Von Kira Taszman
01.12.2010

Depardieu im Doppelpack

10. Französische Filmwoche beginnt heute in Berlin

Der wuchtige Arbeiter im Blaumann erfreut sich der kleinen Dinge des Lebens: Germain arbeitet in seinem Gemüsegärtchen, kippt sein Gläschen Roten im Bistro oder erteilt den Tauben auf dem Dorfplatz Namen. Nachdem er dort eines Tages eine gebildete ältere Dame trifft, eröffnen sich ihm völlig neue Welten, denn sie liest dem Quasi-Analphabeten Camus und Maupassant vor.

Gespielt wird Germain in Jean Beckers Film »Das Labyrinth der Wörter« von der Allzweckwaffe des französischen Kinos, Gérard Depardieu, der auch diese Figur absolut glaubhaft verkörpert. Sehen kann man den Film erstmals auf der mittlerweile zehnten Französischen Filmwoche Berlin. Deren Programm umfasst ein Dutzend Filme, die bereits einen deutschen Verleih haben. Früher konnte man auf der Veranstaltung auch Werke entdecken, die später nicht in deutschen Kinos kamen.

Das veränderte Konzept, erklärt die Film- und Medienbeauftragte der Französischen Botschaft Nathalie von Bernstorff, solle die Verbundenheit der französischen Produktionen mit ihren deutschen Verleihern unterstreichen. Alternativere Filme französischer Sprache könne man bei dem bald anstehenden Online-Filmfestival entdecken, beziehungsweise bei einem später startenden Festival von Erstlingswerken im Babylon-Mitte. Außerdem kämen nun mehr Filmschaffende zur Filmwoche.

Tatsächlich eröffnet Galliens Filmstar Nummer eins, Depardieu höchstpersönlich, am 1.12. das Festival. Er stellt dort als Weltpremiere (außerhalb Frankreichs) einen weiteren Film vor. In Bruno Chiches deutsch-französischer Koproduktion »Small World« spielt er an der Seite von Alexandra Maria Lara einen an Gedächtnisschwund leidenden Mann.

Coline Serreaus Dokumentation »Good Food, Bad Food« führt dagegen engagiert die weltweit verheerenden Folgen der industrialisierten Landwirtschaft vor Augen. Alternative Bewirtschaftungsformen von Brasilien über Indien werden in diesem erhellenden Film erörtert. In dem zweiten Dokfilm, »La Danse«, schaut der legendäre Dokumentarfilmer Greg Wiseman hinter die Kulissen des Balletts der »Opéra National Paris«, zeigt die Arbeit bei Proben, aber auch in der Verwaltung und taucht seine (Hand-)Kamera immer ganz nah ins Geschehen.

»Tournee« heißt dagegen das Road-Movie von Schauspieler und Regisseur Mathieu Amalric. Es handelt von einem abgehalfterten Ex-TV-Moderator, der mit einer Truppe reiferer Damen und ihrer Tanz-Erotikshow durch die Provinz tingelt. Die präzise, desillusionierte und doch humorvolle Milieu-Studie brachte Amalric den diesjährigen Regiepreis in Cannes ein.

»Plein Sud« von Sébastien Lifshitz wiederum beschreibt die Selbstsuche eines jungen Mannes, dem ein trampendes Geschwisterpaar beim Überwinden seines Traumas hilft.

Tunlichst meiden sollte man das verlogene Gutmensch-Opus »Vergissmichnicht« mit Sophie Marceau. Eine Entdeckung sind dagegen die beiden Filme des erst 21-jährigen Franko-Kanadiers Xavier Dolan. Sein Erstling »J’ai tué ma mère« schildert die Hassliebe eines Teenagers zu seiner Mutter. In »Les amours imaginaires« wiederum konkurrieren ein junger Mann und seine beste Freundin um die Gunst eines schönen Fremden. Interview-Einsprengsel und verfremdende Zeitlupen à la Wong Kar Wai sind Stilmittel dieses jungen Talents.

Einen würdigen Abschluss findet das Festival mit Xavier Beauvois’ »Von Menschen und Göttern«. Das auf wahren Begebenheiten beruhende, eindringliche Drama erzählt von altruistischen Zisterziensermönchen im Algerien der 90er Jahre und ihrem friedlichen Widerstand gegenüber islamistischen Extremisten.

1.12. – 8.12. im Cinéma Paris, Filmtheater am Friedrichshain und Passage Neukölln; www.franzoesische-filmwoche.de

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