Von Bernd Kammer
07.12.2010

S-Bahn-Flotte stark zusammengeschmolzen

Geschäftsführer entschuldigt sich für das Chaos / Nächste Woche soll es wieder besser rollen – wenn der Winter mitspielt

Die Berliner müssen noch mindestens bis zum kommenden Wochenende mit dem derzeitigen Chaos-Fahrplan der S-Bahn zurechtkommen. Erst dann sollen wieder so viele Wagen zur Verfügung stehen wie vor dem Wintereinbruch – falls nicht der nächste Schneefall die S-Bahn-Flotte erneut zusammenschmelzen lässt. »Wenn es bei extremen Temperaturen wieder schneit, ist es nicht ausgeschlossen, dass uns dies zusätzlich Fahrzeuge kostet«, sagte gestern sichtlich zerknirscht S-Bahn-Chef Peter Buchner. Ihm blieb nicht viel mehr als eine Entschuldigung auszusprechen »für die Situation, die entstanden ist«.

Und der Versuch, das Desaster zu erklären. Wegen der vielen Auflagen zur Wartung und Kontrolle der Züge sei das System »so fragil, dass es bei externen Schocks kollabiert«. Mit dem Schock war der Wintereinbruch gemeint, auf den sich das Unternehmen aber gut vorbereitet fühlte. »Wir haben uns nicht vorstellen können, dass wir so einbrechen«, so Buchner. Hauptproblem waren diesmal die Weichen. Am Donnerstag kam es an ihnen zu 69 Störungen, so dass selbst einsatzbereite S-Bahnen nicht auf die Strecke geschickt werden konnten. Am Freitag schrumpfte dann der Fahrzeugpark weiter, weil Züge die Werkstätten nicht mehr erreichten und wegen überschrittener Wartungsfristen, etwa beim Auffüllen der Bremsbehälter mit Sand, aus dem Verkehr gezogen werden mussten. Am Wochenende standen so nur noch 270 Viertelzüge (zwei Wagen) zur Verfügung, 160 weniger als vor dem Wintereinbruch. Gestern morgen befanden sich noch 90 Viertelzüge im Wartungsstau vor den Werkstätten.

Die Weichenheizungen, für die die Bahntochter DB Netz zuständig ist, haben laut S-Bahn zwar funktioniert, sie seien aber immer wieder zugeweht worden. »Da half nur der Besen.« 118 Räumkräfte waren am Donnerstag mit dem Freischaufeln beschäftigt, aber er hätte sich schon gewünscht, dass noch ein paar Kräfte mehr im Einsatz gewesen wären, äußerte Buchner verhaltene Kritik an der Bahntochter.

Neben den Infrastrukturproblemen machte der S-Bahn aber auch wieder die eigene Technik zu schaffen. Es kam zu Störungen der Zugmotore durch eingedrungenen Schnee. Weil die Industrie nicht so schnell liefern kann, sind noch nicht alle mit den nötigen Isolierungen versehen. Und das Spray, das Türvereisungen vorbeugen sollte, griff das Material an, jetzt werden zwei neue Mittel erprobt.

Gestern startete die S-Bahn mit 320 Viertelzügen. Jeden Tag sollen weitere 20 hinzukommen, so dass bis Anfang kommender Woche wieder mindestens 416 rollen können – falls der Winter keinen Strich durch den Fahrplan macht. Buchner hoff, dass es 2011 dann »weiter aufwärts« geht. Um wieder den normalen Fahrplan anbieten zu können, wären 560 Viertelzüge notwendig.

Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) sprach von einem »unhaltbaren und nicht zu entschuldigenden Zustand«. Der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) und der Fahrgastverband IGEB machten auch die Deutsche Bahn als Mutterkonzern für die Krise verantwortlich. Seit dem vergangenen Winter sei entgegen aller Versprechungen nichts passiert, so VBB-Chef Hans-Werner Franz. Er vermisse auch ein Durchgreifen der Politik, schließlich befinde sich die Bahn im Staatsbesitz. IGEB-Vizechef Jens Wieseke verlangte stärkere Einflussmöglichkeiten der Länder auf die Bahn-Infrastruktur.

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