge in seinen Händen. Hat er recht?
Nein. Es gibt einen Bedarf an einer Informationsübermittlung dieser Art, denn die Gesellschaft wird immer komplexer und für Redaktionen unübersichtlicher. Und Wikileaks ist nur die am häufigsten momentan diskutierte Plattform, die diese Aufgabe erfüllt. Zerschlägt sie sich aus irgendeinem Grund, wird eine andere an ihre Stelle treten.

Dann ist es kein Schlag wider den Journalismus, wenn Wikileaks juristisch zu Fall gebracht wird?
Doch, das wäre es, wenn Wikileaks als Vorwand dafür verwandt wird, die Freiheit der Verwendung von Quellen zu beschneiden. Investigativer Journalismus lebt davon, auch geheime Quellen zu benutzen – selbstverständlich unter der Prämisse, dass hiermit verantwortungsvoll umgegangen wird. Wird diese Möglichkeit beschnitten, dann wäre das ein harter Schlag für den investigativen Journalismus. Wikileaks ist kein Ersatz für guten Journalismus. Aber es stellt Informationen zur Verfügung, die investigativen Journalismus als Recherchequelle unterstützen können.

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