Vor dem Gebäude mit der Aufschrift »Berliner Tafel e.V. – Lebensmittelspenden für Bedürftige« herrscht bereits frühmorgens Großmarktatmosphäre. Zwischen den Lieferwagen wuseln Helfer in grünen Sweatshirts, sie bringen Obst, Gemüse und andere Nahrungsmittel an ihren Bestimmungsort. Hinter dieser Geschäftigkeit steht letztlich Sabine Werth. Schon seit 17 Jahren opfert sie fast ihre gesamte Freizeit für diesen Verein, der längst zu einem sozialen Großunternehmen geworden ist: 400 Quadratmeter Lager und Büros betreibt die Tafel in der Hauptstadt auf einem Industriegelände an der Moabiter Beussel-strasse. 14 Festangestellte, dutzende Ein-Euro-Jobber und 1900 Ehrenamtliche sammeln und sortieren monatlich 550 Tonnen Lebensmittel – die letztlich an 125 000 bedürftige Berliner verteilt werden.
Wie wurde Sabine Werth, was sie ist? Schon immer, erzählt sie, habe sie sich für andere eingesetzt – am liebsten in eigener Verantwortung. Es ging mit 14 Jahren los, als Werth die jüngste Schülersprecherin Berlins wurde. Dann machte sie Abitur, studierte Sozialpädagogik an einer evangelischen Fachhochschule – um 1987 die Familienpflegefirma zu gründen, die sie hauptberuflich bis heute leitet. Neben der ganzen Tafel-Sache. Bis heute sprudelt Sabine Werth vor Energie: »Entweder ich mache etwas selbst, oder ich lasse es. In Abhängigkeit von irgendwelchen Strukturen will ich nicht arbeiten.«
Besser ist die dynamische 52-Jährige im Aufbauen von Strukturen. Im Frühjahr 1993 begann sie mit einigen Mitgliedern der wohltätigen »Initiativgruppe Berliner Frauen« damit, nach dem Vorbild der amerikanischen Organisation »New York City Harvest« überschüssige, nicht mehr verkäufliche Lebensmittel bei den Supermärkten einzusammeln und zu den Obdachloseneinrichtungen zu bringen. Dort war man – besonders nach dem Ende der massiven Berlin-Subventionen auf beiden Seiten der Mauer und den folgenden drastischen Kürzungen im Berliner Haushalt – für jegliche Unterstützung dankbar. Und die jedermann einleuchtende Verbindung von Abfallvermeidung und Lebensmittelhilfe machte das Konzept auch für potenzielle Helferinnen und Helfer attraktiv.
Das Potenzial dieser Idee, sagt Werth heute, sei nicht zu übersehen gewesen. 1994 gründet sie die Berliner Tafel e.V., die nun auch männlichen Helfern offen steht und neben den Obdachlosen-Übernachtungen schnell weitere soziale Einrichtungen als »Kunden« gewinnen kann. Das Angebot an Lebensmitteln scheint zunächst schier unbegrenzt zu sein – schließlich können die Supermärkte durch das Spenden an die Tafel einerseits Entsorgungskosten sparen und sich noch als soziale Wohltäter profilieren. Während das »Containern«, das individuelle Suchen nach Essbarem in den Mülltonnen der Warenhäuser, oft mit Anzeigen quittiert wird – erst kürzlich kam es im sächsischen Döbeln deshalb zum Prozess – , sei das Spenden dieses essbaren Abfalls letztlich auch Teil einer knallharten Marktstrategie, sagt Werth.
Doch für die bundesweite Verbreitung, die das Modell der Tafel ab der Mitte des vergangenen Jahrzehntes findet, sorgt weniger die quirlige Dame selbst als die politischen Umstände: 2005 werden die sogenannten Hartz-Gesetze umgesetzt, die Armut im Land steigt rapide. Nur fünf Jahre später ist die Deutschlandkarte hinter Werths Schreibtisch mit unzähligen kleinen Fähnchen gespickt – jede steht für ein Nachahmerprojekt. Längst gibt es auch einen »Bundesverband der Deutschen Tafeln«, Sabine Werth hat ihm lange vorgesessen. Rund 50 000 Ehrenamtliche versorgen in 877 regionalen Tafeln inzwischen mehr als eine Million Endverbraucher.
Beeindruckende Zahlen, für die Sabine Werth viel Anerkennung erfahren hat, unter anderem durch den Verdienstorden des Landes Berlin und das Bundesverdienstkreuz. Doch gibt es auch Kritik: Anstatt wie zu Beginn nur denen zu helfen, die durch das soziale Netz gefallen sind – wie Obdachlose und Drogensüchtige –, seien die Tafeln heute längst selbst unverzichtbarer Bestandteil eben jenes Netzes, sagen Kritiker der »Vertafelung«. Und die Fakten stützen diese These: Mittlerweile sind es überwiegend ganz normale Hartz-IV-Betroffene, deren Kinder – und auf die Grundsicherung angewiesene Armutsrentner, die sich mit Hilfe der günstigen Lebensmittel bescheidene finanzielle Spielräume schaffen. Die Tafeln, so ein wachsender Chor der Kritiker, ersetzen letztlich das soziale Recht durch ein Almosen – und förderten auf diese Art sogar den Sozialabbau.
Diese Argumentation kann Sabine Werth nur begrenzt nachvollziehen. »Nur Anarchie ist nicht systemstabilisierend«, sagt sie dazu. In ihren Augen eignet sich gerade die Breite und die mediale Präsenz der Tafelbewegung dazu, das Thema Armut in diesem reichen Land auf die Agenda zu heben. Werth sieht die Tafeln eher als »Mahnerinnen« denn als Feigenblatt der Politik. Zugleich hat sie aber auch an den Behörden Kritik: »Die Arbeitsagenturen geben den Leuten teils einen Zettel mit der nächsten Ausgabestelle der Tafel in die Hand. Das geht nicht, da machen wir sofort den Mund auf!«
Dass es Agenturen gibt, die solche Zettel verteilen, macht auch Sabine Werth ein bisschen wachsam. Es ist ihr wichtig, dass die Tafeln nur ein Zusatzangebot machen – und »keine verlässliche Grundversorgung« bieten. Das stetige Wachsen ihrer Idee sieht sie inzwischen genauso kritisch wie die Tafelläden in Süddeutschland, die die Ware zu einem Bruchteil des Originalpreises verkaufen, anstatt sie einmal wöchentlich gegen einen symbolischen Betrag abzugeben. Werth kritisiert: »Da kann man ganz normal jeden Tag einkaufen gehen, das ist doch keine Zusatzversorgung mehr, das ist eine Grundversorgung.« Werth sagt, die Tafeln sollten nur helfen, schnell und unbürokratisch. Am besten fände sie es aber, »wenn wir irgendwann nicht mehr gebraucht werden«.
Zusatzhilfe und Verteilung des Überschusses also statt einer Grundversorgung – das Motto ist klar, schon in den Tafel-Grundsätzen steht das so. Doch lassen sich die Dinge in der Praxis trennen? Zumindest ist die Tafelbewegung inzwischen ein Faktor in der Kalkulation der Supermärkte, die jetzt knapper rechnen. Werth sieht das als einen Erfolg an – es ist aber auch ein Problem damit verbunden: Längst bestimmt nicht mehr das verfügbare Angebot an Übriggelassenem, sondern die stetig steigende Nachfrage nach Hilfe die Arbeit des Vereins.
Um solche Ausfälle zu kompensieren, backt die Bäckerei Kamps seit 2007 täglich mindestens 300 Brote für das von Kirchen, dem Rundfunk Berlin-Brandenburg und der Berliner Tafel 2004 initiierte Projekt »Laib und Seele«, das über 45 Ausgabestellen Bedürftige direkt mit Lebensmitteln versorgt. Und bei der regelmäßig stattfindenden »Aktion Eins mehr« werden Supermarktkunden gebeten, ein zusätzliches Produkt zu kaufen und zu spenden. Dieses Sammeln klassischer Almosen zur Aufrechterhaltung des Angebots steht ebenso wie die Etablierung immer neuer Hilfsangebote (Kinderrestaurants, Kochkurse für Kinder) irgendwie im Widerspruch zur theoretisch geforderten Selbstbeschränkung.
Durch die stetige Professionalisierung und den kontinuierlichen Ausbau der Hilfe ist die Berliner Tafel längst ein institutionalisierter, »unverzichtbarer Bestandteil der Berliner Soziallandschaft«, wie Sabine Werth einst selbst formulierte. Sie ist sich bewusst, dass jede professionelle Organisation irgendwann ein Eigenleben führt, eine Selbstabschaffung des Vereins in Zukunft daher wenig wahrscheinlich ist. Nachdenklich gibt sie zu: »Inzwischen können wir gar nicht mehr so einfach aufhören, weil hier einiges an Existenzen dranhängt. Wir haben jetzt 14 Festangestellte – das ist schon ein Problem.«
Doch für solche Bedenken bleibt ihr wenig Zeit. Schon klopft ein Fahrer an die Tür – mehrere Paletten Joghurt wollen abgeholt werden, die Chefin muss das organisieren. Dann beginnen Werths Telefone zu klingeln – beide gleichzeitig. Doch das bringt Sabine Werth nicht mehr aus der Ruhe. »Manchmal ist es schon stressig«, gibt sie lächelnd zu. Aber immerhin war sie diesen Herbst endlich mal im Urlaub, das erste Mal seit vielen Jahren.
Die beiden Telefone aber, erzählt Sabine Werth, die hat sie trotzdem mitgenommen.
Aktuelle Ausgabe: 25.05.2012
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